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Margot mit der Stimme Gottes:

«Du sollst nicht töten!»

«Das wäre das Neueste», murmelte Madame Catherine, heraufschielend.

«Oder ich werde Protestantin.»

«Oder sie wird Protestantin», brüllte Karl, und die bedrängte Mutter mußte feststellen, daß ihre Kinder einander bei den Händen gefaßt hatten.

«Ich verlange das Leben des Königs von Navarra.»

«Ich verlange das Leben des Admirals Coligny.»

«Bleib mir mit deinem zähen alten Streithahn, der das Königreich zugrunde richtet, du aber nennst ihn Vater.» Sie entschied sich dafür, den einen dadurch vor die Tür zu setzen, daß sie mit der anderen ihren Frieden machte.

«Gut. Du reisest mit deinem Navarra nach England. Die Hilfe der Engländerin fließt spärlich; aber wir brauchen Elisabeth und ihr Geld, da dein Bruder Karl mit seinem Vater Coligny uns Haus Österreich auf den Hals hetzt. Reist, wann ihr wollt!»

Nur noch eine entlassende Bewegung deutete sie an; die Sprache versagte ihr — ob sie es nun künstlich so anstellte oder sich wirklich ausgegeben hatte.

Sofort kehrte die Tochter zurück zu ihrer lebenslangen Unterordnung, beugte den Nacken und ein Knie, ging gehorsam ab.

Karl der Neunte folge. Da er die andere Sache ganz überraschend gewonnen sah, vergaß er seine eigene — in dem Augenblick, der über sie entschied.

Zeichen

Margot ging zu Henri. sie verzichtete auf den Vorteil ihrer Eigenliebe und tat selbst den Schritt, obwohl er sie am Morgen im Zorn verlassen hatte. Sie konnte ihn entschuldigen, weil er als Mann ohnehin der weniger Kluge war, und außerdem gab sie ehrlicherweise zu, daß er Grund hatte zu klagen, sowohl über ihre früheren Liebesbeziehungen, so vergessen sie waren, als auch über das andere. Das andere war schlimmer, und noch schlimmer für sie als für ihn, denn so fest glaubte er doch nicht, wie sie selbst es glaubte, daß seine Mutter vergiftet worden war von ihrer. Indessen hatte sie die Untat jetzt wiedergutgemacht und das unheimliche Hindernis, das immer wieder zwischen ihnen sich aufrichtete, war jetzt beseitigt: sie hatte ihm das Leben gerettet. Margot hatte für Henri gekämpft, berufen durch einen Traum von oben — hatte gesiegt und eilte beflügelt, sich ihren Lohn zu holen.

Er hatte gebadet, sich frisch angezogen, er und sein Zimmer dufteten nach Wohlgerüchen. Als sie eintrat, sah er ihr mit demselben Verlangen entgegen wie sie ihm. In beiden stand das Blut auf, ihr Körper ergriff ein Schwindel, und sie wären einander in die Arme gestürzt. Leider war ein Dritter zugegen, der kurz gebaute, aber lustige Dichter, sein Freund Agrippa.

«Redlicher Agrippa», bestimmte die Königin von Navarra. «Lassen Sie mich dem König, meinem Herrn, ein wichtiges Staatsgeheimnis anvertrauen.»

D’Aubigné schmunzelte bereitwillig, aber bevor er das Feld räumte, machte er anstatt zwei Verbeugungen drei: die erste vor dem König, die zweite vor der Königin, und noch eine vor dem Bett. Darüber lachte das junge Paar von Herzen, und Henri sagte:

«Geliebte Königin! Auf das große Staatsgeheimnis brenne ich noch mehr, als Sie erwarten dürfen» — mit Blick nach dem Lager. «Dennoch sollte Agrippa seinen Bericht beenden. Er weiß von merkwürdigen Vorzeichen.»

«Nicht Vorzeichen, Sire, das sagte ich nicht. Zwischenfälle, oder auch nur auffallende Kleinigkeiten des täglichen Lebens.»

«Gehört das wirklich zum täglichen Leben in Paris, Agrippa? Sagen Sie es selbst, teuerste Königin, ob es hier die Regel ist, daß das Volk sich zusammenrottet, um eure Priester reden zu hören gegen die von der Religion. Der Pfaff steht auf dem Prellstein oder auf Stufen, und er predigt Hängen und Würgen. Plötzlich brechen alle auf, weil sie einen vereinzelten Hugenotten entdeckt haben. Der Unglückliche will laufen, der Haufe wälzt sich über ihn. Kleinigkeiten des täglichen Lebens?»

Sie war tödlich erbleicht. ‹Das ist mehr, als ich geahnt hatte. Margot, es drängt heran, gleich fällt das Tor zu. Schneller, Margot! Fort mit mir und ihm!› Daher sah sie ganz davon ab, wer sonst zugegen war. «Henri, mein geliebter Herr, hören Sie wohl zu! Wir beide werden noch heute abend, wenn die Straßen leer sind, abreisen nach England.» Eine Gebärde ihrer schönen Hand kam seinen Entgegnungen zuvor.

