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Agrippa, der alte Freund, nahm die Freigebigkeit des Fürsten in Anspruch wie nur einer; der Rechnungskammer in Pau war sein Name am besten bekannt. Einmal sprach er zu einem anderen Edelmann über den König, laut genug, daß Henri es hören mußte. Der andere hatte nicht aufgepaßt, und Henri selbst wiederholte: «Er sagt, daß ich ein Geizkragen bin, und kein Mensch auf Erden strotzt so wie ich von Undank.» Eines anderen Tages wurde dem König ein halbverhungerter Hund gebracht, er hatte das Tier geliebt und dann vergessen. Auf seinem Halsband war eingeritzt ein Sonett von Agrippa; es begann:

«Der treue Citron lag in bessern Tagen auch Auf deinem heiligen Bett: jetzt schläft er auf den Steinen. So geht’s dem treuen Hund, er lernte wie die Deinen, Was bei dem Freund und was beim Undankbarn der Brauch.»

Die Anwendung kam am Schluß:

«Ihr Herrn vom Hof, die ihr mit stolzen Blicken streift Den Hungerhund, wie er verjagt durch Straßen schweift, Erhofft für eigene Treu nur keinen andern Lohn!»

Henri wechselte die Farbe, als er dies las. Die Erkenntnis selbst begangenen Unrechts erfaßte ihn immer sehr schnell und heftig, wenn er es nachher auch wieder vergaß. Eher fand er für die Vergehen anderer eine Entschuldigung. Dem armen Agrippa rechnete er seine Verdienste an, nicht aber die Reizbarkeit seiner dichterischen Natur. Der junge Rosny liebte das Geld noch viel mehr: er gab es nicht aus, er sammelte es. Er hatte inzwischen seinen Vater beerbt, war Baron und besaß die Güter dort oben am Saum der Normandie. Als Henri seine Soldaten bezahlen mußte, verkaufte Baron Rosny einen Wald, und zwar entschloß er sich hierzu, damit die glücklichen Feldzüge des Königs von Navarra das geliehene Geld verzehnfachten. Er baute sich in Nérac, jenseits der alten Brücke, ein Haus, denn gute Geschäfte verlangen Weile. Übrigens durfte sein Fürst ihm nicht zu nahe treten, nicht einmal nach schweren Fehlern: dann brauste Rosny auf. Er wäre weder sein Vasall noch sein Untertan, sagte er Henri ins Gesicht, und er könnte auch gehn — woran in Wirklichkeit kein Gedanke war, schon wegen des Hauses. Henri antwortete scharf, der Weg steh ihm offen, er selbst fände bessere Diener — was ebenso wenig ernst gemeint war. Wie Rosny nun eben geraten war, gehörte er zu den besten: sogar, wenn er für einige Zeit nach Flandern abreiste zu einer Erbtante, der er um des lieben Geldes wegen vormachte, er wäre katholisch.

Von zwei Fräulein wählte er die weniger schöne, aber reichere und heiratete sie. Seine junge Frau holte der Baron aus seinem Schloß im Norden, während dort die Pest hauste. Die Frau saß mitten im Wald in ihrem geschlossenen Wagen und wollte ihren Mann, aus Angst vor Ansteckung, nicht zu sich lassen. Den Baron focht nichts an. Die Pest und alle anderen Hinterhalte, er ging hindurch mit seinem stürmischen Stolz. Nach überstandener Gefahr legte er den Panzer ab und nahm Rechnungen vor. Mit seinem König schlug er alle Schlachten. Als das Königreich aber zusammengebracht war, hatte Henri einen großen Finanzminister.

Hier sind beide noch jung und am Anfang, erobern gemeinsam kleine böse Städte, setzen ihr Leben aus wegen einer Fahne und eines sumpfigen Grabens — der glückliche Rosny kommt dennoch immer auf seine Kosten. Wenn endlich geplündert wird, wer verdient viertausend Taler auf einmal und rettet dafür noch ihren vorigen Besitzer, einen alten Mann, vor den grausamen Soldaten? Henri kannte den Jungen. Der liebte den Ruhm, die Ehre — und fast so sehr das Geld. Dagegen vertröstete Henri einmal auch Mornay auf Zeiten, da sie beide reich sein würden. Er tat es absichtlich, um ihn in Versuchung zu führen. Mornay sagte einfach: «Ich dien und bin schon reich.»

