«Navarra, wo hast du meine dicke Margot?» fragte Karl, während er ausspielte. «Und warum zeigt meine Mutter sich nicht, da sie euch Hugenotten hat mit Leimruten gefangen? Ja — und alle Damen des Hofes?» Plötzlich hatte er bemerkt, daß nur wenig Weiblichkeit verteilt war über den Umkreis seiner Zuschauer.
Sein Bruder d’Anjou flüsterte ihm etwas zu. Karl selbst verschmähte es durchaus, die Stimme abzuschwächen. «Die Königin, meine Mutter, empfängt soeben die fremden Gesandten. Sie sind in ihrem Kabinett erschienen — alle auf einmal. So ist es. Bei mir sich anzumelden, vergaßen die Herren. Übrigens haben wir nichts bemerkt von ihrem Aufzug. Sie sind sehr leise aufgetreten; die Gesandten der großen Mächte kennen auch das große Geheimnis, sich unsichtbar zu machen.» Gelassen warf er seine zweite Karte hin; sein Gehaben sah nach stiller Verachtung aus, es konnte heißen: Ich weiß, was gespielt wird, und nur mit Abstand spiele ich mit.
Lothringen gab vier Karten. Das Spiel hieß Prime, und eine Anzahl Punkte gewann, wer von allen vier Sorten je ein Blatt hatte. Navarra deckte sein Spiel auf und zeigte die vier verschiedenen Blätter. «Henri», sagte auf einmal der andere Henri aus dem Hause Guise. «Dies wirst du hören wollen. Es steht dermaßen, daß für mich die Gesandten nicht unsichtbar sind. Sie haben ihre Verwunderung ausgesprochen, weil wir gerade dich haben am Leben gelassen.» Eine leere Herausforderung, da dieser Guise der letzte war, mit dem ein Gesandter sich heute hätte blicken lassen. Henri Navarra antwortete damit, daß er schon wieder seine Karten umwendete: von den vier Sorten je ein Blatt.
Als er es gleich darauf zum dritten Male tat, fuhr jemand aus der Haut: d’Anjou. Er erlaubte sich auf den Tisch zu hauen trotz seiner Furcht vor den Anfällen Karls; jetzt hatte er selbst einen. Dahin waren Heiterkeit und Gnade des Siegers. Die Gesandten kamen niemals. In Wirklichkeit wurde Madame Catherine verzehrt von Ungeduld nach ihren Glückwünschen. Ohne eine fremde Anerkennung traute sie sich nicht hervor und ließ auch Margot nicht. Guise an seinem Teil zeigte das unverschämte Gesicht des Volkslieblings und verblüffte die Leute durch die Haltung seiner wuchtigen Gliedmaßen noch mehr als mit seinen Aufschneidereien. Karl der Neunte aber, weit entfernt, dem Burschen eine Lehre zu erteilen, freute sich. ‹Der heimliche Hugenott› — empfand sein Bruder haßerfüllt. D’Anjou fühlte, daß der Hof die Lage zu begreifen anfing. Das waren Gesichter sorgenvolclass="underline" wohin sich wenden, woran sich halten — Gesichter von Verrätern. Zu denken, daß auch die Stadt eingeschüchtert war und die Bartholomäusnacht halbwegs verleugnete wie der Hof! Das herrliche Gefühl des liebsten Sohnes schlug um in eine solche Erbitterung, daß er aufschluchzte. Dies war nun der Lohn kraftvoller Taten. Dafür hatte man die Menschen aus erbärmlichen Zuständen herausführen wollen in erhebende, hatte abgelegt zum erhebenden Zweck sowohl das Gewissen als auch die Menschlichkeit. Hatte sich selbst enthoben den Pflichten des Christen und den Geboten der Wahrheit. Das hatte er getan; er, d’Anjou, erzogen von Priestern und Humanisten im Collegium Navarra, wußte völlig Bescheid über sich. ‹Ich bin nicht Guise, der sich vor Stolz auf seine Gliedmaßen nicht kennt. Ich habe mich zum Manne der Bartholomäusnacht gemacht!› Das ist verzeihlich nur im Fall des Erfolges. Dies aber wird stündlich mehr zum Mißerfolg.
Die Fackeln waren verbrannt und abgetropft; von Finsternis belagert, saß nur noch die königliche Spielpartie im ungewissen Schein. D’Anjou wollte zum zweitenmal auf den Tisch schlagen, er wollte ihn umwerfen, so gut wie sein Bruder, wenn er Anfälle hatte. Inzwischen gab Lothringen Karten, da blieb die Faust des Thronfolgers in der Luft hängen: Navarra zeigte unabänderlich seine vier verschiedenen Blätter. «Hexerei», knurrte Karl. Der Hof gab ein langgestrecktes Summen von sich, darin waren zu unterscheiden Wohlgefallen und Wehgefühl. Es ist spannend, einem erstaunlichen Vorgang beizuwohnen. Aber bestimmen, was er bedeutet, kann gefährlich sein.
