Sie waren sechs, aber nur der Kleinste erwiderte etwas, hinter dem schweren Eichentisch hervor.
«Du bist grade lang genug, lang mir doch eine Wurst von der Decke!»
Du Bartas faßte wirklich hinauf. «Nur, wenn du ganz allein noch einmal das Lied von dem Hugenottenkind krächzest.»
Der Kleine hütete sich, aber eine der Mägde hängte sich an den Arm des großen Hugenotten und versicherte ihm: «Du bist in dem Lied nicht gemeint. Schließlich darf man singen, oder ist es verboten? Wenn du mir zufällig ein Kind machen würdest, ich fürchte nicht, daß es einen Klumpfuß hätte.» Und hierüber kreischten alle drei Weiber. Die Männer verhielten sich düster hinter dem Tisch, verzogen auch nicht die Miene bei dem, was der Wirt tat. Dieser Bauernlümmel schlich hinter dem Rücken Du Bartas’ zum Feuer, ergriff einen angeglühten Knüppel und schätzte nur noch ab, wo er den Ketzer am sichersten träfe. Das war der Augenblick für Henri: schnell hervor, den Kerl beim Handgelenk gepackt und einige Reiser aus seinem Sack an das Scheit des verräterischen Wirtes gehalten, worauf er sie brennend umherschwenkte vor der bösen Fresse, so lange, bis der Geängstete sein Holz zurück ins Feuer warf. Dann ließ Henri die Reiser zu Boden fallen.
«Lauf, Kerl, bring dem Herrn deinen Wein, und womöglich keinen sauren! Mir ist das Geld ausgegangen, oder nimmst du noch mehr Holz in Zahlung?»
«Trink mit mir», sagte Du Bartas wie zu einem alten Kameraden. Sie setzten sich an das freie Ende des Tisches zunächst der Tür, und zwischen ihnen und den anderen Gästen des gemeinen Wirtshauses lag derselbe gehässige Zwischenraum wie vorher an der Tafel des Königs, in seinem Schloß Louvre.
Der Wirt stellte die Kanne hin und murrte, ohne jemand anzusehn: «In meinem Dorf haben sie den Leuten die Füße in das Herdfeuer gehalten.»
Er sagte nicht, wer; die beiden Hugenotten aber verständigten sich darüber stumm. ‹Wir wissen, daß wir oft nicht besser waren als Räuber!› Du Bartas bekam den enttäuschten, hoffnungslosen Ausdruck, mit dem er von der Blindheit und der Schlechtigkeit der Menschen zu reden und zu dichten liebte. Der junge Henri war nahe daran, auszurufen: Das habe ich dem Admiral längst vorgehalten! Aber unseren Glauben haben sie nicht: so hieß seine ganze Rechtfertigung, wenn wir geplündert hatten und gefoltert. An diesen Menschen hier ist zu sehen, wohin man kommt mit dem Streit um die Religion!
Indes, erstens war das Lästerung, sogar schon als Gedanke, und erschreckte den Sohn der Königin Jeanne im Tiefsten. Außerdem hoffte er, daß Du Bartas ihn wirklich nicht wiedererkannt hätte und nur zufällig hier wäre. Daher biß er sich in die Zunge und schwieg. Übrigens hielt der Wirt noch mehr Freundlichkeiten für sie bereit.
«Morgen früh muß ich zur Beichte gehn», knurrte er, ohne sie anzusehen. «Der Pfarrer hatte mir verboten, den Briganten zu essen und zu trinken zu geben. Seitdem so viele von ihnen sich in Paris breitmachen, greifen sie Christen an und belästigen Mädchen. Übrigens hat noch keiner von ihnen sein Geld sehen lassen. Da sitzt der erste, der kein Zechpreller ist», sagt er in einem Ton zwischen Kriecherei und Verhöhnung. Henri sprang vor Entrüstung von der Bank auf.
«Setzen!» fuhr Du Bartas ihn an. Wie unwahrscheinlich war es hiernach, daß er ihn erkannt hatte. ‹Ich armer kleiner Mann›, fühlte Henri, als wäre es wahr gewesen. Geschwärztes Gesicht, Falten und angegrauter Bart: dazu machte er sich auch die passende Stimme. «Aufgepaßt, Herr! Der rote Kerl hinter den andern zieht heimlich sein Messer.»
«Ich seh es», antwortete Du Bartas.
Der rote Kerl versuchte, gedeckt von den anderen, die Ecke zu verlassen. Der Kleine, der kaum über den Tisch sah, lenkte die Aufmerksamkeit von ihm ab, er krächzte: «Der Junge der Krämerin ist verschwunden!»