Mit gewollter Härte erwiderte hierauf Henri: «Ich achte Ihrer Opfer nicht, Herr de Mornay. Ich denk an meine eigenen.»

«Wir bringen alles nicht Menschen, sondern Gott dar.» Diese Antwort war demütig und war doch eine Zurechtweisung. Henri wechselte die Farbe.

Kurz danach wurde ihr kleiner Trupp aus einem Gehölz heraus angefallen, und zwar von Reitern des Marschalls Biron, die zahlreicher waren. Dem König von Navarra und seinen paar Begleitern blieb nur übrig, zu wenden und das Weite zu suchen, verfolgt von Schüssen. Als sie anhalten konnten, war zu sehen, daß dem König die Schuhsohle unter dem Fuß weggeschossen war. Der König streckte den ganz unverletzten Fuß hin, damit jemand ihm einen anderen Stiefel darüberzöge. Der es tat, war Mornay. Henri sah sein Gesicht nicht; Mornay stand gebückt, und vom Hals rann ihm, in einem Bach, das Blut. «Mornay! Sie sind verwundet.»

«Ein Nadelstich — wenn ich die Gefahr erwäge, der Eure Majestät entgangen ist. Ich bitte um eine Belohnung, Sire. Setzen Sie Ihr Leben nicht noch einmal unbedacht aus!»

Henri erschrak. Die erste Belohnung, um die Mornay bat, war diese. Jetzt erhob er auch das Gesicht, es erschien vom Blut überlaufen und schon bleich. «Wir waren über die schlimmen Absichten des Marschalls Biron einer Meinung, Sire.» Sonst nichts; Henri vernahm gleichwohclass="underline" als Sie mich noch empfingen allein und vertraut im Park La Garenne — sein Herz fing davon an zu klopfen. Leise sagte er:

«Morgen, am gleichen Ort, zur selben Stunde.»

Ein schweres Geheimnis

Philipp Mornay schlief diese Nacht wenig, und sein Gewissen schlief nicht mit ihm. Er kämpfte schon längst mit sich, ob er ausspräche, wovon er Kenntnis hatte. Die Gelegenheit war gekommen und die Pflicht nachgerade unabweisbar. Während er zeitweilig vom Wundfieber verwirrt war, sah er sich selbst vor dem König stehn, hörte sich reden — schneller als sonst, auch um vieles unwiderstehlicher. Der König gab ihm alles zu, sogar das böse Gerücht von der Frau des Müllers, eine unehrbare, obendrein gefährliche Sache. Der König senkte die Stirn zum Zeichen der Reue, erhob sie indessen wieder, da Mornay es innig wünschte in seinem Fiebertraum. Er wollte nicht, daß sein König durch ihn beschämt würde. Noch weniger war er gesonnen, ihm das Andenken zu trüben an die ihm liebste Person. Leider drängte es damit, wenn der König auf dem abschüssigen Wege seiner Leidenschaften jemals sollte zurückgehalten werden. Man mußte ihm zeigen, wohin sie führten, dies aber konnte nur einer: der Besitzer des schweren Geheimnisses.

Herr! Entbinde mich der Pflicht, bat der Fiebernde, dessen unbeherrschte Gedanken sein Gebet sofort erfüllten. Er brauchte nicht mehr auszusprechen, was ihn so furchtbar quälte, denn der König wußte es schon. Das Unerklärliche war geschehen, der König, nicht mehr Mornay, besaß die anklägerischen Schriftstücke. Er zog sie hervor, gab sie Mornay zu lesen und versicherte, daß die erlangte Kenntnis des Geheimnisses ihn zum Anhalten gebracht und vor dem Sturz gerettet habe. Er sehe jetzt, sagte der König, daß selbst ein geweihtes Leben durch die Unenthaltsamkeit des Geschlechts habe erniedrigt werden können, so daß einige Mitwisser nur in Grauen und Mitleid dieser Toten gedächten. Was bedeutete es dann noch, wenn ein ganzes Volk seine dahingeschiedene Königin verehrte als fromm und rein? Ich, sprach der König im Traum des Fiebernden, will mich warnen und bessern lassen. Ich verzeihe allen, die ihrer Menschennatur gefolgt sind. Ich tat es selbst im Überdruß. Damit soll ein Ende sein: das verspreche ich als der König.