Dieser Sorge wurde der Hof enthoben. Die königliche Partie war plötzlich vergessen, jeder andere Vorgang setzte aus angesichts eines neuen. Im Vorzimmer erschienen Pagen mit Armleuchtern voll brennender Kerzen — immer mehr Träger von voll besteckten Kandelabern, und die Wachslichte waren auf einmal unzählig in dem Schloß, das vor kurzem kein einziges hatte herausgeben wollen. Der erleichterte Hof drängte zum Ausgang, dort wurden die Edelleute von Wachen zurückgestoßen; indessen, das Ereignis wuchs zusehends und erstreckte sich weiter. Hinter dem Vorzimmer sah man auch das Paradezimmer des Königs besetzt mit Reihen von Knaben. Ihre halblangen Haare schimmerten von Flammen, die sie vor sich hielten, und es glitzerte der Silberstoff auf ihrer Brust. Ja, die jenseitige Tür des Paradezimmers füllte sich gleichfalls mit Helligkeit. Um die Ecke lagen die Gemächer der Königin, man übersah sie nicht; und ein unbekannt nahendes, grenzenlos verstärktes Strahlen wie das des Paradieses und der unbegreiflichen Versprechungen — es erregt Herzklopfen, man äußert sich darüber laut, wenn man so gedrängt steht wie der Hof, im Rücken das erlöschende Flackern des großen Saales. «Herr Ritter, das Herz klopft mir.» — «Selbst mir, Madame. Was geht da vor?»
Gerade so wollte es Madame Catherine: dies war von ihr vorausberechnet. Denn Madame Catherine befand sich zwar in der Unruhe, die auch ihr Sohn d’Anjou bei ihr vermutete, infolge der Abwesenheit der Gesandten. Er konnte gleichwohl wissen, daß Enttäuschungen seine Mutter keineswegs verwirrten oder ihrer Mittel beraubten. Anders als die Mehrzahl wurde sie in Augenblicken der vergeblichen Erwartung nicht erregt, sondern ruhig bis zur Stumpfheit, und zeitweilige Fehlschläge bereicherten sie nur um neue Erfindungen.
Madame Catherine, eigentlich Katharina von Medici, hatte während ihrer Bartholomäusnacht mehrmals beträchtliche Furcht gehabt: es war zu erklären aus der Menschennatur. Lange geplant und achtsam angeordnet, können so besondere Unternehmungen dennoch immer auch anders enden. Genug, Madame Catherine, eigentlich Katharina von Medici, hatte, allerdings am Stock schleichend, zu ihren stämmigen Leibwächtern hinaufgeäugt, um zu ermessen, wie lange diese Schweizer und Deutschen gegebenenfalls ihr Zimmer halten und ihren teuren alten Leib noch schützen könnten gegen eindringende Hugenotten. Aber in ihrem Schrank hatte sie hantiert nicht nur im Hinblick auf ihre Feinde, sondern auch auf ihre Wächter. Ob es nicht gesünder für sie selbst wäre, wenn die rüstigen Männer infolge eines herzhaften Trunkes alle reglos am Boden lägen? Dann ließe sich mit einigen geschickten Stichen und Schnitten ein Gemetzel vortäuschen, und jeder hätte geglaubt, die Königin wäre verschleppt und abgetan. Währenddessen hätte sie in einem ihr allein bekannten Versteck auf ihre Zeit gewartet; und die konnte nicht ausbleiben.
Alle Irrtümer der Menschen wie auch die Fehler der Geschichte rührten daher, daß vergessen wurde, wofür die Welt und auch dies Land bestimmt waren: beherrscht zu werden, unweigerlich und unumstößlich, von Rom und vom Haus Habsburg. Der Florentinerin war es ein für alle Male bekannt. In Lagen, wenn sogar ihre Söhne ihr widerstrebten, drohte sie zurückzukehren in ihre Stadt. Indessen dachte sie daran niemals, sondern erachtete sich als ein wichtiges Werkzeug der Weltmacht, entsandt, um auch Frankreich ihr einzuordnen, zu seinem eigenen Wohl natürlich und besonders zum Besten des regierenden Geschlechts. Die französischen Protestanten hielten diese Frau in reiferen Jahren für eine höllenhafte Verbrecherin. Sie handelte aber sogar während der Bartholomäusnacht mit bestem Gewissen — nicht wie ihr Sohn d’Anjou, der mit den Humanisten des Collegiums Navarra erst fertig werden mußte in seinem Herzen.
Seine Mutter wußte sich auf dem rechten Wege: das ist der Weg des Erfolges. Noch sehr lange sollte es dauern, bis sie ihrerseits sich überzeugte, daß die Bartholomäusnacht ein Mißerfolg gewesen war. Da lagen ihre Söhne in der Grube, das Königreich brannte, blutete, zerfiel — aber auf dem Anmarsch zum Thron war der Retter, ein kleiner Prinz aus dem Süden. Einst hatte sie ihn eingefangen, Lockvogel war ihre Tochter Margot gewesen.