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Navarra hielt seine Hände offen hin: sie hatten Risse wie von den Nägeln eines Gegners, mit dem man ringt, oder wie von Dornen. Aber nirgends sickerte Blut. Darauf besah d’Anjou seine eigenen Hände, er konnte sie nicht ruhig halten; sein Gesicht überzog sich, anstatt zu erbleichen, wie mit Asche. Condé und Guise warfen auf ihre Hände nur einen Blick, beiden gleichzeitig fiel es ein, die aufgehäuften Karten auseinander zu rühren. Auf einmal waren alle ihre Finger rot. Das war nicht nur eine Karte, alle Karten klebten, sie lagen in einer Lache, Blutflecken auf dem Tisch! Die Diener wurden verhört, der Tisch abgewischt, der Haushofmeister brachte neue Karten.

Diesmal wurde das Blut zuerst gesehn, als Guise ein Blatt niederschlug, aber an seine Hände dachte er nicht mehr, und keiner von ihnen an die seinen oder andere Menschenhände. Unter den Karten hervor, langsam, unausweichlich, rann es, sickerte, floß zusammen, breitete sich aus. Sie mußten erstarrt dabei sein, sie konnten dagegen nichts, als sich klein machen und vorübergehen lassen dies Kältegefühl, das sie ankam von jenseits, dem Reich des Unbekannten. Guise zuerst entriß sich dem Schauder, er sprang auf und fluchte. Weiß war er wie das Tuch, das der Haushofmeister schon wieder über den Tisch führte; Henri indessen bemerkte gezeichnete Flecke auf seiner linken Wange. Verwirrung! Seine eigenen Finger schienen das, ihr Mal, und es war doch mit einem Backenstreich einem anderen aufgedrückt, dem Hauptmann beim Tor! Guise hatte genug, er verließ geräuschvoll das Zimmer. Condé packte plötzlich den Haushofmeister, der erschrak.

«Du machst das mit deinem Tuch. Du hast das Blut in dem Tuch. Verdammter Taschenspieler, woher kommst du?»

«Aus dem Kloster Saint-Germain», sagte der Mann überraschenderweise und erschrak noch mehr, als hätte er das nie gestehen dürfen. Condé fragte nicht weiter, in seiner Wut stieß er den Mann zu Boden und trat ihn mit beiden Füßen. Henri sah sich um: von d’Anjou fand er keine Spur mehr. Aber der junge Levis, Vicomte de Léran, unter den Protestanten der schöne Page, entstieg strahlend dem Dunkel und meldete:

«Die Königin von Navarra erwartet Sie, Sire.»

Lauern

Deine Sorge ist Tanzen und Bettliegen, hatte jemand ihm gesagt, aber das war ihm der Sorge zuviel, schon allein das Bett nahm ihn dahin, ganz, und er hätte fürchten können: für immer. Margot gab Freuden, die mehr waren als Freuden; sie waren eine Zuflucht, die einzige noch übrige, und lohnte die Gefahren, vergalt die Erniedrigung, beschämte die eigenen Gedanken. ‹Margot, deine Mutter hat nur meine Mutter getötet, du aber lieferst mich selbst ihnen aus wie Dalila den Samson. Margot, warne mich nicht, sprich lateinische Verse mit deiner dunklen Schlafstimme, beim Lieben. Margot, ich kann im nächsten Augenblick gerüstet dies Zimmer verlassen und alle Deinen niedermachen. Ich habe genug der Meinen hier in Schloß Louvre, sie warten nur auf mich, wir wären früher bei Madame Catherine als ihre schnellsten Spioninnen. Ich bin der Herr, zu tun, was ich will, aber ich küsse dich, da du unersättlich bist! Margot, höheres Wesen, denn das seid Ihr, und darum niemals wirklich unser! Margot, Ihr habt wenig Seele, gemessen an meinem Hochgefühl. Deinen Leib, Margot, bevor er altert! Was wird einst werden aus meinen belles amours! Ich werde dich verlassen, das ist vorauszusehen, und du wirst mich verraten. Ein gefährliches Tier, eine böse Frau! Margot, verzeih — mehr bist du, viel mehr als ich, die Erde selbst, auf der ich liege, reite und dahinfliege bis in den Himmel selbst!›

Dies alles empfand er, begeistert und verzweifelt in einem. Denn nichts ist der Verzweiflung näher als die Begeisterung, diese empfängt aus ihr das Beste. So in der Jugend. Das Mannesalter entfernt sich von den Quellen und vergißt sie. Wer ihnen immer nahe bleibt, wird leben und ein Mensch sein wie Henri von Navarra, später von Frankreich und Navarra.

