Es sollte aber heißen: Eine Leidenschaft mit so vielen Hintergründen, mit Schuld, Verdacht und Verstrickung, indessen diese Tote ihr armes Gesicht zwischen unsere Küsse schiebt! Margot hätte dies, wenn sie wollte, in lateinische Sätze bringen können: aber ihr Empfinden war ohne Eitelkeit, daher drückte sie es nicht aus. Sie demütigte sich, was sonst nicht vorkam bei der freidenkenden Prinzessin von Valois. Die Christenpflicht erwachte in ihr, zugleich mit der menschlichen Selbstachtung. In diesem Labyrinth geschah entschieden zuviel Besonderes mit Margot, unmöglich konnte es lange so weitergehen. Indessen äußerte sie dennoch: «Du solltest abreisen, teurer Schatz.»
«Mich so nennen hören von deinen Lippen, und dich verlassen?»
«Dies ist ein sittenloser Hof. Ich treibe Wissenschaften, um nichts sehen zu müssen. Meine Mutter glaubt nur an ihre Astrologen, und die haben ihr den Tod der Königin Jeanne vorhergesagt, wahrscheinlich hatten sie den Auftrag dazu von anderen bekommen. Was alles mögen sie ihr aber für künftig noch eingeflüstert haben?»
Margot hatte wohl Vermutungen über manches, das bevorstehen mochte. Lieber, als ihre Mutter zu verdächtigen, schob sie es auf die Astrologen. «Reise schnell ab!»
«Das wäre, als ob ich mich fürchtete!» Seine Entrüstung nahm zu. «Ich werde mir den Mantel bis über den Kopf ziehen, und Paris wird mich auspfeifen, während ich davonlaufe.»
«Sie zeigen einen recht albernen Hochmut, Herr.»
«Sie, meine Dame, haben etwas ganz anderes im Sinn, als Sie vorgeben. Sollte es nicht der Herzog von Guise sein?»
Dermaßen verkannt in ihrer reinsten Regung, blitzte die Prinzessin Marguerite aus ihren zornigen Augen den Unverschämten an und brachte enteilend, ehe er sich besinnen konnte, den Ausgang hinter sich.
Die getanzte Begrüssung
Draussen, vom hellen Tag zuerst noch behindert, erkannte Henri, daß sie nicht weit gekommen war. Ihr Bruder, der König, hatte sie eingefangen und hielt ihren Arm so fest, daß sie das Gesicht verzog. Dabei sprach er mit höchst bösartigem Schnauben auf sie ein: zu verstehen war es nicht. Dennoch war klar, daß er den letzten Streit mit angehört hatte. Was alles vorausgegangen war, davon konnte er nichts wissen. Der junge Henri erschrak in der Erinnerung; durch seine Brust stieg es auf, heiß wie ein Quell im tiefen Fels. Dies, genau dies fühlt auch sie! Umsonst will sie sich wehren!
In Wirklichkeit aber gelang es Margot, sich loszureißen. Stolz und wütend richtete sie sich vor ihrem Bruder auf.
«Sie werden mich nicht zwingen, Sire, einen Hugenotten zum Mann zu nehmen. Mit Ihren Intrigen war ich niemals einverstanden. Man wußte sehr wohl, welches meine Religion war, und dieselbe will ich behalten.»
Karl der Neunte war anfangs erstaunt über soviel Hartnäckigkeit bei seiner guten Schwester. «Intrigen» wagte sie die Pläne ihrer Mutter, Madame Catherine, zu nennen! Dann änderte er seine Haltung; übrigens hatte er inzwischen Henri bemerkt. Laut sagte er: «Deshalb fürchte nichts, meine dicke Margot! Katholisch wirst du bleiben bei deinem Hugenotten.» Leise setzte er etwas hinzu, das wahrscheinlich eine Drohung war, vielleicht der Name ihrer Mutter, denn der Blick der Prinzessin wich kurz und scheu ab, nach dem Fenster dort oben. Infolgedessen sah der Bruder ihren Widerstand als beendet an, nahm sie bei der Hand und führte sie gemessenen Schrittes dem ihr bestimmten Herrn und Meister zu.
«Da hast du meine dicke Margot», sagte Karl der Neunte zu Henri von Navarra.
Verlegenheit ließ er nicht erst aufkommen. «Navarra, wir haben uns nicht begrüßt, denn ich war mit den Hunden beschäftigt. Wir wollen es in angemessener Form nachholen.»
Sofort entfernte er sich zwanzig Schritte weit, klatschte in die Hände — und er mußte wohl seine Befehle vorher erteilt haben, auf gründliche Weise sogar: die beiden in ihrem Labyrinth hatten ihm die Zeit gelassen, deren er bedurfte. Eine andere hätte zwar alles von noch längerer Hand vorbereiten können.
