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«Das erste Blut!» sagte Henri zu Margot.

Sie war weißer geworden als ihre Schminke.

«Ein gutes Vorzeichen!» hauchte sie verstört.

Laut rief Henri: «All das Federvieh erinnert mich an gebratene Hühner und daran, daß manche von uns lange nichts gegessen haben!»

Dies fand den Beifall seines hungrigen Gefolges. Die Höflinge ihrerseits warteten ergeben, bis es ihrem König einfiel, aufzubrechen.

Dies geschah dermaßen, daß die Gesellschaft sich gleich unten trennte. Die Könige, die Prinzessinnen, Prinzen, darunter Condé, und das Ehrenfräulein Charlotte de Sauves benutzten eine kleine Treppe, die berühmte kleine Treppe der geheimen Besucher, der Gnaden und Verhaftungen. Das Gefolge stieg über die große allgemeine.

Die königliche Tafel

Getrennte Tafeln waren aufgestellt in den Sälen des oberen Geschosses, für die Könige eine im Paradesaal, und mehrere im Vorzimmer für ihre Herren. Die schönen Fräulein aus dem Gefolge der Prinzessinnen waren verschwunden; das wurde kaum beachtet, solange man noch nicht gegessen hatte. Erst später, als eine erhöhte Stimmung herrschte, sollten sie zahlreich wiederkommen.

Der König von Navarra goß ein Glas voll Wein in den Teller mit Suppe aus: es befremdete den König von Frankreich und die Prinzessin von Valois. Hierauf aß er schnell und viel, an Gesprächen lag ihm nichts während dieser Tätigkeit. Er hätte nur gewünscht, er könnte hören, was sie draußen redeten, seine eigenen Leute mit denen vom Hof. Die Musik spielte zu laut.

Ein Herr de Maurevert, draußen im anderen Saal, erwies ganz besondere Ehrfurcht dem abgetragenen Koller seines Nachbarn, es war der lange Du Bartas. Achtungsvoll erkundigte sich der Hofmann, wie viele Feldzüge das aufgerauhte Kleidungsstück schon überstanden habe. Der Protestant, weder an Ironie noch an leere Höflichkeiten gewöhnt, benutzte den Anlaß sogleich, um tief und düster zu werden.

«Wir sind viel zu Pferd gesessen. Aber wenn der Mensch selbst um das Erdrund ritte, er reitet dem Tode entgegen. Wir beide reiten nicht zusammen, Maurevert, aber wir werden zusammen tot sein.» Hierauf trank er und nötigte auch den andern, auszutrinken.

Du Plessis-Mornay brauchte keinen Wein, damit seinem Gegenüber, de Nançay, der Kopf schwoll. «Wir hätten Paris erobern können», rief Mornay. «Wir sind aber so gut und heiraten es.»

Der Hauptmann de Nançay vergaß sich, er legte die Hand an den Degen, wurde aber aufgehalten von den Herren de Miossens und d’Aubigné.

«Und wenn Sie mich erstochen hätten», rief Mornay über den Tisch, «meine Religion ist die wahre!» Worauf er erst anfing, gründlich zu essen. Denn Mornay in seiner hitzigen Unerschrockenheit war dennoch der, dessen Opfer vom Herrn nicht angenommen wird. Er war die Tugend, die Glück hat; das sah ihm jeder an, wenn sein sokratisches Gesicht aufblühte und sich erschloß in dem Genuß der Tafelfreuden. Der Erste Edelmann de Miossens wies zu seiner eigenen Entschuldigung auf den tafelnden Glaubenshelden, als Agrippa d’Aubigné ihn zur Rede stellte für seine Lauheit und Doppelseitigkeit. «Über unseren Köpfen hängt schwer die Herrschaft der Ungerechten, und es richten uns die Feinde Gottes. Sie aber, einer der Unseren, dienen ihnen, Miossens. Kann man denn mit seinem Gewissen einen Vertrag schließen?» fragte der Dichter über den wütenden de Nançay hinweg, der nicht zuhörte. Der Erste Edelmann zuckte nur die Achseln. Er durfte vor unberufenen Ohren nicht aussprechen, wie ihm zumute war. Ein Protestant, aber Erster Edelmann des katholischen Königs, nützte er seinen Glaubensgenossen bei Hof, soviel er konnte. Er hatte es nicht anders erwartet, als daß sie ihn angreifen würden.

Agrippa drückte seine Meinung klar aus. «Es gibt einige, die verraten Gott und verkaufen uns. Wir verlieren Hab und Gut und sogar Gewissensfreiheit. Was uns bleibt, ist unsere vollkommene Einheit mit Christus und den Engeln. Das aber allein heißt Freude, Freiheit, das Leben und die Ehre!»