«Henri, mein geliebter Herr! Erkennen Sie ganz, wie eins vom andern abhängt: die Ruhe in Paris vom Sieg in Flandern, und dieser vom englischen Gold. Der Sieg des Herrn Admiral wird ein protestantischer Sieg sein, aber unter seinem Befehl kämpfen eure und unsere Truppen. Das ist das Ende der Feindschaft zwischen uns und euch. Nachdem wird niemand mehr auf Prellsteinen predigen dürfen. Darum: wir beide müssen nach England hinüber mit dem schnellsten Schiff.»

«Ich danke dir. Aber —»

«Nicht fliehen sollen wir — du! Laß mich ausreden, Henri, mein geliebter Herr! Wir fliehen nicht, wir erfüllen die wichtigste Sendung. Coligny selbst verlangt es, zum Vorteil der Sache.»

Das war ihr Einfall in der Not. Der dritte hier mochte einen gedämpften Laut, beinahe einen Pfiff, von sich geben: sie wies ihn nur zurecht mit gebieterischen Augen. Er gehorchte auch, er schwieg. Aber sein König fragte ihn: «Was denkst du, Agrippa?»

Hierauf antwortete er: «Ich denke, daß die Liebe einer schönen Prinzessin das höchste Gut ist.»

Die Ehre ist höher, hört Henri sofort sein gutgeschultes Inneres sprechen. Auch die Religion ist höher.

Schnell entscheidet er: «Der Admiral hat zu befehlen, er wird mir seinen Auftrag selbst wiederholen.»

«So soll es geschehn», bestätigt die schöne Prinzessin, aber für sich ist sie fest entschlossen, die Aussprache mit dem alten Ketzer nach ihren Kräften zu hintertreiben; sie kennt die Kunst, ihren geliebten Herrn aufzuhalten, bis sie beide im Reisewagen fortrollen und alles andere zurückbleibt. Agrippa d’Aubigné gehorcht endlich ihrem Wink und geht. Sogleich haben beide in atemloser Erwartung die Arme geöffnet.

Verspätet erschienen sie bei der heutigen Festtafel; sie hätten aber pünktlich drei Uhr da sein sollen, und sogar früher als ihre Gäste, die sie eigentlich empfangen mußten. Denn dies Essen gab der König von Navarra, im Palast d’Anjou. Statt dessen traten sie unter eine Gesellschaft, die erregt schien, nur daß sie plötzlich verstummte. Drei oder vier Stunden wurde unaufhörlich gegessen und getrunken, Fleisch von allen Tieren, Wein jeden Gewächses, aber es blieb wie anfangs: die Reden waren geräuschvoll, solange sie sich in Torheiten ergingen; nur die klugen oder bedenklichen vertrugen keinen Hauch oder Blick, gleich brachen sie ab. Auch zählten die Anwesenden einander: es war eins der Dinge, die man heimlich tat. Der Erste Edelmann de Miossens lag zu Bett und sollte Koliken haben. Mehrere andere protestantische Herren waren gar nicht mehr aufzufinden, angeblich hatten sie Paris in Eile verlassen.

«Das sind Zeichen», sagte an einem der Enden des Tisches Du Bartas zu Du Plessis-Mornay. «Aber das Auffallendste ist die große Geduld und Versöhnlichkeit derer, die noch übrig sind. Dies ist der dritte Abend, den die Hochzeit schon dauert, und mir scheint es, als ob allen diesen Unglücklichen nachgerade die Kraft verlorengegangen wäre, von ihren Sitzen aufzuspringen, in zwei Haufen sich zusammenzurotten und laut einander zu bedrohen. Manchmal schläft in den Geistern sogar der Haß, oder liegt weit hinten zum Sprunge geduckt.»

Mornay antwortete: «Wir alle zögern noch einen Augenblick, dieses Land und Königreich zu verwandeln in ein blutendes Aas, woran nagen werden alle Tiere der Erde; die Goten nehmen, was die Hunnen verschmähen, und die Vandalen die Überbleibsel vom Fraß der Goten.»

So die Sprache des tugendhaften Mornay, und sie rührte, wie schon oft, an das Äußerste. Ringsum aber zählten sie einander. Auch Katholiken fehlten, darunter der Hauptmann de Nançay. Er wurde im Louvre benötigt, wie man hörte; unbekannt, vielmehr unausgesprochen blieb, wofür. Ein Herr de Maurevert war nicht zu sehen. Manche erinnerten sich seiner besonders spitzen Nase und der Augen ohne Zwischenraum. «Der Hund!» rief der Herzog von Guise gehoben und edel. «Hatte er sich nicht unter meinem Bett versteckt! Er wollte mich um eine Gnade bitten, wie er vorgab; aber der Dolch, den er bei sich trug, sah nach Gnade nicht aus.»