Die Vernünftigsten, wie Rosny und La Force, dieser katholisch, sahen in Biron vor allem einen Gallensüchtigen mit gelben Augen; im Jähzorn hatte er einem Pferd die ganze Schnauze heruntergesäbelt, was nicht für ihn zeugte. Lavardin und Turenne, gleichfalls von verschiedenen Bekenntnissen, waren dennoch darin einig, daß dem Marschall Biron ein gewisses Vertrauen zu gewähren sei. Er entstammte einer der ersten Familien der Provinz Guyenne. Ihm käme es von selbst zu, hier Frieden zu halten. Dies hätte man glauben können. Henri aber las, während der Geheime Rat sich ereiferte, die königliche Verfügung: seine alten Freunde hatten sie ihm übergeben. Darin stand nun, daß Marschall Biron die Macht und Befugnis erhalte, unbeschränkt zu befehlen überall in Provinz und Land Guyenne, in Abwesenheit des Königs von Navarra. Als ob ich abwesend wäre — zum Beispiel gefangen im Louvre! So begriff Henri. Ihm wurde kalt und dann heiß. Er rollte das Schriftstück zusammen und ließ keinen anderen hineinsehen.
Mornay oder die Tugend
Sehr früh am Morgen ging Mornay in den Park La Garenne. Noch waren keine Wachen angestellt. Wenn der König kam, konnte ihre Zusammenkunft von niemand beobachtet werden, und was sie sprachen, blieb unbekannt. Mornay hoffte, daß der König die bedeutende Gelegenheit wahrnähme und daß er allein käme. Mornay hatte keinen geringen Begriff von seiner Einmischung, wo immer er sie unternahm, in England, Flandern, bei Geschäften des Krieges oder während der Herstellung des Friedens. Da er warten mußte im Park La Garenne, bedachte er beim Zwitschern und Trillern der frühen Vögel der Herrlichkeit Gottes, der es zuließ, daß die unschuldigste Natur unmittelbar rührte an die abscheuliche Welt; und durch seinen Sohn hatte der Herr beides vereinigt, denn in Schweiß und Blut war Jesus dahingegangen wie wir, und auch wie wir hatte er den Gesang der Erde, nur noch rührender, in sich getragen. Mornay schrieb dies auf seine Täfelchen, für seine Frau Charlotte Arbaleste. Seit drei Jahren waren sie verheiratet, aber oft und lange getrennt worden durch die Reisen des Mannes, durch die Aufträge der Fürsten, ihnen Geld, immer wieder Geld zu verschaffen. Mornay war genötigt, mehr Berechnungen von Schuld und Zins aufzusetzen als Reden über Leben und Tod. Diese hatte er dennoch verfaßt auf Verlangen seiner Verlobten, als sie zu Sedan im Herzogtum Bouillon, einer Freistatt für Flüchtlinge, einander gefunden hatten.
Ihre Begegnung war geschehn im strengsten Ernst des Lebens und des Todes, zwei Jahre nach der Bartholomäusnacht, und dieser war jeder von ihnen nur entgangen, um arm und verfolgt weiter zu bestehen zur Ehre Gottes. Die Güter Charlottes waren beschlagnahmt, denn sowohl ihr Vater als auch ihr erster Gatte hatten der Religion angehört. Seine Freunde rieten dem jungen Mornay damals zu einer vorteilhafteren Verbindung; er dagegen sagte, Geld und Gut wären das letzte, woran man denken dürfte bei einer Heirat: Hauptsache wären das sittliche Verhalten, die Gottesfurcht und der gute Ruf. Dessen allen erfreute sich Charlotte, sie hatte einen klaren Kopf und trieb Mathematik, ein sicheres Auge und malte. Sie war mildtätig für Arme und sogar von den Großen gefürchtet wegen ihrer Unerbittlichkeit gegen das Schlechte. Lieber als alles betätigte sie ihren glühenden Eifer für Gott und seine Kirche. Dies, und nicht Geld und Gut hatte sie in die Ehe mitgebracht. Mornay fühlte sich reich, als sie ihm erzählte, daß schon ihr Vater einst in Straßburg habe Meister Luther disputieren gesehen mit anderen Doktoren. Nun war Luther niemals in Straßburg gewesen: Mornay erkundigte sich hierüber. Wenn aber ein Bericht ihres Vaters sich in ihrer Erinnerung verklärt hatte, dann sollte Charlotte ihre schöne Begeisterung behalten, und Mornay schwieg. Dies war seine Ehe mit der Hugenottin.
«Sie haben mich verstanden und sind früh auf», sagte auf einmal Henri — war ungesehn in die Laube getreten und setzte sich zu Mornay. Er fragte sogleich: «Wie finden Sie meinen Geheimen Rat?»
«Er ist zu wenig geheim — und zu laut», antwortete Mornay, ohne mit dem Lid zu zwinkern, wie Henri es ihm vormachte.
«Über Marschall Biron ist viel Unsinn geredet worden. Wie? Der ist mein ehrlicher Freund. Das ist gewiß Ihre Meinung?»