Dies war sogar für den beherrschten Hofmann zuviel. Was bewegte ihn mehr, die Beschuldigung des Verrates oder der himmlische Triumph, dessen Agrippa sich rühmte? De Miossens tauschte den Stuhl mit de Nançay und setzte sich neben Agrippa.

«Die Hugenotten können nichts weiter als predigen», schnob der wütende de Nançay gegen einen Herrn de Maurevert. Der erwiderte: «Sachte, sachte! Sie können auch bluten.» Er hatte eine Nase, die spitz in die Luft stand, und die Augen eng beieinander.

In dieser Ecke saßen nur noch Herren vom Hof. Die vermischten Reihen hatten sich im Laufe des Banketts von selbst neu geordnet zu zwei Lagern. Am unteren Ende des Tisches hielten die von der Religion zusammen. Ein leerer Raum war entstanden zwischen ihnen und den Katholiken. De Miossens sah sich auf einmal mitten unter seinen alten Freunden, aber getrennt von seinen neuen. Er erblaßte, dann siegte sein Ehrgefühl; er blieb und sprach: «Wer lange hier ist, wird wankend und zweifelt endlich, daß nur wir allein vor Gott gerecht sind. Seien Sie froh», sagte er schnell, damit Agrippa ihn nicht unterbrach, «Ihnen wird es nicht zustoßen, aber vielleicht Ihrem jungen König, der mir ganz so aussieht, als liebte er das Leben anders, denn als die Einheit mit Christus und den Engeln.»

«Wir sollen den Tod nicht fürchten.» Agrippa ließ sich dies Wort nicht nehmen. «Er ist unsere Zuflucht aus Stürmen — und kämen wir durch Flammen um, sie flögen uns voran zu dem ersehnten Thron des Ewigen!»

Das war schön — aber es kam keineswegs aus der Lust zu sterben, sondern vielmehr aus der tiefen Gewißheit Agrippas, noch sehr lange zu leben. Grade dessen war der stille Miossens nicht sicher. Er blickte Agrippa so lange ernst an, bis der andere merkte, daß dies kein Tischgespräch, auch kein erbauliches, mehr war.

«Was würden Sie sagen, d’Aubigné, wenn die Flammen, die uns voranfliegen sollen zur Ewigkeit, nicht in zwanzig Jahren ausbrächen, sondern morgen, und nicht an einem unbekannten Punkt der Erde, sondern im Schloß Louvre?»

Niemand unterbrach ihn mehr; er konnte still weitersprechen im Geschrei, im Lärmen der Zimbeln und Rasseln der Becher.

«Ich weiß zuviel. Tatsachen sind schwerer zu tragen als der Glaube. Hier ist man fast entschlossen, aber noch nicht ganz. Wozu? Das verrat ich nicht einmal meiner Seele. Auf jeden Fall muß zuerst die Hochzeit sein. Euer König und unsere Prinzessin sind so reizende junge Leute, der Anblick ihres Gefühls sollte auch Bösewichter zur Besinnung bringen. Sagt euren Leuten, sie dürfen niemand mehr herausfordern, weder den Hof noch das Volk. Es ist am Letzten, ist die letzte Stunde. Sonst fliegen bald einige von uns zu dem ersehnten Thron des Ewigen.»

Er stand auf und beendete in gebückter Haltung. «Ich hätte beinahe zuviel gesagt.»

Er war nur an den Schläfen angegraut; seine Schultern aber wölbten sich tiefer, als erlaubt schien bei seinen Jahren, während er jetzt zurückkehrte zu den Herren des Königs von Frankreich, dessen Erster Edelmann er war. Empfangen wurde er von einem Herrn de Maurevert, spitze Nase, eng beieinanderliegende Augen, der ihn bohrend ansah, bevor er äußerte: «Haben Sie nun doch, Miossens, zu den Hugenotten gefunden und haben auch schon zuviel gesagt!»

Hierbei standen die beiden Herren, ja, sie standen aufrecht im vollen Licht vor dem kleinen Gang, der das Vorzimmer verband mit dem Paradezimmer. Dort tafelte das Gefolge, hier die Könige, und Henri saß an der Stelle genau gegenüber dem kleinen Gang: so sah er die beiden. Er erblickte de Miossens halb seitwärts, das graue Haar und die gewölbten Schultern, den anderen aber mit ganzem Gesicht, und es stimmte ihn nachdenklich. Er brach sogar ab, mitten in dem Wort, das er an den König von Frankreich richtete. Infolgedessen folgte Karl dem Blick, und als er bemerkt hatte, wer gemeint war, zog er die Brauen zusammen.