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Indessen kehrte sein Vetter Condé aus dem Vorzimmer zurück: «Ich habe in deinem Namen die Unseren fortgeschickt», erklärte er. Henri sprang auf.

«Das darfst du nicht! Das Feld soll uns doch bleiben!»

«Dann befiehl ihnen, daß sie die Herren vom Hof erschlagen, ohne einen einzigen zu vergessen. Befehl es sogleich, noch ist Zeit.»

Stampfende Schritte waren zu hören: die Abziehenden — aber sie drohten laut, kehrten um und pflanzten sich zuerst noch breitbeinig auf, wenn sie schon weichen sollten auf das Geheiß ihres Herrn.

Condé wurde von Wut erfaßt. «Mir soll’s recht sein: ein Gemetzel, ich mach es mit! Nun? Du sprichst?»

Henri schwieg. Ihm war durchaus bewußt, was der andere in seinem Anfall vergaß: sie hätten damit anfangen müssen, Karl den Neunten und seine Brüder zu ermorden. Sie durften im Louvre keinen übriglassen, der sich nicht ergab, und dann kam Paris dran. Welch ein schauriger Wahnsinn: das goldene Zimmer war es, das ihn ausbrütete, aber noch eher tat es die alte Mörderin hinter dem Loch in der Wand! Karl der Neunte sah stumpf drein wie ein Tier. Seine Brüder standen in der Tür und hetzten die Streitenden noch. Henri drängte zwischen ihnen hindurch, erschien im Vorzimmer und rief die Seinen an. Einen Augenblick schwankte die Stimmung, bis genug von ihnen sich besonnen hatten. Sie hielten ihr Wort auf, so heftig es heraus wollte, und zogen ab, drüben durch den großen Festsaal, worin es dunkelte: dort verstummten sie ganz.

Allerdings trafen auch schon Diener mit Fackeln ein und hinter ihnen schöne Fräulein: nicht mehr nur die wenigen, die vorher im Garten aufgetreten waren, nein, gleich ein Regiment. Selbst das umfaßte noch nicht die Gesamtheit der Ehrendamen, über die Madame Catherine verfügte wie über leichte Truppen. Schnell warfen diese sich auf jede bedrohte Stelle, und auch die wilden Hugenotten wollten sie wohl zähmen. Zündet Kerzen an, Diener! Vier Reihen von je fünf Kronleuchtern, denn die Mädchen sind grade für dieses Licht geschminkt. Die Banditen, die man Hugenotten nennt, werden ihnen alles verraten, was sie denken oder vorhaben, und pünktlich erfährt es Madame Catherine.

«Vorsicht!» sagte Henri scharf zu Agrippa d’Aubigné, der es weitergab.

«Gut Freund, meine Herren!» rief der König von Navarra, auf einmal ganz Leichtsinn und Heiterkeit, den Hofleuten zu, denn sie hielten das Vorzimmer besetzt, als erwarteten sie Angriffe. «In Gegenwart der Damen werden meine rauhen Koller so glatt wie Seide.» Dies betonte er, als ob er sich lustig machte über seine eigenen Getreuen — und damit gefiel er denen vom Hof so sehr, daß ein Herr de Maurevert ihm die Hand küßte. Henri zog sie keineswegs vorzeitig zurück, obwohl es ihn kalt überlief.

Als er zurückkehrte, wurde Karl der Neunte soeben fortgetragen von Dienern in sein Schlafzimmer, das vorderste der königlichen Wohngemächer. In dem letzten von ihnen hatte Henri mit der alten Katharina darüber verhandelt, ob seine Mutter von ihr vergiftet wäre. Dorthin war Madame Marguerite verschwunden: wen konnte es wundern, die Tochter Katharinas! Auch ihre Brüder und die Dame de Sauves hatten sich davongemacht. Neben der ziemlich verwüsteten Tafel und dem umgestürzten Stuhl des Königs warteten auf Henri nur noch seine Schwester und sein Vetter.

Sie sah den Bruder an, sie schwieg, bis die Tür geschlossen worden war. Auch dann flüsterte sie nur. Er dachte nach, sagte gar nichts, bewegte aber schnell die Augenlider. Darauf nahm sie den Arm des Vetters. Beide gingen vor Henri her, in das Vorzimmer, nach dem Winkel rechts und dann die verborgene kleine Treppe hinab in den Hof.

Das gemeine Wirtshaus

Dort wurden sie sogleich unsichtbar. Der «Brunnenschacht des Louvre» war angefüllt mit tiefer Dunkelheit. Hinter mehreren Fenstern in verschiedener Höhe der Mauern flackerte schwach ein rötlicher Lichtschein, daran erkannte man erst, wie eng die Finsternis dazwischen anstieg. Henri stand ohne Regung, bis er jemand wispern hörte: «Hierher!» Er folgte hinter einigen Vorsprüngen und durch einen unbeleuchteten Gang der Stimme, die wiederholte: «Hierher!» Endlich schlichen sie in ein Gelaß, der König von Navarra und sein Erster Kammerdiener d’Armagnac, wo bei einer einsamen Funzel sich Schatten über Schatten stürzten.