Von zwei Seiten der schönen Gartenfront des Schlosses Louvre bewegten sich zwei Züge festlicher Herren, der eine in der Richtung des Königs von Frankreich, der andere bis hinter den König von Navarra. Das Haus entlang nahmen Soldaten ihre Stellungen ein, Schweizer Wache links und rechts französische Garde. Gemeinsam schlugen diese einen Trommelwirbel, bis alle Herren auf ihren Plätzen waren. Gleich nachher erscholl aus dem vordersten Saal die feierlich lieblichste Musik von Violinen und Flöten.
Die mittlere Tür hatte sich inzwischen geöffnet. Hervor schritten die Damen, viele schöne Fräulein, aber alle geleiteten nur, ganz wie die Perlen die großen Diamanten umgeben, die beiden kostbaren Prinzessinnen, die, ihrer Kostbarkeit bewußt, einander an zwei hochgehaltenen Rosenfingern führten und die Füße setzten, als könnten sie abbrechen. Das waren Marguerite von Valois und Catherine von Bourbon, und so einstudiert sie gingen, blieben ihre Bewegungen schnell und launisch. Im Takt der Musik gelangten sie zwischen den beiden Zügen der Herren hindurch. Die Sonne brachte die Prinzessinnen von oben bis unten zum Schillern und Glänzen, ihren Goldstoff, ihre bestirnten Frisuren, die feine und auserlesene Haut, als sie anhielten und sich umwendeten nach dem Haupt- und Staatsvorgang, der alsbald beginnen sollte. Hierbei waren sie selbst nichts weiter als Nebenpersonen und schmückendes Beiwerk, wie ihnen in ihrem spöttischen Sinn wohl bekannt war. Sowohl die anspruchsvolle Valois wie die kindliche Bourbon fühlten sich belustigt und teilten es durch einen leichten Druck ihrer Finger einander mit.
Auch begegneten die Geschwister Henri und Catherine sich mit den Blicken. Was sie sagten, hieß ungefähr: ‹Unser kleines Schloß in Pau, der Gemüsegarten und drüben das wilde Gebirg! Kann man so viele Umstände machen, wie diese hier! Aufgepaßt, es will gelernt sein. Woher hast du eigentlich dein schönes Kleid? Und du? Von wem denn sonst, als von unserer lieben Mutter!›
Dies stumme Gespräch hatte eben nur die Dauer eines Augenblicks. Karl der Neunte machte schon den Anfang mit seiner großen Zeremonie. Henri hörte hinter sich sagen, entweder von d’Aubigné oder von Condé, La Rochefoucauld, wenn es nicht der junge de Léran war: «Sire!» raunte einer. «Ahmen Sie dem König von Frankreich alles genau nach!»
«Das ist wirklich das erstemal», erwiderte er, indes er aber feststellte, daß Karl diese Sache von Grund auf innehatte. Karl tat in seiner weißen Seide, seinem Federbarett, den kurzen Pluderhosen und langen Strümpfen — einen einzigen Schritt nur tat er; es war das Zeichen für seine beiden Brüder d’Anjou und d’Alençon, sich ihm dicht hinter den Schultern zu halten; aber darin lag alles: Ich und mein Haus — soviel Stolz und Hoheit, daß der früh vergemeinerte Valois auf einmal wieder von überzüchteter Feinheit schien wie als Jüngling. Zugleich wurde die Musik verstärkt durch Holzbläser. Lieblich war ihr Schall gewesen, majestätisch wurde er — bis zu einem neuen Trommelwirbel.
Nun erstreckte sich oberhalb dieses Königs, seines feenhaften Palastes und in Glanz geworfenen Gefolges ein hoher, heller und leichter Himmel. Alle Töne wurden weithin getragen, besonders über das Wasser des Seineflusses, das von der Mauer des vornehmen Gartens nur getrennt war durch ein rauhes und vernachlässigtes Stück Ufer. Schon war dieses erklommen von einigem Fußvolk, die Kräftigsten versuchten auch die Mauer zu stürmen. Die Wache stieß sie ohne weiteres hinunter mit den Stangen ihrer Hellebarden; deswegen freuten sich doch alle, die etwas erhaschen konnten von dem Schauspiel der Großen, und sogar wer gar nichts sah, machte munteren Volkslärm.
Ein Fenster aber droben in der Gartenfront des Louvre klirrte leise, niemand hörte es, und durch den entstandenen Spalt schob sich, aus Falten hervor, ein bleifarbenes altes Gesicht. Das beobachtete mit Augen wie Kohle, was, von ihm selbst ausgedacht und eingegeben, dort unten vor sich ging: die feierliche Begrüßung des katholischen mit dem Hugenottenkönig, die Heranziehung der beiden königlichen Brüder, das Aufgebot so vieler stattlicher Edelmänner. ‹Das muß dem kleinen Bearner und seinen schlecht angezogenen Leuten den Eindruck machen, als wären sie selbst weiß was und muß sie sehr im Vertrauen bestärken!› Dies dachte das bleifarbene Gesicht und verzog die schweren Wangen.