Das tat er wirklich, bevor der Hauptmann sich des Liebesbeweises versah. Kein Recken und Strecken nützte, auch den Kuß auf beide Wangen empfing er, obwohl mit lautem Zähneknirschen. Noch hatte er sich nicht ganz besonnen, schon war der gewandte Schlingel anderswo hingeraten.
Henri befand sich in dem Zimmer, das Margot aufgeschlossen hatte. Die Tür wurde, so breit sie war, von Karl verstellt. Karl ließ niemand ein, während er im Gegenteil schrie, man sollte kommen und den hier noch aufbewahrten Protestanten den Rest geben. De Miossens, Erster Edelmann, lag vor dem Wüterich auf seinen steifen Knien, nicht wie einer der sterben soll, sondern eher mit dem Ausdruck eines alten Beamten, dem der vorzeitige Ruhestand droht. D’Armagnac, ein Edelmann als Kammerdiener, geruhte nicht, sich zu beugen. Er hatte einen Fuß vorgeschoben, er hielt den Kopf im Nacken und preßte die Hand auf die Brust. Das Bett aber trug ein weißes, blutbeflecktes Bündel, woraus ein Paar junger feuchter Augen blickte. «Wer ist das?» fragte Karl und vergaß zu schreien.
Der Kammerdiener antwortete: «Herr Gabriel de Levis, Vicomte de Léran. Ich habe mir erlaubt, ihn zu verbinden. Zwar hatte er schon das ganze Bett blutig gemacht. Den andern, Sire, half kein Verband mehr.» Mit einer Bewegung, die Schmerz und dennoch die Verachtung des Todes vorführte, zeigte er auf mehrere Leichen.
Karl starrte sie an, dann hatte er gefunden, was er brauchte. «Diese ungläubigen Hunde», schrie er, «haben das Zimmer der Prinzessin von Valois, meiner Schwester, mißbraucht, um sich darin ermorden zu lassen. Fort mit ihnen auf den Schindanger! De Nançay, fort!» Worauf dem Hauptmann nichts anderes übrigblieb, als mit seinen Leuten die Toten hinauszutragen. Karl deckte inzwischen in ganzer Person die Überlebenden. Sobald die Soldaten um die Ecke waren, schnaubte er de Miossens und d’Armagnac an und rollte schrecklich die Augen: «Fahrt zum Teufel!» Das ließen sie sich gesagt sein: Auch Du Bartas und d’Aubigné ergriffen die Gelegenheit. Karl selbst schloß hinter ihnen allen die Tür.
Er sagte: «Ich verlasse mich auf die Gascogner: die bringen den guten de Miossens mit durch, so daß ihnen unterwegs kein Unfall zustößt. Margot, wenn du unserer Mutter berichten wolltest, daß ich Hugenotten verschone, dann weiß ich von dir noch mehr. Dort liegt einer auf deinem eigenen Bett.» Mehr für sich selbst sagte er: «Neben ihm ist noch Platz. Warum sollte ich nicht? Ich bin nicht besser daran als er.» Und er legte sich zu dem weißen Bündel auf die Decke voll Blut. Alsbald wurden sein Gesicht und Atem wie die eines Schlafenden. Henri und Margot sahen gleichwohl unter seinen Lidern die Tränen hervorlaufen. Auch aus den Augen des jungen de Léran fielen noch Tropfen, als er sie schon geschlossen hatte. So lagen beieinander und ruhten zwei Opfer dieser Nacht.
Das Ende
Margot ging zum Fenster und sah durch die Scheiben. Sie nahm in ihr Bewußtsein nichts auf: sie wartete einzig, daß Henri käme. Er wird mir in den Nacken sprechen, daß wir nur geträumt haben. Er wird sich lustig machen über alles andere, wie gewöhnlich, und im Ernst wird es ihm ganz allein zu tun sein um unsere Liebe. ‹Nos belles amours›, dachte sie mit seinen Worten. Aber mit ihren eigenen mußte sie denken: ‹Unser Bett ist voll Blut. Wir sind hierhergegangen zwischen seinen ermordeten Freunden. Meine Mutter hat mich zu seiner Feindin gemacht. Er haßt mich. Ihn hat meine Mutter in einen Gefangenen verwandelt. Ich kann ihn nicht achten. So soll das Ende sein.› Indes sie aber das Ende überlegte, begann ihre unwiderstehliche Hoffnung einfach von vorn: ‹Er wird mir in den Nacken sprechen, daß wir nur geträumt haben. Nein!› entschied sie. ‹Wie könnte er es denn, als Mann, der er ist, und mit dem kindischen Stolz, den sie haben. Hinter mir sitzt er gewiß, wendet mir den Rücken und ist gewärtig, daß ich ihn unversehens küsse. Bin ich doch sowohl gelehrter als erfahrener und überdies eine Frau. Mir überläßt er den Fortgang der Dinge, und mir wird wohl noch gelingen, einem Knaben weiszumachen, daß alles, was wahr ist, nicht wahr ist! Gleich fang ich an.›
Statt dessen wurde ihr, bevor sie sich umdrehn konnte, der ungeheure Lärm bewußt. Alle Glocken von Paris setzten ihn ins Werk; nur eine, die einmal früher tief und dumpf gebrummt hatte, blieb jetzt stumm; war zufrieden, die erste gewesen zu sein, und nach vollbrachter Tat schwieg sie. Wie stürmisch aber die Glocken läuteten, hindurch drang das Mordgeschrei. «Hoch Jesus! Alles totschlagen! Tue! Tue!» heulte draußen das Mordgeschrei. Margot: ein Blick auf Platz und Gassen, sie taumelt zurück. Gelehrt und erfahren, nur daran hatte ich nicht gedacht. Was ist da zu machen — mein Kind, mein Schmerzenskind?