Der Edelmann als Diener verriegelte die schwere Tür und begann eine seiner Reden. «Die Mauern hier sind drei Fuß dick, das Fensterloch liegt zehn Fuß hoch. Das Volk, das in dieser Höhle haust, sitzt in der Kneipe, weshalb auch nicht der leiseste Zweifel besteht, daß wir unbelauscht sind!»

«Leuchte dennoch die Winkel ab!»

Sieh da! Man fand ein schönes Fräulein. Das tanzte nicht im Festsaal unter den zwanzig Kronleuchtern, besteckt mit Wachskerzen: es war dem König der Hugenotten nachgeschlichen, wollte wissen, auf was er heute abend ausging, und Bericht ablegen bei Madame Catherine, die dergleichen immer gnädig aufnahm. Was blieb übrig, als das schöne Fräulein hinauszuführen und es irgendwo im völligen Dunkel einzusperren.

«Ich laß es später frei», versprach d’Armagnac. «Jetzt handelt es sich darum, daß Eure Majestät unerkannt aus dem Schloß gelangen.»

«Das ist schon mißlungen, die alte Königin erfährt alles.»

«Zu spät für sie. Wer Sie, Sire, heute nacht zu fürchten hat, muß mit eignen Augen zusehn, wie ich Sie verkleide. Nachher bemerkt es keiner mehr.» Wobei er sich an die Arbeit machte. Sein Herr ähnelte zum Schluß dem Ärmsten seiner Leute, in seinem geschwärzten Gesicht hing ein falscher Bart.

«Ich habe Ihnen Falten gemacht», sagte der Erste Kammerdiener. Sogleich nahm Henri die Haltung eines älteren Mannes an. Auch einen Sack bekam er zu tragen. «Reisig. Warum Reisig?»

«Weil es die leichteste Last ist. Sie heißen Gilles und haben in Paris eine Schwester.»

«Reisig bring ich ihr?»

«Nein, sondern den Schinken, der drunter liegt. Untersucht man Sie am Tor des Louvre und findet den versteckten Schinken …»

«Dann bin ich beglaubigt als Gilles. Dein guter Einfall! Sag mir das Losungswort?»

«Schinken.»

Hierüber lachten sie zusammen hinter den drei Fuß dikken Mauern, bis sie genug hatten. Dann machte Henri sich auf den Weg, kam richtig durch den Torbogen, in dem die Wache Karten spielte: er brauchte nur «Schinken» zu rufen. Auf der Brücke nahmen sie es genauer, ließen ihn den Sack ausräumen und behielten den Schinken.

«Jetzt pack dich, alter Ketzer, nach dem Wirtshaus, wo deine sogenannte Schwester als Magd dient!»

Draußen humpelte der junge Henri gebückt, als trüge er Ziegelsteine, und da ihm in der Straße Österreich durchaus niemand begegnen wollte, nahm er, immer humpelnd um der reinen Kunst willen, mehrere dunkle Ecken, bis in einer der unbeleuchteten Gassen ein schwach erhelltes Erdgeschoß erschien. Die menschlichen Schatten und der Gesang kündeten von weitem das Wirtshaus an. Sowohl das Haustor als die Tür des Gastzimmers standen halb auf, wegen des Rauches vom Kamin, worin ein Spieß mit Hühnern gedreht wurde. Eins der Mädchen versah dies Amt, während die beiden anderen einschenkten oder den Gästen auf den Knien saßen und mit ihnen sangen. Der Wirt schlug Takt zu dem Lied. Er sah aus wie ein Bauer, in seinen Kleidern hing Stroh. Die Gäste waren bewaffnet, auch ein ganz kleiner, der krächzte. Es war ein munteres Liedchen von einer unvorsichtigen Magd, die einem Hugenotten nachgegeben hatte wegen seines hübschen Knebelbartes, aber was kam dabei heraus? Ein Kind, das nicht getauft werden konnte, denn es brachte einen Pferdefuß mit zur Welt, und nicht lange, so drehte es seiner eigenen Mutter den Kopf um, bis das Gesicht hinten saß!

Die brennenden Scheite dort unten waren die ganze Beleuchtung; der Lichtschein flackerte um die lärmenden Mäuler, aber quer über die Stirnen lag ein Balken Dunkelheit. Henri, der von draußen zusah, bekam durchaus den Eindruck von Tierfratzen und einer Höhle der Dummheit. Ihn überkam Widerwille an seiner Rolle als kleiner Mann. Andererseits war es reizvoll, allein und ohne Waffen unter diese wohlgezählten sechs Kerle zu treten. Da wurde er ohne Umstände beiseite geschoben von einer sehr langen Persönlichkeit, die auch gleich eintrat und laut guten Abend wünschte. Er erkannte die tiefe Stimme und noch mehr die Gestalt: dem braven Du Bartas half es nichts, daß er Henri den Rücken zuwendete. Er sagte: «Ich komme, um euer schönes Lied besser zu hören.»