«Sire! Wenn er Ihr Freund wäre, hätte der König von Frankreich ihn nicht ernannt. Aber sogar ein ehrlicher Freund würde es nicht lange bleiben als Ihr Stellvertreter.»
«Ich sehe, daß Ihr Verstand nicht überschätzt wird», sagte Henri hierauf. «Wir haben viel lernen müssen, wie, Mornay? Sie hatten es nicht gut in der Verbannung.»
«Und Sie im Louvre nicht.»
Beide bekamen starre Augen. Es war gleich vorbei; Henri fuhr fort: «Ich muß mich hüten, der Hof will mich nochmals gefangensetzen. Lesen Sie!» Er zog das gestrige Schriftstück hervor: Macht und Befugnis für den Marschall von Biron –
«In Abwesenheit des Königs von Navarra», sprach Mornay laut nach.
«In meiner Abwesenheit», wiederholte Henri und schüttelte einen Schauder ab. «Nicht noch einmal!» beteuerte er. «Zwölf Pferde ziehen mich nicht nach Paris.»
«Sie werden es wieder betreten als König von Frankreich», versicherte Mornay — mit einer Handbewegung, kein Höfling hätte sie vollendeter abgerundet. Henri zuckte die Schultern.
«Guise ist zu stark mit seiner Liga. Ich will mich Ihnen anvertrauen: er ist sogar dem König von Spanien schon zu stark, so daß Don Philipp, als Sicherheit gegen Guise, mir versteckte Angebote machen läßt. Er will meine Schwester Kathrin heiraten, nicht mehr und nicht weniger. Ich selbst soll eine Infantin bekommen. Von der Königin von Navarra läßt er mich einfach scheiden — in Rom, wo es für ihn kein Hindernis gibt.» — Mornay sah ihn an, mit dem Blick der Gewissenserforschung.
«Was bleibt mir übrig», äußerte Henri gedrückt. «Ich werde annehmen müssen. Oder wissen Sie einen Ausweg?»
«Ich weiß den», entschied Mornay, streng aufgerichtet, «daß Sie niemals vergessen, wer Sie sind: ein französischer Fürst und Verteidiger der Religion.»
«Dann sollte ich das schöne Angebot des mächtigsten Herrschers einfach zurückweisen?»
«Nicht einfach zurückweisen sollen Sie es, sondern es weitermelden an den König von Frankreich.»
«Gerade das hab ich getan!» rief Henri, lachte und sprang auf. Das Gesicht des Hugenotten verklärte sich; einen Augenblick später lagen sie einander an der Brust.
«Mornay! Du bist der alte geblieben. Einst in dem berittenen Haufen! Du liebtest das Äußerste und den Aufruhr, du hieltest Reden vom Moder und Grand im Purpur der Könige. Unbesonnen warst du selbst damals nicht und sagtest dem Glück nicht nein, als du fortkommen konntest aus der Bartholomäusnacht.»
Er schlug ihn vor den Bauch, als Zeichen der Anerkennung und Freude. «Dem Tod ausweichen, damit fängt alle Diplomatie an — und auch die Kriegskunst.» Gleichzeitig faßte er ihn beim Arm und entführte ihn mit seinen langen Schritten, von denen dieser Parkweg viertausend mißt.
Henri und sein Gesandter trafen einander noch öfter früh und ungesehn. Der wahre Grund, weshalb der König den Rat des Gesandten immer wieder hören wollte, blieb unbekannt, sogar wenn jemand ihnen heimlich gefolgt wäre. Mornay hielt Henri für den künftigen König von Frankreich, das war es; hatte aber mehr als nur die Beweise des inneren Bewußtseins, die einzigen, die Henri klar waren. Eine unverkennbare Weltlage sprach dafür, daß dieses Königreich, und im ganzen Abendland grade dieses, müßte fest vereint werden in der Hand eines Prinzen von Geblüt. Nicht Frankreich allein: die Christenheit «seufzt nach einem Fürsten». Dies war nicht mehr der verfallende Philipp mit seinem zusammengewürfelten Weltreich, im Niedergang wie er. Solche Reiche können nicht auskommen, ohne fortwährend Unternehmungen ins Werk zu setzen gegen die Freiheit der wenigen Nationen, die noch frei sind. Damit aber beschleunigen sie nur ihr eigenes Ende. Mornay verhieß dem bis jetzt furchtbaren Philipp vor seinem Tode, der schimpflich wäre, die schärfsten Züchtigungen von der Hand Gottes. So drückte er es nicht aus, das dachte er nur. Kühl stellte er fest, daß die wahllose Ausdehnung einer Macht und ihre Begierde nach Vorherrschaft unweise wären. Ein Königreich wie dieses im inneren Zerwürfnis erhalten zu wollen — Mornay nannte es weder gottlos noch sträflich, obwohl er dies meinte. Dagegen sprach er von der Logik der Dinge und von der Wahrheit; denn die Wahrheit braucht nur zu erscheinen und siegt auch schon.