Die Schweizer hielten die Treppe nicht mehr: tot waren alle fünf. Eine lärmende Horde tobte hinauf; sie wollten die Tür wegstoßen, fanden aber, daß sie nicht sogleich nachgab. Als sie drinnen waren, sahen sie das Hindernis: ein Mensch, der sich auf die Schwelle gelegt hatte, das Gesicht gegen den Boden. Sie schlugen darauflos und glaubten ihn erschlagen zu haben. Indessen war er vorher gestorben, aus unerträglicher Ergriffenheit durch die Erscheinung des kämpfenden und erlösten Christen. Niemand kannte ihn; er war nur der deutsche Dolmetsch Nikolaus Muß. Verehrung und Liebe für den Herrn Admiral hatten ihn zu der Kühnheit bewogen, als einziger im Zimmer mit ihm zu sterben.
Ein Mann namens Bême trat vor, ein Schweizer, aber bei d’Anjou bedienstet. Vor dem Kamin stand ein vornehmer Herr, von der Art, der ein Bême sich kriechend nähert. Hier stieß er laut und drohend aus: «Bist du nicht der Admiral?» Damit erreichte er wider Erwarten nicht die Vertraulichkeit, die ein Mörder braucht bei seinem Opfer, weshalb er es auch plötzlich du nennt. Nein, der vornehme Herr behielt seinen Abstand, und unbequem war es für Bême, die letzten zwei Schritte zu tun.
«Ich bin es», lautete die Antwort. «Und mein Leben wirst du nicht abkürzen.»
Eine sonderbare Antwort, nur zu verstehen, wenn man mit angesehen hätte, wie dieser sich Gott schon überantwortet hatte und aus der Menschenhand schon frei war. Bême wurde von Verlegenheit befallen, verständnislos blickte er auf seine Waffe, weil der Herr dort sie verächtlich musterte. Es war aber ein langer, vorn zugespitzter Holzscheit, etwas, womit man Tore einrennen kann. Das wollte er in den Leib des Admirals Coligny stoßen — und da der Admiral das Gesicht wegwendete, tat er es wirklich. Der Admiral fiel. Einer der anderen Schweizer, die das Zimmer erfüllten, sah hier noch sein Gesicht und wunderte sich über den Ausdruck einer absprechenden Überlegenheit, die er künftig, wenn er davon erzählte, Gefaßtheit nannte. Der Getroffene murmelte auch noch etwas, nur war jeder zu aufgeregt, um es zu verstehn; es hieß: «Nicht mal ein Mann, nur das gemeine Pack.» Seine letzte Äußerung war Ungeduld mit den Menschen.
Als der Admiral erst einmal lag, verdienten auch die anderen wackeren Landsknechte sich ihren Sold. Martin Koch traf ihn mit seiner Streitaxt. Den dritten Streich führte einer namens Konrad, aber erst beim siebenten war Coligny tot. Die Herren drunten im Hof konnten es nicht erwarten. Der Herzog von Guise rief: «Bême, bist du fertig?»
«Es ist getan, gnädiger Herr», rief Bême zurück, und wie froh war er, daß er wieder «gnädiger Herr» sagen durfte, anstatt nach einem solchen mit gespitzten Holzscheiten zu stoßen.
«Wirf ihn aus dem Fenster! Der Ritter von Angoulême will es nicht glauben, bis er es mit eigenen Augen gesehen hat.»
Das geschah bereitwillig, und der Körper des Admirals fiel den Herren vor die Füße. Guise hob einen Lumpen auf und wischte das Blut vom Gesicht des Toten. «Er ist es, ich erkenn ihn. Und jetzt die andern!» Dem Leichnam trat er in das Angesicht und schloß: «Mut, Genossen! Das Schwerste haben wir geschafft.»
Soeben graute der Morgen.
Das Mordgeschrei
Bei Morgengrauen sagte der junge König von Navarra zu seiner Frau, die neben ihm lag, und zu seinen vierzig Edelleuten, die das Bett umringten: «Schlafen lohnt nicht mehr. Ich will Ball spielen, bis König Karl aufsteht: dann erinnere ich ihn dringend an seine Versprechungen.» Dies schien der Königin Marguerite sehr willkommen, denn sie war erschöpft und hoffte endlich zu schlafen, wenn alle die Männer draußen wären.