Sie wendete sich in das Zimmer: er war nicht hier. Die beiden auf dem Bett stöhnten aus ihrem Schlaf, beide träumten ihre eigene Hinrichtung, die vollzogen wurde beim Lärm aller Glocken und beim Heulen des Mordgeschreis. Die Geräusche waren auf einmal mitten ins Zimmer versetzt, sie bohrten den Kopf mit Schrauben an. Man meinte in einem Sturm zu stehn, man taumelte und wurde gepackt vom Entsetzen. Es kam daher, daß im Nebenzimmer das Fenster geöffnet worden war. Dort hinein war Henri gegangen. Nicht dies alles hören und sehen mit Margot zusammen, sondern allein! War hinübergegegangen durch die fortgestoßene Tür in das Zimmer, das hergerichtet war für seine Schwester und wo der Admiral einst hätte geborgen werden sollen vor seinen Mördern. Margot senkte machtlos die Schultern: ‹Über die Schwelle dort, leider nein. Zu ihm, nicht mehr.›
Er hörte und sah. Der Platz drunten wimmelte von Menschen, die aus den Gassen herzudrängten — alle tätig, keiner als müßiger Zuschauer. Ihr Geschäft war überall das gleiche: töten und sterben; und es geschah mit der höchsten Emsigkeit, dem Schwung der Glocken vergleichbar und angepaßt dem Takt des Mordgeschreis. Pünktliche Arbeit, und dennoch wieviel Abwechslung und Eigenheit! Ein Kriegsknecht schleifte einen alten Mann, ordentlich an die Leine gebunden, über den Boden, damit er ihn in den Fluß würfe. Ein Bürger erschlug einen anderen mit Sorgfalt und Genauigkeit, dann lud er ihn sich auf und trug ihn zu einem Haufen, wo schon alle nackt waren. Das Volk entkleidete die Toten: das war Sache des Volkes, nicht der ehrbaren Leute. Jedem das Seine. Ehrbare Leute entfernten sich eilig mit schweren Geldsäcken; sie kannten in den Häusern der andersgläubigen Nachbarn den Ort, wo etwas aufbewahrt wurde. Manche trugen ganze Truhen, wozu sie wieder die Schultern des Volkes benötigten. Ein Hund leckte seiner erstochenen Herrin die Wunde, der gerührte Mörder mußte ihn streicheln, bevor er zum Folgenden schritt. Denn sie haben auch ein Herz. Sie morden vielleicht im Leben nur einen Tag, aber Hunde verziehen sie alle Tage.
Am Ende einer Gasse war ein Hügel sichtbar, darauf drehten sich die Flügel einer Windmühle, jetzt und immer. Die Brücke über den Fluß würde ins Freie führen, könnte man nur flüchten. Ein Gedränge Flüchtender fiel auf der Brücke unter den Schlägen der Wache. Denn die Wache war unter der Führung von Berittenen zur Stelle und sorgte für die Erhaltung der Sicherheit. Fußvolk und Reiter bewegten sich bequem in den Abständen, die jeder Mordende zwischen sich und den Nächsten offen ließ. Man braucht Raum, wie auch die Biene ihn haben muß für ihre Emsigkeit. Wäre nicht all das Blut gewesen und noch einiges andere, besonders der höllenmäßige Lärm: aus einer gewissen Entfernung hätte man meinen können, diese guten Leute wären auf einer Wiese beschäftigt mit Blumenpflücken. Jedenfalls blaute über ihnen der Himmel in sonnigster Heiterkeit.
‹Sie sind genau›, dachte Henri. ‹Warum so peinlich unterscheiden zwischen denen mit den weißen Abzeichen und den anderen — wenn man schon töten will? Muß man, um das Vorrecht des Tötens zu haben, durchaus ein Weißer sein? Aber sie töten nicht für sich, sondern für andere, im Auftrag, um der Sache willen: das macht ihnen das gute Gewissen. Bei aller ihrer Wildheit, die ganz wie eine befohlene Wildheit aussieht, bleiben sie ordentlich und arbeitsfroh. Dort errichten einige einen Galgen. Sie werden damit fertig sein, wenn schon alle tot sind, und können nur Leichen daran hängen. Das stört sie nicht, tun sie es doch nicht für sich selbst. Niemals handeln sie für sich: das will ich mir merken. Wie leicht man sie zum Schlechten und Schädlichen bringt! Schwerer wird es halten, etwas Gutes von ihnen zu erreichen. Ehrbare Leute und Volk — zusammen ergibt das, wenn die Gelegenheit günstig ist, das gemeine Pack —› dachte Henri, und dasselbe Wort war im Gehirn des sterbenden Coligny das letzte gewesen.