Ein König, ein echter König ist voll Geheimnis — aber das wäre er nicht in kostbarer Kleidung: unerkannt und sehr gering ist er der König selbst. Du erkennst ihn plötzlich, und dein Herz stockt. Einmal, auf der Jagd, verlor er sein Gefolge, und am Fuß eines Baumes saß ein Bauer. «Was tust du da?» — «Was soll ich wohl tun. Den König will ich sehen.» — «Dann los, sitz hinter mir auf! Wir reiten hin, und du siehst ihn dir richtig an.» Der Bauer stieg mit zu Pferd, und unterwegs fragte er, woran er den König erkennen könnte. «Du mußt bloß achtgeben, welcher den Hut aufbehält, wenn alle andern ihn abnehmen.» Jetzt stößt er zu der Jagdgesellschaft, und alle Herren entblößen den Kopf. «Nun?» fragt er den Bauern. «Welcher ist der König?» Der antwortet aber bauernschlau: «Herrschaft! Sie oder ich, einer von uns muß es sein, denn nur wir zwei haben den Hut auf.»
Unter den Worten versteckte sich die Furcht mitsamt der Bewunderung. Hatte der König den Bauern angeführt, so hielt dieser, mit der gebotenen Vorsicht, auch den König zum besten. Daraus muß der König lernen. Der gemeine Mann behält zufällig mit ihm allein den Hut auf, sitzt hinter ihm zu Pferd, darf aber dabei nicht vergessen weder seine Bewunderung noch seine Furcht. Jedesmal beginnt das Erlebnis mit Übermut und endet mit einer Lehre. Fröhlich gelaunt ritt er einst nach der Stadt Bayonne, denn sie hatte ihn zu Tisch geladen. Wie er nun hinkam, war im Freien gedeckt, umringt von allem Volk mußte er essen, ihnen Rede und Antwort stehen — aber so nah sie herandrängten, um an seiner Suppe und sogar an seinem Lederkoller zu riechen, er mußte lachend und in Mundart redend noch der König und das Geheimnis bleiben. Es gelang ihm ohne Mühe, weil sein Herz einfach war, und nur sein Verstand war’s nicht. Wenn er gut hervorging aus solch einer Sache, fühlte er eine Befreiung wie nach einem glücklichen Gefecht. Während der Dauer des Wagnisses ist die Gefahr vergessen: er unterhält sich, und er gibt sich hin.
Den Armen, wenn er sich selbst bei ihnen einlud, konnte er auch seine Nöte klagen, und dies mit Zorn und mit Humor, ganz in ihrer Weise. Sie fluchten auf seine Beamten, die ihnen verboten, zu wildern; dann nahm er selbst sie mit zur Jagd. Sie bekamen zu hören, was er auf dem Herzen hatte gegen seinen Stellvertreter, Herrn de Villars; den hatte der Hof von Frankreich ihm auf die Nase gesetzt für den alten Montluc. Dieser Villars spürte ihm nach, als wären sie noch immer in Schloß Louvre. Die Stadt Bordeaux ließ den hugenottischen Gouverneur nicht zu sich ein, und da Henri dagegen machtlos war, stellte er sich gleichgültig. Nur am Tisch der armen Leute, wenn die Gesichter schon erhitzt waren, brach seine Wut aus, und er wurde bei ihnen ein Empörer, das waren hier alle von der Religion. Ihr Protestantismus war ihre Waffe und wurde auch seine. Er teilte den Glauben der armen Leute.
Hugenottische Banden durchzogen die Gegend, sie brandschatzten, so gut wie die andern — zuerst jedesmal die Kirche, zogen dann vorläufig ab, und nach drei Tagen kam auch das Herrenhaus des Dorfes daran, war nicht bis dahin das Lösegeld beschafft und zur Stelle. Der bedrohte Edelmann jagte nach Nérac, aber der Gouverneur war im Schloß nicht immer gleich aufzufinden. Er ergeht sich in seinen Gärten am Laufe der Baïse, so erfuhr der Bittsucher. Sie sind indessen viertausend Schritt lang, von seinen großen Schritten. Sehen Sie nach, Herr, ob er dort ist! Flüßchen und hohe Bäume, alles von demselben matten Grün, und die Wipfel neigen sich zueinander über dem schnurgeraden Laubgang, der die Garenne heißt. Eine Brücke führt vom Park, der Ihnen frei steht, hinüber zu den Blumen und der Orangerie. Nicht zu eilig, Herr, brennt es denn schon bei Ihnen? Sie könnten ihn versäumen, sehen Sie nach, Herr, bei den steinernen Brunnen und in jeder Laube. Der König von Navarra sitzt vielleicht an einem der Plätze und liest den Plutarch. Darüber aber der Pavillon des Königs, der wird bewacht. Sie erkennen ihn an dem roten Dach aus Schindeln. Rot und grellweiß spiegelt er sich im Wasser. Versuchen Sie nur nicht einzudringen, Herr, hüten Sie sich! Sollte der Gouverneur sich dort aufhalten, hat niemand zu fragen, bei welcher Beschäftigung und mit wem!
