«Fragen Sie alle meine Altersgenossen, ob ihnen zumute ist nach Parteikämpfen im Namen der Religion oder nicht vielmehr nach einem gemeinsamen Sieg über Spanien. Unsere Aufgabe wird sein, dies Land zu einigen gegen seinen Feind: darin denken wir alle gleich, wir, die Jugend!» rief er aus, denn ein Wort wie «die Jugend» war hier der sicherste Angriff und der unbestreitbarste Vorzug. «Die Jugend», das waren nicht die verräterischen Gesichter bei dem Begrüßungsballett im Garten noch die streitsüchtigen an der königlichen Tafel. Es war eine Gemeinschaft, die für sich das Leben hatte, aber einem Alten billigten sie keines zu.
Außerdem nahm Henri von Navarra, später von Frankreich und Navarra, einen übersteigerten Augenblick lang hier schon vorweg, was seine Sache, nur seine war, und übertrug es in warmblütiger Art auf eine Gemeinschaft, «die Jugend», die es nicht gibt. Für seine Heirat mit der Prinzessin von Valois stimmten in Wirklichkeit seine eigenen jungen Freunde keineswegs: d’Aubigné nicht, Du Bartas und Mornay nicht, und weder der berittene Haufe, in dem er hergekommen war, noch im Lande die von der Religion. Das alles vergaß er hier in seiner gehobenen Verteidigung des eigenen Berufs. Er sollte im Verlauf der Dinge ungezählte Male ganz allein bleiben trotz Gedräng um ihn her, sollte verraten werden und selbst unsicher aussehen trotz innerer Festigkeit. Das alles wußte er nicht, sondern hielt dem Überlebenden des vorigen Zeitalters das kühne, aber noch ungeprägte Gesicht der Zukunft entgegen.
Zwischen diesen beiden wäre nichts zu sagen geblieben; es war an der Zeit, daß die Schwester Henris in den Lichtschein vortrat.
«Lieber Bruder!» begann sie mit ihrer rührenden Stimme, die geschwankt hätte, aber sie gab ihr Nachdruck, sogar den hohen erschreckten Endsilben. «Lieber Bruder, Sie werden ein großer König sein, ich werde mich vor Ihrem Bett verneigen.» Sonderbare Formel, aber hier sprach ein Glaube, der seinen eigenen beschämte. Den eigensinnigen Glauben der Mutter barg diese kleine steile und gewölbte Stirn. Etwas anderes sogar besaß seine Schwester: die genaue Anschauung — seiner einstigen Größe und der ihr selbst vorbehaltenen Gebärde, eine Kniebeugung vor seinem Paradebett. Inzwischen aber mußte sie wahre Nachricht bringen von ihrer Mutter.
«Sie war nicht bis zum Schluß gesonnen, daß Sie die Heirat eingehn sollten mit Madame Marguerite. Nein, Bruder! Denn unsere Mutter hat gewußt, daß sie vergiftet war.»
Oh! Wieder stürmisch dies Erschrecken. Henri wankte zuerst rückwärts, dann ließ er sich nach vorn sinken, die Stirn auf die Schulter seiner Schwester. «Welches waren ihre Worte?»
«Sie hat nicht mehr gesprochen, als Herr La Rochefoucauld Ihnen überbracht hat. Ich aber sage Ihnen wahrlich, daß unsere Mutter die Wahrheit gekannt hat und nur darum hinterließ, Sie sollten gar nicht oder als der Stärkere kommen.»
Es war unbezweifelbar — wenn es in diesem höchst gespannten Ton vorgebracht wurde und solange sein Erschrecken anhielt.
«Sie wollte dasselbe, was der Herr Admiral will?» fragte er ergeben.
«Sie wollte mehr.» Die Schwester wuchs, auch ihre kleine Stimme. Sie schob den Bruder so weit von sich, daß ihre ausgestreckten Hände auf seinen Armen lagen. Ihm in die Augen sprach sie: «Fort von Paris, mein Bruder! Vor Tagesanbruch alle Unseren aus ihren Quartieren geholt und abziehen, auch wenn Gewalt dafür nötig wäre. Reitende Boten über das Land! Die Königin Jeanne! Vergiftet ist die Königin! Das Volk erhebt sich, das Heer steht sogar aus den Schlachtfeldern wieder auf, mein Bruder, und so rücken Sie an zu Ihrer Hochzeit. So will es unsere Mutter. Das und nichts anderes ist ihre Nachricht und Befehl!»