Bei Morgengrauen, eigentlich noch während der früh erhellten Sommernacht, standen in einem Zimmer des Louvre, das auf Platz und Gassen hinaussah, Karl der Neunte, seine Mutter Madame Catherine und sein Bruder d’Anjou. Sie sprachen nicht, denn sie horchten, wann der Pistolenschuß fiele. Dann würden sie wissen, was geschehen wäre, und wollten zusehn, was weiter vorging. Der Schuß fiel — da hatten sie plötzlich nichts so eilig, wie einen Boten zu schicken nach der Straße Dürrer Baum, mit dem Befehl für Herrn von Guise, er sollte nach Hause gehn und nichts unternehmen gegen den Herrn Admiral. Natürlich wußten sie, daß es zu spät war, und entsandten den Edelmann auch nur, damit sie es nachher bei den deutschen Fürsten und der Königin von England vorschützen konnten zur Verminderung ihrer Schuld. Dennoch trafen sie ihre unnützen Anstalten mit einem unverstellten Eifer, ganz, als ob noch etwas zu hoffen wäre. Madame Catherine und ihr Sohn d’Anjou verfielen wohl eher einer verspäteten Panik: es mißlingt uns noch! Karl allein bebte sinnlos der Botschaft entgegen: nichts sollte geschehen sein, er hatte alles nur geträumt.
Die vorauszusehende Antwort traf ein, da flüchtete Karl unvermittelt zurück in seinen freiwilligen Wahnsinn. Mit dem Gebrüll, das allen seinen Zustand deutlich machte, suchte er sein eigenes Zimmer auf und befahl stürmisch, Navarra und Condé sollten zu ihm gebracht werden — auf der Stelle hergeschleppt! Was sich erübrigte, sie waren von selbst schon unterwegs.
Auf ihrem Wege hörten sie durch ein offenes Fenster eine Glocke, die Sturm läutete. Sie blieben stehen, und niemand von ihnen allen wagte zu sagen, was er dachte, bis Henri selbst es aussprach. «In der Falle.» Er setzte hinzu: «Aber wir können noch beißen.» Denn vor und hinter sich hatte er seine Edelleute, der Gang zwischen den Zimmern war voll von ihnen. Er hatte ihnen aber grade erst Mut gemacht, da öffneten sich alle Türen vorn, rückwärts, auf beiden Seiten und spien Bewaffnete aus. Als erste wurden niedergemacht Teligny, der Schwiegersohn des Admirals Coligny, und Herr de Pardaillan. Henri sah nicht mehr als dies, er wurde weitergestoßen. Jemand faßte ihn am Arm und zog ihn zu sich hinein. Condé kam mit, denn in dem Gedränge hatten sie sich Schulter an Schulter gehalten, ihrer Verteidigung wegen. Als er sie drinnen hatte, schloß Karl selbst die Tür ab. Sie waren bei ihm, in seinem Schlafzimmer.
Die drei hinter dieser Tür horchten auf die Geräusche draußen, das Mordgeschrei, auf den Anprall von Waffen, Sturz von Körpern, das Röcheln und das Mordgeschrei. Als in der Nähe alle Getöteten ausgeseufzt hatten, verzog sich das Geschrei weiterhin. Seine Bedeutung war: «Es lebe Jesus!» Seine Bedeutung war auch: «Tod! Tod! Alles totschlagen!» — und heulend zog es in die Ferne. «Tue! Tue!» — ein heulender Laut. Er strich in wechselnder Stärke durch Gänge und Säle hin und her, kreuz und quer. Wer horchte, glaubte das Schloß Louvre weit und breit von bösen Geistern besetzt, anstatt von Edelleuten und ihren Truppen. Das Menschenwerk, das hier verrichtet wurde, glich einer grausigen Fopperei. Man war versucht, hinauszusehn aus dieser Tür: wahrscheinlich geschah in Wirklichkeit nichts. Nur das Dämmern des Augustmorgens breitete sich aus, und das einzige echte Geräusch waren die Atemzüge Schlafender.