Der geängstigte Edelmann verließ unverrichteterdinge das Schloß von Nérac. Sein Herz erbitterte sich gegen den hugenottischen Gouverneur. Als aber am dritten Tage die Räuber, ihrem Versprechen gemäß, wiederkehrten, wer fuhr über sie her, und war doch bis zuletzt nicht sichtbar geworden? Ihren Anführer ließ Henri aufhängen, ganz, als wäre er nicht von der Religion gewesen. Die Leute machte er sogleich zu seinen Soldaten. Im Herrenhaus aß er zu Abend; der Edelmann war hochbeglückt mit allen den Seinen, und ungesäumt schickte er Nachricht an seine Verwandten und Freunde ringsum über seine gelungene Errettung durch den hugenottischen Gouverneur. In Wahrheit der erste Prinz von Geblüt! Sollten wir dennoch mit ihm rechnen müssen — dereinst, falls der Thron keinen anderen Erben mehr hätte: aber das liegt weitab. Bis jetzt mag er gut sein, unsere Dörfer zu beschützen vor seinen eigenen Glaubensgenossen. Er ist vor allem Soldat, ein Meister der Zucht und Feind aller wilden Banden oder bewaffneten Strolche. Wer sich bei keinem Hauptmann in die Rolle schreiben läßt, wird bestraft; wer aber den Eid geleistet hat und dennoch durchgeht, womöglich mit der Löhnung, wird mit Tod bestraft. Auch gibt es endlich wieder eine Marktpolizei.
‹Es geht vorwärts›, denkt Henri, der dafür sorgt, daß solche Briefe und Gespräche in Schwung kommen. Sehr wichtig ist das Vertrauen der Unbekannten: es kann sogar die Tatsachen verändern. Viel wäre geschehen, wenn man zum Beispiel sich einbildete, hier im Lande gäbe es nur noch eine und dieselbe Religion! Seine Armee war gemischt aus beiden Bekenntnissen: er sorgte dafür, daß die Neuheit auffiel und gewürdigt wurde. An seinem Hof in Nérac hatte er so viele Katholiken wie Protestanten; die meisten der Edelleute dienten ihm ohne Bezahlung, um seiner Person und Sache willen, und alle waren angehalten zu einer ehrenhaften Friedfertigkeit — die nicht immer bewahrt blieb. Dem König für seinen Teil standen sein Roquelaure und sein Lavardin so nah als nur sein Montgomery und sein Lusignan; er schien gar nicht mehr zu wissen, daß die letzten beiden von seiner Religion waren, die beiden ersten nicht.
Ihm war es durchaus bewußt, trotzdem fand er die Kühnheit, entgegen der Übereinkunft und herrschenden Wahrheit laut zu sagen: «Wer seiner Pflicht nachkommt, ist auch von meinem Glauben, ich aber bin vom Glauben derer, die tapfer und gut sind.» Er sprach dies aus und schrieb es in Briefen, obwohl ihm aus den Worten eine Schlinge gemacht werden konnte. Er hatte aber hinter sich den Louvre, die lange Gefangenschaft, Lüge, Todesfurcht; er sah zurück auf das Gemetzel um des Glaubens willen. Gerade er hätte alles Menschliche hassen können. Statt dessen berief er sich nur noch auf das, was Menschen einigen sollte, und das war, tapfer und gut zu sein. Natürlich dachte er sich das Seine. Tapfer — das sind die wohl. Sogar im Louvre waren die meisten von uns tapfer. Güte? Noch hüten fast alle sich, von Güte etwas merken zu lassen. Dafür müßten sie nicht nur tapfer, sondern kühn sein. Er verführte sie aber, ohne selbst zu bemerken, womit: dadurch, daß er seine Güte würzte mit einiger List. Milde und Duldsamkeit sind den Menschen nicht mehr verächtlich, wenn sie sich überlistet fühlen.