Da ließ Kathrin ihn los und trat zurück, wie ein Bote, der den Auftrag erfüllt hat und nun schweigt. Er war auch über ihre Kraft gegangen: sie atmete schwer. Hier innen lag große Schwüle; zugleich damit bemerkte Henri, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Dieses Gespräch hatte alle drei in dem verschlossenen Zimmer dahin gebracht, daß sie den Atem verloren und die Wirklichkeit verließen. Der Herr Admiral stand hinter seinem Sessel, hielt die Hände erhoben und verschränkt, auch sein Blick war hinaufgerichtet, und allein für den in der Höhe sprach er Worte des Psalms.
Henri öffnete ein Fenster in die schwarze Nacht. Blitze fuhren durch den entfernteren Himmel, und ein heißer Wind trug die feurigen Wolken fliegend herbei. Henri wollte nichts davon wissen, daß Feinde wie Rauch um ihn her schlichen. Er weigerte sich, Gott anzurufen gegen die Bösen. Er drängte mit allen seinen Kräften nach dem Abenteuer, das Margot hieß; aber es hieß auch: der Louvre, und die Leidenschaft seiner Sinne war dieselbe, mit der er das Schicksal begehrte.
Er wendete sich zurück und sagte: «Ich mag dir nicht glauben, Schwester. Unsere Mutter hat nicht gewußt, ob sie vergiftet war, und ihr Wille kann nicht gewesen sein, daß ich die Flucht ergreifen sollte, um mich nur mit dem Heer nochmals in die Nähe zu getrauen. Von ihrer unverzagten Stimme hätte ich einen solchen Auftrag niemals gehört.»
«Du täuschest dich selbst, mein Bruder, ich sage es dir wahrlich. Du und ich sind unter allen Menschen desselben Blutes, und wessen ich gewiß bin, mußt auch du in deinem Herzen für sicher halten.»
Er wehrte sich. «Hätte sie es wirklich gesagt in der Angst ihrer letzten Stunde, unsere tapfere Mutter spräche es nicht noch einmal — wenn sie wiederkäme!»
«O daß sie wiederkäme!» rief die Schwester nach der Tür hin; und der Bruder: «Wenn es ist, wie du sagst, kommt sie!»
Beide, nebeneinander gegen den Eingang gerichtet, forderten aus tiefer Seele, daß er sich öffnete und die unverlierbare Gestalt ihn überschritte. Ein heißer Windstoß traf ihren Nacken, das Gewitter rollte heran, Blitze schossen bläulich ineinander und hinterließen Finsternis, ein Schauder durchlief den Menschenleib. Coligny, hinter den Geschwistern, betete nicht mehr, stand wie sie und wartete: da sprang die Tür auf. Alle drei erblickten die Wiederkehrende, sie selbst — im Flackern eines rückwärtigen Scheines. Die Herzen hier innen waren auf einmal verlöscht, und beim ungeheuren Schlag des Donners trat sie ein.
«Meine Königin Jeanne», sagte der Admiral Coligny, und er legte die Hand auf die Brust, wie zur Begrüßung einer Lebenden. Die Geschwister machten einen Schritt ihr entgegen, ein kleiner Laut des Jubels wurde vernehmlich von der Tochter der Wiedergekehrten, und ihr Sohn öffnete den Mund, um laut auszurufen: ‹Da sind Sie, meine liebe Mutter!›
Dazu kam es nicht mehr, weil die erschienene Dame ihren Begleitern winkte und Leute mit Laternen sich neben sie stellten. Da war sie auf einmal anzusehn wie die Prinzessin von Valois, Madame Marguerite, Margot.
Die Versammelten glaubten es ihr nicht gleich. Die Ankunft der Königin Jeanne war viel sicherer gewesen als die der anderen Dame, und noch konnte diese sich zurückverwandeln. Indessen tat sie es nicht, sie behielt das schöne und kunstvolle Gesicht der Schwester Karls des Neunten, sprach auch mit ihrer Stimme, tief und golden.
«Sire», sagte sie zu Henri von Navarra. «Wir suchten Sie im Schloß und fanden Sie nicht. Eins der Ehrenfräulein meiner Mutter erzählte uns merkwürdige Geschichten von dunklen Gelassen. Die Wache am äußersten Tor des Louvre hatte einen Mann hinausgelassen, der vielleicht verkleidet auf Abenteuer ausging. Obwohl Ihr Freund Du Bartas ihm auf dem Fuße folgte, fürchteten wir einiges im nächtlichen Paris für die Sicherheit des Mannes.»
Henri unterbrach sie. «Wer fürchtete denn, Margot?»
«Ich», sagte sie klar und schön. «Ich berichtete alles meiner Mutter und verlangte, daß ich selbst Sie zurückführen dürfte im Schutz meiner Soldaten.»