Henri machte sich, wie die anderen, weniger sichtbar, bis vielleicht nochmals eine Menge zusammenlief. Es konnte nicht ausbleiben, bei der allgemeinen Neugier, dem Mißtrauen, der Unsicherheit. Im Augenblick drückte man sich nur an den Wänden hin, und zu Henri schlich heimlich sein Vetter Condé. «Weißt du?» fragte er.
«Ich bin Gefangener, was weiter? Schwer zu erraten — obwohl ich dem Guise ins Gesicht geblickt habe.»
«Guise hat dem Herrn Admiral, als er tot war, in das Gesicht getreten. Ich sehe dir an: dies wußtest du nicht. Für uns fürchte ich das Schlimmste.»
«Dann hätten wir es verdient. So dumm wie wir darf niemand sein. Wo ist meine Schwester?»
«In meinem Hause.»
«Sag ihr, daß sie recht gehabt hat, aber daß ich entkommen werde.»
«Ich kann ihr nichts ausrichten, denn auch ich darf nicht aus dem Louvre. Die Wachen sind verstärkt, wir werden nicht entkommen.»
«So bleibt uns nichts anderes übrig, als zur Messe zu gehen?» fragte Vetter Navarra. Vetter Condé, der bei dem Wort noch jedesmal gewütet hatte die vorige Nacht, jetzt beugte er den Nacken und seufzte. Dennoch entsetzte ihn der Leichtsinn des Vetters Navarra, denn der rief aus: «Hauptsache, man lebt.»
Dabei blieb er, als wieder mehr Leute sich einstellten. Er sagte: «Herr de Miossens, Sie leben! Ist das nicht die größte Überraschung Ihres Lebens?» Er rief aber auch: «Herr de Goyon, Sie leben» — und dieser lebte gar nicht, er war nicht hier im großen Saal, er lag im Brunnen des Louvre als ein Fraß der Raben. Wer Navarra so sonderbar sprechen hörte, wandte sich fort mit ungleichen Mienen: die einen drückten Besorgnis, Schuld oder Mitleid aus, die anderen nur Verachtung. Henri indessen ließ sich einfallen, sein ewiges «Sie leben!» sogar an den Thronfolger d’Anjou zu richten. Da erkannte man endgültig, daß er auch nach der Bartholomäusnacht ein unbedachter Spaßmacher geblieben war. Man bezeugte es ihm mit einem Lachen der Erleichterung, mißbilligend war es nebenbei. Er unterschied alles, er merkte sich jeden — während sie meinten, er dächte an Witze.
D’Anjou traf gerade ein, und in sehr guter Stimmung: davon wurde es weniger schwül in dem Schloß, das auf einmal höher aufragte zu dem Augustabend. D’Anjou endlich benahm sich wie ein Sieger, heiter und gnädig: «Ob ich lebe! Zum ersten Male lebe ich wirklich; denn mein Haus und Land sind dem größten Unheil entgangen. Navarra, der Admiral war unser Feind, und er betrog dich. Sein Sinn stand nach der Vernichtung des Friedens in Frankreich und der übrigen Welt. Er plante Krieg mit England und verbreitete das Gerücht, die Königin Elisabeth wollte uns Calais wegnehmen. Wahrhaftig, der Admiral mußte sterben. Alles übrige ist davon die leidige Folge, eine Kette von Unglücksfällen, die Auswirkung alter Mißverständnisse und ganz vergeblicher Feindschaften, die wir begraben und zu den Toten legen wollen.»
Die letzten, unglücklich gewählten Worte machten dem empfindlichsten der Hörer etwas übel. Sonst aber erschien die Rede ausgezeichnet durch die Absicht des Besänftigens und wohltuenden Vertuschens. Eben hiernach hatte man sich dringend gesehnt. Andererseits war die Rede lang gewesen; d’Anjou spürte Durst, und auch von einer zu starken Aufmerksamkeit schmachtet man. Als aber Wein gebracht werden sollte, stellte sich heraus, daß der Louvre auch nicht einen Tropfen enthielt. Die Vorräte wurden nur Tag um Tag gekauft. Die gestrigen waren völlig draufgegangen nach dem Mordgeschäft, und heute? Heut war kein Tag gewesen. Niemand hatte an Wein gedacht, so wenig wie an Fleisch, und nicht einmal die gemeinen Wirtshäuser wagten offenzuhalten. Der Thronfolger und der Hof mußten trockene Kehlen erdulden. «Darum aber brauchen wir doch nicht im Dunkeln umherzuhuschen wie Schatten», bemerkte d’Anjou und befahl, die zwanzig Lüster zu beleuchten. Merkwürdig, auch das war keinem eingefallen.
