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Er bewegte seine Hände, die zehn Finger schlängelnd, von oben nach unten über den Schrank hin, und dies aus einigem Abstand, um nicht zu nahe zu sein an dem Zauber, der vorgehn sollte. Auch Karl trat zurück, die Mienen voll Mißtrauen und Furcht. «Hervor!» rief Henri, weit auf sprang der Schrank, und schon lagen vor Karl auf allen ihren vier Knien d’Aubigné und Du Bartas. Es ging sehr schnell, der erste Schrei eines neuen Anfalles konnte so eilig nicht aus der Kehle Karls; darum schwieg er und sah sie sich an, die Stirn in Falten. Sie lagen auf den Knien, der Rumpf des einen reichte um die Hälfte höher als der des anderen, aber beide hielten die Hände flach gegen die Brust, wie es sich geziemt für arme Vertriebene, die sich erlauben wiederzukehren aus Bezirken, woher es nicht erlaubt ist. Mit dumpfen Stimmen sprachen beide auf einmaclass="underline" «Verzeihen Sie uns, Sire, daß wir das Reich Plutos verlassen haben! Üben Sie auch Nachsicht mit dem Nekromanten, der uns dazu bewog!»

Karl gab den Vorsatz, toll zu werden, für diesmal auf. Er setzte sich und sagte: «Ihr habt mir grade noch gefehlt. Steht meinetwegen auf, aber was fang ich mit euch an? Es ist scheußlich.» Dies war sein vernünftigster Augenblick; alles Geschehene und was noch kommen sollte, widerte ihn einfach an und war ihm peinlich — wie es ihm auf seinem Bild gewesen wäre. Ein König aus ermüdetem Geschlecht, weiße Seide, der Seitenblick voll Argwohn und Überdruß, aber der Fuß wird angesetzt wie im Ballett. Karl der Neunte wendet die Hand halb um, die Fläche nach oben: damit gab er allen die Freiheit.

Sogleich machten sie von ihr Gebrauch. Du Bartas ging und schloß die Tür auf. D’Aubigné winkte nach einem der Fenster, wohinein jetzt heller Tag schien. «Unser Glück, daß es offen stand in der Nacht und daß niemand hier war.»

Von der Tür kehrte Du Bartas schnell zurück: er hatte hinausgesehn. Dann bewegte sie sich.

Das Wiedersehen

Die Tür bewegte sich, sie ging auf, herein trat die Königin von Navarra, Madame Marguerite von Valois, Margot.

Ihr Bruder Karl sagte: «Da bist du ja, meine dicke Margot.» Henri rief: «Margot!» Bei beiden war die erste unbewachte Regung nur Freude. Da stand sie, war nicht verlorengegangen, als so viele Hinterhalte und Mördergruben sich geöffnet hatten, und noch immer brachte sie mit sich ihre veredelte Schönheit samt dem Glanz, den das Leben anzustreben schien bis zu dieser Nacht. Beide, Karl und Henri, erschraken inmitten ihrer Freude: ‹Ich war nicht bei ihr in der Gefahr! Wie kommt es, daß man ihr gar nichts ansieht?›

Dies kam aber, weil Margot sich viel Blut und viele Tränen abgewaschen hatte vom Gesicht wie auch vom Leibe, bevor sie sich wieder zeigen konnte, gekleidet in Taubengrau und Rosenrot wie der neue Morgen, die Perlen schimmernd auf der zart blühenden Haut. Das hatte Mühe gekostet! Denn über ihr hatte angeklammert in Todesangst ein schon halb Ermordeter gelegen. Andere hatten zu ihr gefleht und gebetet als zu der Rettung am äußersten Rand, während sie ihr dabei aus großer Not das Hemd zerfetzten und sogar ihre schönen Hände nicht verschonten mit ihren Nägeln, die vor Angst ganz scharf waren. Ein Wahnsinniger wieder hatte vorgehabt, sie selbst zu töten, und zwar einzig und allein, weil er ihren lieben Herrn entsetzlich haßte. «Navarra hat mich geohrfeigt, dafür töte ich ihm sein Liebstes!» hatte Hauptmann de Nançay gekeucht, nah, ganz nah bei ihr — schloß auch schon die ausgestreckte Kralle und glaubte, sein Opfer gefaßt zu haben. Sie hörte sehr wohl noch jetzt, wenn sie es wollte, seinen rauhen Laut, roch seinen gierigen Atem und wußte wahrhaftig nicht mehr: Wie bin ich ihm entkommen — in meinem vollen Zimmer? Denn bis hinter dem Bett lagen sie, wälzten sich, tobten oder waren schon starr und stumm. Das alles trug sie mit sich in ihrem Innern und erschien dabei hell wie der neue Morgen: so wollten es der Anstand und ihre Selbstbehauptung. Mein Herr soll mich lieben!

