Henri will den Vetter Condé schnell noch zurückhalten: vergebens, der setzt seine Ehre darein, die ganze Stimme aufzuwenden wie Karl. Über seinen Glauben schuldet er niemandem Rechenschaft als nur Gott, und die Wahrheit verleugnet er auch unter Drohungen nicht! Worauf Karl, ausgesprochen toll, körperlich gegen ihn losgeht. Du Bartas und d’Aubigné halten ihm kniend die Beine fest, und er brüllt: «Aufrührer! Empörer und Empörerssohn! Wenn du in drei Tagen nicht anders redest, laß ich dich erdrosseln.» Er gab ihm drei Tage Frist, was man Vorsicht nennen konnte in Anbetracht von so viel Tollheit. Navarra, allen Protesten bei weitem verantwortlicher als sein Vetter, machte es dennoch wie das erstemaclass="underline" sanft wie ein Lamm, versprach er seinen Übertritt — und dies sogar nach geschehener Metzelei. Aber er dachte auch nicht daran, sein Wort zu halten, als er es Karl verpfändete, und Karl wußte es wohl. Sie gaben einander ein kleines Zeichen mit den Augen.
«Ich will mich am Anblick meiner Opfer weiden!» verlautbarte der wahnsinnige Herrscher der Mordnacht und schonte dabei seinen Hals nicht. Wer vielleicht in der Nähe war, Wachen, Edelleute, Neugierige vom Hof oder Gesinde, alle sollten bezeugen können, daß Karl der Neunte zu seinen Taten stand und seine Opfer nunmehr beaugenscheinigte. Indessen noch auf der Schwelle streifte seine Hand, wie von ungefähr, die Hand seines Schwagers Navarra, und der war der einzige, der Karl flüstern hörte: «Scheußlich, scheußlich. Laß uns zusammenhalten, Bruder!» Dann wurde er endgültig, der er sein mußte: der grausame Karl der Bartholomäusnacht — und genoß seine Toten, die ersten, die gleich hinter seiner Tür hingestreckt worden waren, sowie alle anderen weiterhin am Wege. Er schob ihre des Fühlens überhobenen Glieder mit dem Fuß beiseite und trat auf ihre Köpfe, die erleichtert waren von allem Widerstand, allem Haß. Er stieß dabei genug Flüche und Drohungen aus; es lag nicht an ihm, daß niemand sie hörte außer seinen paar stummen Begleitern. Kein Lebender zeigte sich, denn sehr müde macht das Mordgeschäft, nachher schlafen sie oder trinken. Die Toten waren unter sich.
Sie schienen zahllos, wie Lebende es niemals sind. Diese werden sich nach jeder Ansammlung wieder zerstreuen. Die Toten harren aus, ihrer ist das Erdreich und alles, was hervorwächst an Gestalt und Schicksal, eine Zukunft, so unermeßlich, daß sie ewig heißt. Agrippa d’Aubigné begann zu sprechen.
Er sprach gedämpft im Sinn der Toten, deren Leben sich durch alle Zeit erstreckt, weshalb es verlangsamt und eben sehr gedämpft ist. Laut sind die Flüche eines Tollen. Henri kannte die Verse: Agrippa hatte sie zuerst gesprochen in seiner Hochzeitsnacht, bevor der lange Zug sich bildete und Karl der Neunte mit seinem ganzen Hof ihn zum Beilager geleitete. Dies war ein anderer Zug, obwohl er nach demselben Zimmer führen sollte. Henri sah sich nicht um nach Margot.
Sie ging zwischen den anderen Männern, die sich um sie nicht bekümmerten, und eigentlich kam sie zuletzt. Niemals in ihrem Prinzessinnendasein war Madame Marguerite sich einer so geringen Bedeutung bewußt geworden wie hier, auf dem Gang eines Tollen und mehrerer Geschlagener zwischen den Reihen der Toten. Welchen unbegreiflichen Ausdruck manche hatten: erstaunt, ja beschämt von zuviel Glück. Aber andere waren dafür gänzlich entseelt und ein für alle Male zur Hölle gefahren: das unterschied Madame Marguerite, und einmal bemerkte sie es an einem ihrer früheren Geliebten, da wurde sie schwach. Du Bartas fing sie auf, und halb von ihm getragen, setzte sie weiter die Füße.