Die Haushofmeister schickten Diener aus, die sich laufend entfernten und im Schritt wiederkamen, die Hände meistens leer. Nur stückweise wurden Kerzen aufgefunden — nach der vorigen Nacht, in der alle niedergebrannt waren beim Heulen des Mordgeschreis. Einige Zeit lang wurde es im Saal noch immer dunkler. Auch die Bewegungen der Personen schliefen ein, und die Stimmen sanken. Jeder stand allein, erkannte nur mit scharfem Auge, wer sein Nachbar war, und wartete unbestimmt. Eine Dame schrie hoch auf. Sie wurde hinausgetragen, seitdem aber war offenkundig, daß die wohlgesetzte Rede des königlichen Bruders im Grunde nichts verändert hatte. Henri, der zwischen ihnen hindurchschlich, hörte flüstern. «Wir haben in der Nacht zu viel oder zu wenig getan.»
Auch hörte er antworten: «Der heißt nun einmal König. Hätten wir auch ihn noch mitgenommen, wir bekämen es mit allen Königen der Erde zu tun.» Danach begriff der König von Navarra von seinem Schicksal einiges mehr. Besser als andere, die nur munkelten, erfaßte er in der vorher vernommenen Rede seines Vetters d’Anjou den tiefen Sinn und die eigentliche Herkunft. D’Anjou kam, als er hier eintraf, von seiner Mutter, das war das Geheimnis! Madame Catherine saß im verwahrten Zimmer an ihrem Schreibpult, entwarf mit der eigenen fetten Hand Buchstaben, die so zerfahren waren, wie sie selbst gesetzt schien; und schrieb sie der Protestantin in England, dann war es eben dies: «Der Admiral hat Sie betrogen, liebe Schwester, nur ich allein bin Ihre Freundin.» — ‹Alles auf einen Toten schieben — so entzieht man sich der Verantwortung von Greueltaten; und die Welt, die für Greuel nicht gern mitverantwortlich ist, darf sich beruhigen, was sie auch vorzieht. Das alles geht die Toten an. Und mich!› dachte Henri. Geschützt von Nacht und Finsternis, ließ er endlich sein Gesicht in die wahren Züge fallen. Sein Mund verzerrte sich, und seine Augen sprühten Haß.
Gleich darauf unterdrückte er alles, nicht nur den Ausdruck, auch das Gefühclass="underline" denn es wurde Licht, Diener auf Leitern zündeten endlich einige Kerzen an; die warfen einen schwachen Schein in die Mitte des Saales. Die Menge der Höflinge machte: «Ah!» — wie noch jede Menge gemacht hat nach einem Warten im Dunkeln. Zu Henri Navarra trat sein Vetter d’Alençon. «Henri», begann er. «So geht das nicht. Wir müssen uns aussprechen.»
«Das sagst du jetzt, da es hell wird?» erwiderte Henri ihm.
«Ich sehe, daß du mich verstehst», bestätigte ihm der Mann mit den zwei Nasen. Er wollte ganz deutlich machen, daß er nicht dumm wäre. «Verstell dich weiter!» verlangte er ausdrücklich. «Auch ich muß den guten Sohn und Katholiken spielen, insgeheim aber trete ich nächstens zu deiner Religion über. Man ahnt noch nicht, wie viele das tun werden nach allem, was geschehen ist.»
«Ich soll wahrscheinlich im ganzen Louvre der beste Katholik sein», entgegnete Henri.
«Mein Bruder d’Anjou bläht sich: es ist kaum noch auszuhalten! Held des Tages, hat sein Ziel erreicht, ist heiter und gnädig.»
«Schwärzliche Geister umschweben ihn nicht länger», ergänzte Henri.
«Der Liebling unserer trefflichen Mutter, jetzt ist für ihn die Bahn frei. Nur unser toller Bruder Karl braucht noch zu sterben. Hast du Lust, Navarra, das mit anzusehen — ohnmächtig knirschend? Ich nicht. Laß uns fliehen und das Land aufrufen! Ohne Zeitverlust!»
«Ich habe allerdings schon einmal versäumt, den Guise zu erdolchen» — dies entfuhr dem Vetter Navarra, bevor er seine aufgebäumte Wut im Zaum hatte. Alsbald besann und faßte er sich. ‹Dem Mann mit den zwei Nasen durfte man nicht weit trauen. War er nicht falsch, dann jedenfalls zerfahren wie die Buchstaben seiner Mutter›, dachte Henri. ‹Auf ihn kein Pläne bauen›, dachte er. ‹Ihm mich nicht verraten!› — «Für dies Versäumnis aber danke ich Gott», schloß er den angefangenen Satz über die Erdolchung des Guise.