Sie versuchte Henri anzusehn, genau in die Augen — was ihr merkwürdig schwer wurde. Wider ihren Willen wich sie aus, bevor ihre Blicke beieinander anlangten. Übrigens verfehlte er selbst den ihren und sah an ihr vorbei, wie sie an ihm. Was ist es um Gottes willen? So kann es doch nicht sein. «Mein Henri!» und «Meine Margot!» sagten beide zugleich und gingen aufeinander zu. «Wann verließen wir uns denn? Ist es so lange her?»

«Ich», sagte Margot, «blieb noch im Bett liegen und dachte zu schlafen, du standest auf.»

«Ich stand auf und ging hinaus mit meinen vierzig Edelleuten, die unser Bett umringt hatten. Ich dachte mit König Karl eine Ballpartie zu spielen.»

«Ich, mein lieber Herr, dachte zu schlafen. Es ist nun aber so gekommen, daß ich von Blut und Tränen ganz bedeckt wurde, mein Hemd und mein Gesicht. Sogar der Angstschweiß von Menschen fiel darauf. Das alles taten leider die Meinen. Sie haben die Deinen alle getötet, und da niemand so sehr dein ist wie ich, hätte ich besser getan, zu sterben. Ich bin aber zu dir gekommen über die Toten am Wege, und dies ist unser Wiedersehen.»

«Dies ist unser Wiedersehen», sagte auch er, sehr traurig, und versuchte das eine Mal gar nicht, sich lustig zu machen. Sie hatte es fast von ihm erhofft: ein Junge wie er lacht besonders über das Grauen. Nein, erinnerte sie sich: denn hier bin ich selbst die Grauenvolle. «Ich, deine arme Königin», hauchte sie ihm ins Gesicht. Er nickte und flüsterte: «Du, meine arme Königin, bist die Tochter der Frau, die meine Mutter getötet hat.»

«Und du liebtest mich viel zu sehr, viel zu sehr.»

«Jetzt hat sie mir alle getötet.»

«Und du liebst mich gar nicht mehr, gar nicht mehr.»

Da hätte er die Arme weit geöffnet für Margot, hingerissen von ihrer Stimme allein, denn er sah sie nicht an, er hielt die Lider gesenkt. Die Bewegung war in seinem Innern schon geschehn; noch ein Hauch von ihr — aber der blieb aus. Fühlte sie: ich kann nicht, ich darf nicht, oder: es hält nicht vor. Ich hab ihn verloren? Sie trat von ihm fort, und nachdem sie sich über die Stirn gestrichen hatte, sagte sie laut für alle: «Ich komme zu meinem Herrn Bruder. Sire, ich bitte Sie um das Leben mehrerer Unglücklicher.» Damit ließ sie sich vor Karl dem Neunten auf die Knie nieder, nicht ohne Zeremonielclass="underline" die Leidenschaft einer Flehenden, aber verkleidet in den feierlichen Anstand, wie Könige ihn überall finden müssen. «Sire! Gewähren Sie mir das Leben des Herrn de Léran, der blutend aus mehreren Stichwunden in mein Zimmer stürzte, als ich noch lag, und der aus Angst vor seinen Mördern mich umschlungen hielt, bis wir hinter das Bett fielen. Gewähren Sie mir auch das Leben Ihres Ersten Edelmannes de Miossens, eines so würdigen Mannes, und des Herrn von Armagnac, der bei dem König von Navarra Erster Kammerdiener ist!»

Sie sprach in aller Form zu Ende, obwohl Karl ihr alsbald ins Wort fiel. Er hatte sich doch gefreut über ihre Rettung? Ja, und dann hatte sich unaufhaltsam wieder in ihm ausgebreitet das Höchstmaß von Überdruß. Nichts anderes empfand er und nahm er wahr, indessen Henri und Margot ihr Wiedersehen begingen. Dabei bewohnten sie eine Welt für sich und Karl die seine. Plötzlich bemerkt er, daß jemand von ihm etwas wilclass="underline" seine Schwester — und die beobachtet ihn, sie spioniert ihn aus und hinterbringt nachher ihrer Mutter, was er gesagt hat, welche Miene er trug! Daher wechselt er das Gesicht, er läßt es feuerrot werden, das kann man; die Stirnader schwillt ihm, die Augen rollen um einen so großen Teil des Kreises, wie es irgend zu erreichen ist. Zuckungen der Glieder und des Kopfes sowie auch Zähneknirschen tritt ein, und alle Vorbereitungen wohl getroffen, brüllt er los. «Von dem allem kein Wort mehr, solange noch ein einziger Ketzer am Leben ist! Bekehrt euch!» brüllt er die Anwesenden an; denn vier überlebende Hugenotten hat er bei sich im Zimmer, ihm verdanken sie, daß sie noch von dieser Welt sind, und seine Mutter wird es erfahren.