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Von ihrem Platz konnte nur Margot es sehen, und ohne daß sie den genauen Grund gekannt hätte, wurde ihr schwach. ‹Was tue ich! Das grade wollt ich nicht, und es wird auch nicht gut gehen. Mir ahnt Furchtbares, wenn ich es noch weiter kommen lasse. Jetzt grade müßte ich den Guise wiedernehmen, obwohl ich mit ihm fertig bin seit heute — damit es trotz allem nicht wirklich Hochzeit gibt mit meinem Henri, den ich doch liebe wie mein Leben!›

Ganz allein blieb Margot mit ihren Ahnungen, ihrem Gewissen. Alle, sogar ihr geliebter Henri, waren vollauf beschäftigt mit dem äußeren Vorgang. Übrigens nahm dieser alsbald auch Margot wieder in Anspruch und erwies sich, wie gewöhnlich der äußere Vorgang, stärker als ihre innere Stimme. Ihr Henri hatte seinerseits die Augen überall. Ausgenommen das Gesicht am Fenster, entging ihm nichts, weder die wahrhaft königliche Anordnung noch die Gesichter, und nicht einmal das Volk, wie es sich auf seine Art beteiligte an dem Ballett. So nannte er für sich die große Zeremonie, denn zwar fehlte es ihm an unbestimmter Ahnung: er behielt dafür seinen kritischen Witz, den schüchterte kein äußerer Vorgang ein. Daher sah er sich gegenüber lauter Gesichtern, die er als bestellt — bestellt, geliefert und bezahlt — erkannte.

Inzwischen ahmte er die einzelnen Bewegungen des Valois nach, setzte gleichfalls den Fuß an, ließ ihn ebenso in der Schwebe, nahm ihn zurück, damit der Weg länger und ausdrucksvoller wurde. Er hatte neben, vielmehr halb hinter sich seinen Vetter Condé: das war alles, was er vom Blut seines Hauses zur Hand hatte. Sooft drüben der König von Frankreich und seine Brüder eine geöffnete Hand einladend hinstreckten oder sie auf die Brust drückten oder den Hut aufhoben, beeiferten sich auch Henri und sein Vetter — beide übrigens im gebotenen Glanz der Kleidung, womit sie auf ihrer Seite fast die einzigen waren. Die beiden Gruppen rückten vor, zur Musik und einer Art geistlichen Tanzes, durchaus im Sinne der Erwähltheit und Heiligkeit des Königtums. Rückten einander näher und blieben dabei allerdings nicht mehr die gelungene Gesamtheit, sondern Einzelheiten fielen auf, und diese enttäuschten natürlich nach jedem gelungenen Ganzen. Besonders wurden immer fragwürdiger die Gesichter, die bestellten Gesichter.

‹De Nançay ist beileibe mein Freund nicht. Hüten wir uns! Er ist Hauptmann der Leibwache. Ich sehe voraus, daß ich sein Gesicht noch einmal kennenlernen könnte, wenn es nicht mehr auf Bestellung ehrfürchtig lächelt. Die Hauptsache bleibt, ihnen soviel Ehrfurcht beizubringen, daß sie kein Ballett mehr dazu brauchen. Das sind alles Gesichter, die uns nichts vergessen haben und wir ihnen nichts. Gehört das andere Lächeln nicht einem gewissen de Maurevert?›

«Vetter, heißt der da de Maurevert?»

‹Auch das wird noch Lächeln genannt; aber gewiß ist, daß er lieber töten möchte als tanzen! Den de Maurevert merke ich mir.›

Indessen können sogar die glaubwürdigsten Erkenntnisse ausgewischt werden und vorläufig in Vergessenheit geraten, wenn gerade zufällig ein persönliches Unbehagen dazwischenkommt, zum Beispiel das Gefühl der eigenen Lächerlichkeit. Dies aber trat ein, als Henri endlich aus geringem Abstand den Spott bemerkte auf Gesichtern, die sich dort hinten wohl geschützt meinten. Henri wußte sofort, was den Höflingen ihre Überlegenheit verschaffte: die Armseligkeit seines Gefolges. Diese Enthüllung hatte er heimlich die ganze Zeit befürchtet und deshalb um sich her die Bestgekleideten der Seinen versammelt. Es waren nicht viele, und nahe vor die andere Partei gelangt, konnten sie nicht länger verdecken, was dahinter kam: der Zug der abgetragenen Koller und bestaubten Schuhe. Die waren da, nicht anders, als sie nach langem Warten vor dem Tor der Zugangsbrücke endlich hatten eindringen dürfen in den verhaßten Louvre — natürlich nur der kleinste Teil von ihnen. Die machten keine bestellten Gesichter: ihre Gesichter waren verwittert zum Unterschied von den glatten, und gegenüber den höflichen blieben sie hart und fromm. Drüben eitel Glanz und Förmlichkeit, hier die unverstellte Armut, die gekommen ist, zu fordern. Diese führen Krieg, damit sie leben, manche aber um des höheren Lebens willen, sie nennen es einmaclass="underline" die Religion, und einmaclass="underline" Freiheit.