«Die Hugenotten schlachten Kinder», erklärten die anderen ihm, scheinbar unbekümmert um die Fremden. «Es ist bekannt, sie verüben Ritualmorde.»
Dies wäre schwerlich gut abgegangen, aber neue Gäste trafen ein: Hugenotten, darunter zwei aus seinem berittenen Haufen. Henri kannte ihre Namen und ihre Kriegstaten. Ihre beiden Begleiter sahen verwegen aus: Schnapphähne hätte man sagen müssen, wären sie nicht von der Religion gewesen. Hiermit waren die Bestände der Parteien auf gleich gebracht am Wirtstisch, infolgedessen gab der rote Kerl seinen verdächtigen Plan auf, und alle Waffen auf der anderen Seite verschwanden. Die beiden Reiter erklärten Du Bartas, daß sie, fremd in Paris, im Dunkeln auf zwei Glaubensgenossen gestoßen seien. Sonst hätten sie niemals ein Wirtshaus gefunden. Ihr Zustand schien im Gegenteil zu beweisen, daß sie schon mehrere hinter sich hatten, und gesittet war es dort nicht zugegangen, sie sahen zerrauft aus. Henri vergaß auf einmal den kleinen Mann, den er vorstellte, er herrschte die Reiter an. «Schnapphähne aufsammeln! Händel suchen! Ihr seid der Schandfleck unserer Partei!»
Darüber lachten sie kräftig, und Du Bartas stieß Henri scharf in die Rippen, wodurch ihm bewußt wurde, daß er im Verhältnis zu seinem Aufzug sich allerdings komisch benahm. Daher schwieg er und ließ sie machen. Sie klimperten aber mit Geld in ihren Taschen, legten einiges im voraus auf den Tisch und verlangten dafür die Hühner, die lange genug gewendet schienen, so schön goldbraun glänzten sie. Herrn Du Bartas und auch den spaßhaften kleinen Alten luden sie großherzig mit ein zu dem Essen — schlangen es dann aber merkwürdig schnell hinunter, horchten dazwischen auch wohl auf entfernte Geräusche. Für die Aufmerksamkeiten der Mägde fehlte es ihnen ganz und gar an Zeit. Kaum gesättigt, machten sie sich davon, Reiter und Schnapphähne. Zuerst hörte man sie leise auftreten, etwas später entstand Getrappel wie von Laufenden.
Du Bartas sagte auf jeden Falclass="underline" «Du wirst nicht noch einmal erzählen, Wirt, daß Hugenotten etwas schuldig bleiben.» Ihm antwortete Schweigen, währenddessen näherten sich marschierender Tritt und Fackelschein: die Straßenwache. Der Offizier und ein Mann erschienen in der Tür: «Wo sind die Hugenotten?»
«Da!» rief der Wirt, den Finger ausgereckt nach dem Langen und dem kleinen Alten. «Hühner frißt das, und ihr Geld kam mir gleich nicht katholisch vor.» Der rote Kerl, der Verkrüppelte und die anderen drei Gäste samt den Weibern bestätigten es unverlangt. Erst auf strenge Fragen des Offiziers wurde zugegeben, daß noch mehrere hier gewesen waren. Aber das Geld war von diesen beiden! «Gewiß haben sie jemand überfallen und ausgeraubt: wir dachten es uns.» Sie wurden dann auch mitgenommen.
Du Bartas bekümmerte sich nicht weiter um Henri, sondern ging mit dem Offizier voran. Es war zu vermuten, was er ihm eröffnete, denn es hatte zur Folge, daß die Wache ihren Weg änderte. Bald kam man vor ein Haus, das Henri erkannte: Palais Condé, hierher wäre er gleich anfangs gegangen, hätte nicht ein verkleidetes Abenteuer ihn verlockt und aufgehalten. Er wurde schon längst erwartet. Diener mit Laternen stürzten beflissen herbei, und sogar über das sonderbare Aussehen des Königs von Navarra waren sie unterrichtet, denn sie verneigten sich vor ihm bis auf den Boden. Da tat dies plötzlich auch Du Bartas.
Die letzte Stunde
Henri wurde zuerst in ein Zimmer geführt, wo er sich säuberte und umzog, dann aber in ein anderes: darin saß der Admiral Coligny. Er wollte aufstehn; Henri war schneller und nötigte ihn, im Sessel zu bleiben. Auch die Prinzessin von Bourbon war zugegen, und sie beugte vor ihrem Bruder ein Knie. «Da ich Ihre ergebene Dienerin bin, Herr Bruder, erlauben Sie mir, bitte, mitanzuhören, was Sie und der Herr Admiral in der letzten Stunde beschließen.»