Hier sitzt er, seht her! Ist seiner Freunde beraubt, seiner Soldaten, ist machtlos und ein Gespött. Sogar seine Glaubensgenossen werden ihn verachten, wenn er ihr Bekenntnis abgeschworen haben wird, und das soll nicht ausbleiben! Der Schwiegersohn der Königin von Frankreich zu sein, ist er auch nicht mehr wert, der arme Narr. Der Hof soll ihn auslachen — beschließt die kluge Frau in reiferen Jahren. Das ist rätlicher, als ihn umzubringen. Die Königin von England hört lieber, daß er komisch, als daß er tot ist. Ich habe ihr berichtet, überzeugend genug: sie wird die Bartholomäusnacht schlucken wie einen Verkehrsunfall — wenn denn die Ketzerin nicht erkennen kann, was für eine reinigende Tat das ist! Zum Teufel mit den Gesandten, die heute ausbleiben. Sie werden sich wegen ihres Zögerns noch entschuldigen. Inzwischen allerdings darf man Zweifel nicht aufkommen lassen. Große Erfolge können zuerst wohl Störungen unterliegen. Schnell, Gegenmaßnahmen! Den Hof in gute Laune versetzt, damit er weiterspricht, welcher Glanz auf das Schloß Louvre fällt von unserem großen Sieg!
Sogleich kommt Leben in Madame Catherine, und sie entsendet Befehle. Vor allem schickt sie nach ihrer Schwiegertochter, der Erzherzogin — einem Ausstattungsstück, das selten vorgeführt und gewöhnlich nur aufbewahrt wird in einem stillen Flügel des Erdgeschosses — eigentlich wären es die Räume der Königinmutter, aber die bewohnt die stattlicheren hier oben. Mit dem Anzug ihrer Tochter Margot beschäftigt sie selbst sich. Alle Perlen, die blonde Perücke und das Diadem, die Kränze und Lilien aus Diamanten — kalter Friedhof der Liebe, darunter soll wandeln die ganz groß dargestellte Schönheit. Nein, nicht das Kleid aus Goldstoff! Gold ist einem anderen Sinnbild zugedacht. Da die Tochter auf ihrem Prunkstück beharrt, fliegt ihr die Mutterhand fest und sicher ins Gesicht; die Wange muß nochmals geschminkt werden. Dann läßt die Alte sich eine Hetzpeitsche bringen — oh! nicht für die Prinzessin, die ist besänftigt. Noch ein besonderes Geschöpf wird benötigt und soll abgerichtet werden. Keine Zeit versäumt, schon sind die beiden Reihen der Pagen mit ihren Armleuchtern vorgeschoben bis gegen den großen Saal. Aber ein feierlicher Strahl der Allerhöchsten Majestät trifft aus unerkennbaren Gegenden den Hof und erschreckt ihn. Seine ältesten Edelleute sind vorbereitet auf abergläubische Begebnisse wie Kinder vom Lande. Dies ist der Augenblick. Musik!
Der Hass
Oh, Klänge der Erhabenheit und thronenden Allmacht! Der Hof weicht auseinander, auch die Kartenpartie mitsamt dem König zieht sich gegen die Wand zurück, und abgegrenzt wird die breite Mitte von Knaben, die aus dem ganzen Königreich die wohlgebildetsten sind. Ihre beiden Fronten verbreiten Licht; andere Knaben, die dazwischen hindurchgehen, dienen dem Wohlklang. Ihr Zusammenspiel rauscht, schwingt sich hinan und lobpreist. Jetzt aber treten Damen auf, nur die prachtvollsten der Edelfrauen und die reizendsten der Ehrenfräulein. Düfte schweben, und hoch oben schwankt ein Baldachin, gehalten von vier Zwergen, rot bekleideten, mit vorgehängten Bärten aus Flachs. Darunter bewegt sich in eigener Person das selten vorgeführte Ausstattungsstück, das kostbare Pfand der Weltmacht beim Hof von Frankreich: Elisabeth, Erzherzogin, des römischen Kaisers eigene Tochter.