Henri fühlte sich lustig werden, zum erstenmal, seit er hier war. Er hätte laut aufgelacht, mit besserem Recht wahrscheinlich, als die Höflinge grinsten. Statt dessen warf er sich vor Karl dem Neunten zuerst an die Brust, dann neigte er den Rumpf bis auf die Füße und streifte mit der rechten Hand im Halbkreis über den Boden. Er wiederholte diese Übung zu beiden Seiten des Königs von Frankreich und würde sie sogar in seinem Rücken ausgeführt haben, indessen zog Karl den Spaßvogel in seine Arme und gab ihm den Bruderkuß auf beide Wangen, wobei er ihm heimlich die Faust in die Rippen stieß. Einer wußte so gut wie der andere, was gemeint war: dieselbe Parodie der Ehrfurcht, die einst der Siebenjährige aufgeführt hatte mit dem Zwölfjährigen.

«Du bleibst ein Narr», sagte Karl so, daß niemand außer Henri es hörte. Dann ging er zu der feierlichen Vorstellung seiner Brüder über, als hätte Henri nicht mit dem einen die Schulbank gedrückt und später ihm im Felde gegenübergestanden. Mit beiden aber hatte er dumme Streiche verübt. In der Front des Louvre klirrte währenddessen ein Fenster, das geschlossen wurde, weil der Zweck der Veranstaltung erfüllt und der Streich gespielt war. ‹Der junge Mann vom Lande mußte jetzt den Eindruck einer etwas eigentümlichen, sonst aber nicht üblen Familie gewonnen haben›: so dachte eine alte Frau, die auf ihre Art auch Humor hatte.

In dem Orchester traten jetzt alle anderen Instrumente zurück hinter den Harfen, es war das Zeichen für die Damen. Damit sie es nicht überhörten, winkte der Erste Edelmann de Miossens ihnen noch besonders. Sie setzten sich auch richtig in Bewegung, voraus die beiden Prinzessinnen mit hochgehaltenen Rosenfingern, die einander kaum berührten, und auch ihre Füße schwebten scheinbar nur. Vor den beiden Königen angelangt mit ihrem blütenhaften Gefolge junger Fräulein, sanken die kostbaren Prinzessinnen langsam in die Knie — oder doch fast in die Knie, denn alles wurde nur angedeutet, auch der Handkuß für den König von Frankreich, dessen edle Haltung hier ganz unnachahmlich schien. Er tat, als höbe er seine Schwester zu sich empor, und dann führte er sie ihrem Herrn, dem König von Navarra, zu. Keineswegs sagte er diesmaclass="underline" Da hast du meine dicke Margot.

Karl selbst nahm an seine Seite die junge Catherine von Bourbon. Mit ihr eröffnete er den Zug, der im Takt gravitätischer Tanzmusik um den Garten zum Vogelhaus schritt. Hier war zu sehn das fremdartige Gefieder «von den Inseln»; die Sonne brachte es zum Schillern und Glänzen, nicht anders als die Prinzessinnen selbst. Überaus seltsam war die Voliere und mußte den Gästen gezeigt werden. Wirklich machte sie großen Eindruck. «Té!» rief ein Hugenott. «Den sprechenden Vogel möchte ich mitnehmen, aber nur, wenn er auch die Messe lesen kann.» Darüber lachten seine Gefährten schallend. Die anderen lachten nicht.

Diese Vögel «von den Inseln» hatten nicht nur die Gabe der Rede: verschiedene, besonders die kleinsten, buntesten, konnten so hart zwitschern, daß man nichts hörte außer ihnen, auch den munteren Volkslärm nicht. Die Mauer war allmählich doch von dem Flußvolk erstürmt worden, viele hockten oben und freuten sich laut an dem Schauspiel der Großen. Die Herren, Damen und Vögel aber befanden sich unweit der Mauer, daher wurde die Wache heftiger in ihrer Abwehr. Ein Junge, dem anzusehen war, daß er in den Garten springen wollte, wurde zurückgestoßen, diesmal nicht mit der Stange der Hellebarde, sondern mit ihrer scharfen Spitze. Unter schwachen Schmerzenslauten fiel er hintenüber und verschwand: das sahn und hörten wenige. Henri und Margot hatten es bemerkt.