Bei einem Kamin hielten zwei einander aufrecht — hatten einander erdolcht, und noch umarmten sie sich. Manchmal waren die Protestanten nicht wehrlos überrascht worden, dann hatten sie von ihren Angreifern so viele wie möglich mitgenommen. Eine Frau lag, des Lebens beraubt, über einem Mann, dem sie es wohl zu retten war gesonnen gewesen. ‹Auch die konnte nichts›, denkt Margot, halb getragen, die Füße schleifend. Konnte nichts. ‹Ich konnte nichts›, denkt sie. Über ein Geländer aber hing ein dicker Koch, seine weiße Mütze war ihm vom Kopf gerutscht und die Treppe hinabgerollt. Genau in der Stellung hatte Henri diesen Mann oder einen andern auch das vorige Mal überrascht: damals war er betrunken, jetzt ist er tot. Übrigens aber macht das zwei Orgien, die der Hochzeitsnacht und dann diese. Sie kommt später um sechsmal vierundzwanzig Stunden, nun war sie auch gründlicher und hinterläßt Überreste und Geschichte — äußerlich scheinen es oft die gleichen, sind aber anders gemeint.
Henri geriet ins Gleiten auf vergossenem Blut, fuhr aus Träumen auf und blickte in das ausgelöschte Gesicht des jungen La Rochefoucauld, des letzten Abgesandten seiner Mutter. Hier hielt er sich nicht länger, er schluchzte auf. Hinter vorgehaltenen Händen, wie ein Kind, schluchzte er: «Mama!» Seine Freunde gaben sich nicht den Anschein, als hörten sie ihn. Karl spielte den Wüterich, und war es vielleicht wirklich geworden auf dieser Reise durch die Unterwelt. Margot sagte leise, nur für Henri: «Ihn konnte ich nicht mehr retten. Fast hatte ich ihn schon in unserer Tür, da entrissen sie ihn mir und töteten ihn.» Sie wartete: Antwort kam nicht. Henri hatte einen zu weiten Weg gemacht bis zu der jetzt erreichten Tür, hatte ihn ohne Margot gemacht, machte auch keinen Weg des Lebens je wieder mit ihr als derselbe. Vor dieser Tür, die bezeichnet wurde durch die Leiche des jungen La Rochefoucauld, traf ein anderer Henri ein, als daraus fortgeeilt war auf leichten Füßen.
Dieser wußte. Dieser hatte das Mordgeschrei durch das Schloß Louvre heulen gehört eine Nacht lang. Dieser hatte in die Gesichter seiner toten Freunde geblickt, er hatte Abschied genommen von ihnen und dem befreundeten Beisammensein der Menschen — vom freien, offenen Leben. Ein einiger Haufe von Berittenen, Pferd an Pferd gedrängt, dazu ein geistliches Lied, indes vom Feld die hübschen Mädchen herbeiliefen: so froh und flüchtig eilte man dahin unter den eilenden Wolken. Aber mit dem Schritt des Besiegten, Gefangenen wird er in dies Zimmer treten. Wird sich fügen, ein Verwandelter sein unter dem trügerischen Schein des ehemaligen Henri, der reichlich lachte, immer liebte und niemand hassen konnte, vor keinem auf seiner Hut war. «Wen seh ich da zu meiner Freude bei voller Gesundheit! De Nançay, guter Freund, welch ein Glück, daß wenigstens Ihnen nichts zugestoßen ist! Manche haben sich gewehrt, wissen Sie, als die guten Leute dran glauben sollten. Hat ihnen nichts geholfen, und geschieht ihnen recht. Wer geht denn auch so dumm in die Falle? Hugenotten allein bringen das fertig. Ich nicht, ich war schon öfter katholisch als Sie, de Nançay, und werd es jetzt wieder mal. Denken Sie noch daran, wie meine Leute mich aus dem Brückentor fortzerren wollten? Ich aber wollte herein zu meiner Königin und ihrer bewundernswerten Frau Mutter, wo ich auch hinpasse. Ihnen, Freund de Nançay, mußte ich einen Schlag geben, damit Sie mich einschließen: dafür umarme ich Sie jetzt.»