Man hatte ihr niemals so nahe ins Gesicht gesehen, obwohl noch jetzt, durch zuviel flirrendes, verwirrendes Licht gesorgt war, daß man nicht zu genau sah. Auch waren es nur Männer, die sie betrachten durften; das Geschlecht, das scharfsichtiger und kühner ist, mußte wohlweislich selbst etwas vorstellen im Zuge. Haus Habsburg nun wurde hier vertreten von einer Neunzehnjährigen, aber wem fielen ihre Jahre ein beim Anblick dieser Maske ohne Alter, starr wie das Gold, darin sie wandelte. Sie wurde diesmal nicht gerollt von spanischen Priestern, die geschwitzt hatten unter Teppichen. Sie setzte selbst die Füße, und diese waren groß. Sie mochte lange und kräftige Beine haben, falls eine so waghalsige Vermutung jemandem beifiel. Durchaus möglich, daß mancher durch den Panzer ihres Namens und Rufes hindurchdrang bis zu ihren Beinen und nicht ohne Ironie das Gewicht dieser seltenen Stücke abschätzte. Auch sie selbst war erfüllt von der Tätigkeit des Gehens. Jeder ihrer Schritte war ein gerade noch aufgehaltener Fall, und wankend trug sie durch die Räume, die grenzenlos erschienen, so weit hinten begann die Dunkelheit — trug wankend die Masse Goldes, die Wucht der Krone, die Steine, die Ketten, die Spangen und Ringe, den Schuh aus schwerem Gold — das Gold um den Kopf, um die Brust, um die Füße, wankend trugen sie seine Wucht und Masse in die entfernte Finsternis.
Ersehnte sie diese? Noch glänzte ihr Rücken auf, und Licht fiel auf den Boden von ihrem metallenen Schritt. Allmählich blitzten nur allein die Geschmeide. Ein Funkeln der Krone war das letzte. Nacht. Vorhang. Das alles war dahin und kam nicht wieder — was sinnbildlich aufgefaßt werden konnte so gut wie die ganze Darbietung. Aber die Veranstalterin dort hinten, unsichtbar und schlau in ihrem stillen Zimmer, rechnet nach Gebühr auf die fehlerlose Wirkung der vorbeigeführten Herrlichkeit. Wen mahnte ihre Verdunkelung gleich auch an ihren Untergang und Ende? Einen sträflich bitteren Geist wie Du Bartas, der die Bartholomäusnacht überlebt hatte und seitdem noch weniger Nachsicht behielt für die Vermessenheit der Menschen, sie könnten Gott gleichen. Du Bartas verwarf, soviel an ihm lag, den Aufzug der Erzherzogin; hörbar sprach er vor sich hin:
Genug, hier erregte Ärgernis ein Christ, der denn auch von allen Seiten unsanft angestoßen und zur Ruhe verwiesen wurde. Nahezu der einzige seinesgleichen nach dem großen Aufräumen, wollte er noch unstatthafte Vergleiche wagen mit seinem Gott, der allerdings nicht in goldenen Schuhen ging. Der Hof von Frankreich dagegen sah seinen Sieg verkörpert durch ein Idol, sah den Sieg wandeln in Glanz, Duft, Wohlklang, und war seitdem gesonnen, ihn auszurufen über Stadt und Land, soviel Katharina nur wünschen konnte.
Wer zweifelte dennoch ernstlich an dem Sieg? Außer den Christen gibt es die Empfindsamen. Der junge d’Elbeuf war geschaffen, je nach der Stunde zu handeln oder einem Gefühl nachzuhängen. Er hatte begriffen, daß Elisabeth neunzehn Jahre zählte so gut wie neunzig. Er betrachtet Karl den Neunten, wie er seiner Frau nachblickte mit dem Ausdruck, den alle zeigten: Unterwürfigkeit, und darin einiger Aberglaube mit einer Spur von Ironie. Elisabeth war dem König und seinem Hof zweimal vorgeführt worden: an der Schwelle des Gemetzels und gleich nachher. Und wenn Elisabeth über dunkle Treppen wieder hinabgestiegen ist in ihre traurigen Gemächer; ‹Wer umarmte sie›, dachte d’Elbeuf, während er neue Ehrenfräulein aufziehen sah. Schwebend erschien nochmals ein Baldachin.
Die Schau setzt sich prunkend fort — nur einer sah nichts, hörte und roch nichts von allem, was noch vorbeizog. Dieser roch Blut, hörte das Mordgeschrei; sah seine Freunde zum Haufen übereinandergeworfen, in Lagen, wie nur Kadaver. Den ganzen Abend hatte er sich beherrscht, hatte beobachtet, mißtraut und sein Heil gewahrt. Das geht nicht unbegrenzt: wir sind kein Philosoph, auch kein Mörder aus Berechnung, und bei uns ist es nicht kalt wie in der Kammer einer alten Frau. Ihm brannten vielmehr die Brust und der Mund; er verschmachtete, das allein empfand er unmittelbar. Sein umherwandernder Blick suchte zuerst einfach etwas zu trinken. Als er nichts fand, überkam ihn Erstaunen, weil es hier eng war, die Menschen ihm zu nahe. Das Gefühl der Bedrängnis durch die Leiber von seinesgleichen, er kannte es noch nicht, umringt hatte er immer gelebt. Auf einmal entdeckte er, was mit ihm vorging. Er haßte. Er erfuhr den Haß — wilder, ungebrochner als sogar in der Mordnacht.