Man erwacht, und richtig, ein Tag ist wieder da. Wäre er nur schon vorbei! Womit wird man ihn hinbringen? Was erfinden die anderen, die nicht als Hauptteil des Lebens die Nacht haben? Sie sind aber tätig, und ihre verschiedenen Werke und Arbeiten erweisen sich nicht weniger sinnreich als die der Liebe und reichen so tief hinab wie der Schlaf. So geht der Herzog von Guise in das Kloster Saint-Germain-l’Auxerrois, das zwischen Schloß Louvre und der Straße Dürrer Baum liegt. In der Straße wohnt der Admiral Coligny, nach dem Schloß begibt er sich oft, an dem Kloster konnte man vorbei. Hinter einem vergitterten Fenster wartet jemand, seit gestern schon, unermüdlich hinter Stäben lauernd.

Karl der Neunte sagt: «Mein Vater Coligny» und erwartet ihn heute vergeblich. Es ist der zwanzigste. Hinter Stäben lauert einer. Guise spielt Ball mit Karl, er denkt hinter seinem hellen freien Gesicht das Wort «lauern». Er denkt, daß schon gestern der Haushofmeister, der ihm zu Diensten ist, im Kloster jemand eingesetzt hat. Neben dem Manne lehnt ein Gewehr, und er lauert.

Madame Catherine bleibt unsichtbar, vor ihren Türen stehen Wachen, draußen und drinnen, und sie bewegt sich am Stock, aber unhörbar, von einer zur andern. Jedem späht sie von unten ins Gesicht, und der Soldat starrt über sie weg ins Leere. ‹Lauert›, denkt Guise. Denkt, daß hinter dem Gitterfenster die Wohnung des Domherrn, seines alten Lehrers, bereitsteht zur Tat. Den Haushofmeister liefert ein Verwandter, das Gewehr ein anderer, und vom Galgen hat Urlaub der Mann, der dort lauert. Lauert.

Diesen zwanzigsten war auch Theater, unter Mitwirkung des Königs von Frankreich, bei versammeltem Hof. Rechts Paradies, links Hölle, wie es recht und wahr ist. Den Eingang des Paradieses verteidigten drei Ritter, das waren Karl der Neunte und seine beiden Brüder, noch niemals hatte man sie so einig erblickt. In der Hölle benahmen große und kleine Teufel sich unflätig und albern. Den Hintergrund aber bildeten die elysäischen Gefilde, bevölkert von zwölf Nymphen. Alles wäre in Ordnung gewesen, aber dramatisch ist vielmehr, daß die Welt in Unordnung gerät, und so unternahm ein Haufe irrender Ritter, das Paradies zu erstürmen. Diese wurden indessen von Karl und seinen beiden Brüdern besiegt und bis in die Hölle gejagt. Übrigens trugen sie Kinnbärte und rauhe Koller.

‹Margot! Könnten wir uns nicht von hier entfernen, denn es wird hohe Zeit, daß ich dich entkleide, dein Fleisch brennt!›

Guise denkt: ‹Lauert. Der Galgenvogel de Maurevert lauert. Mein Domherr, der den großen Protestanten haßt, und mein Haushofmeister, den Condé getreten hat mit beiden Füßen — lauert.›

‹Ich bin der König von Frankreich und verteidige das Paradies›, denkt Karl. ‹Kinnbärte und rauhe Koller, in die Hölle mit euch! Von eurer Religion ist allerdings auch mein Schwager, sogar mein Vater. Das hier hat dem auch sonst nichts zu sagen, als daß ich Theater spiele. Der Umfang meiner Brust macht Jupiter neidisch, und nur an Herkules sind meine Schenkel zu messen.›

Jetzt geschah, daß vom Himmel herab Merkur und Kupido stiegen — über einen Regenbogen von natürlichem Aussehen, der aus Wolken sein Licht empfing. Diese Götter erschienen nicht nur wegen der seltsamen Kunst der Maschinen, sondern besonders, damit das Ballett beginnen konnte. Auf ihre Bitte holten die drei Ritter des Paradieses die Nymphen nach vorn bis in die Mitte des Saales. Die Vorführungen dieser unsterblichen Wesen, die aber nur Schauspielerinnen waren, dauerten über eine Stunde: so lange blieben Kinnbärte und rauhe Koller in der Hölle ausgesetzt dem lächerlichen Unflat der rot wabernden Teufel.

‹Margot! Könnten wir uns doch unverzüglich von hier entfernen, denn es wird hohe Zeit, daß ich dich entkleide, dein Fleisch brennt!›

Lauert hinter Stäben, lauert hinter Wachen.

‹Margot! Könnten wir doch!›

Lauert.

‹Ich, der König, bin der Stärkste. Zum Schluß heben wir die Nymphen in die Luft, und die schwerste heb ich selbst.›

Lauert. Mag noch ein anderer Tag vergehen und sollen sie sich bei neuen Festlichkeiten und Spielen verkleiden vor den Damen, wer prächtiger oder auch sonderbarer wäre, Navarra als Türke, Guise sogar als Amazone. Darum bricht endlich doch der zweiundzwanzigste an, ist ein Freitag, und schon seit dem neunzehnten, in der Wohnung des Domherrn, zwischen Dürrem Baum und Louvre — Lauert.