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Kein Name fiel, nicht Madame Catherine oder ihr Sohn d’Anjou noch die Namen von Protestanten. Die Worte waren dennoch die kühnsten, die jemand wagen konnte. Nicht allein die Brandung und der Sturm tobten gegen sie: fast die Gesamtheit der Menschen hätte sie niedergebrüllt. Henri wunderte sich überaus, daß ein gewöhnlicher Edelmann aussprechen mochte, was kein König laut eingestehen durfte. Er selbst hatte zuweilen gezweifelt an den Religionskriegen; um aber ganz an ihnen zu verzweifeln, hätte er gerade die Personen verurteilen müssen, die er doch verehrte: seine Mutter und den Admiral. Die Politischen vor La Rochelle verschworen sich allerdings, nur noch für die Mäßigung wollten sie kämpfen. Das war einfach ein neuer Vorwand für ihren Ehrgeiz, ihre Begierden. Sie, die mit den Engländern zusammen Frankreich anzugreifen dachten, sie wären dem Edelmann aus Perigord nicht freundlich begegnet. Wahrscheinlich hätte d’Alençon ihn trotz aller Mäßigung in den tiefsten Kerker gesetzt und ihn dort auf immer vergessen.

Henri faßte für den Mut dieses Mannes eine Achtung, so groß, daß sie das letzte Mißtrauen verdrängte.

«Welche Religion ist die rechte?» fragte Henri ihn.

«Was weiß ich?» antwortete der Edelmann.

Damit hatte er sich entblößt und ausgeliefert, was niemand tut, es wäre denn, er erkennt seinesgleichen und vertraut ohne Schwanken. So war es, beide hatten einander erkannt und vertraut. Daher nahm Henri die Hand des Edelmannes und drückte sie. «Wir wollen in das verlassene Haus dort eintreten», beschloß er. «Die Bewohner sind geflohen, aber ihren Wein werden sie gewiß dagelassen haben.»

Das Haus lag nah dem Strand und war von der See aus beschossen worden. Warum? Von wem? Darauf sollte niemals mehr Bescheid gegeben werden, weder von den Tätern noch von den Geflüchteten. Henri und der Edelmann aus Perigord zwängten sich durch den verschütteten Eingang. Drinnen waren Balken von der Decke gefallen, und der Himmel schien durch das Dach. Aber aus dem Kellerloch ragte noch die Leiter, und drunten fand sich der Wein. In der ehemaligen Küche setzten die beiden Gäste sich auf einen herabgestürzten Balken und tranken einander zu.

«So sind wir Gäste», sagte der Edelmann, «Gäste auf einer Erde, deren Stätten ohne Bestand sind. Ganz vergebens kämpfen wir um sie. Für meinen Teil habe ich niemals versucht, mehr zu erwerben, als mir vom Glück beschieden war, und ich bewohne, während schon das Greisenalter mir seine Züge öffnet, noch immer mein kleines ererbtes Schloß.»

«Es ist Krieg, und Sie könnten es verlieren», sagte Henri. «Trinken wir!»

«Ich trinke, und noch besser würde es mir schmecken, wenn ich das meine schon verloren hätte und aller Sorge darum enthoben wäre. Es ist mir eigentümlich, immer das Schlimmste zu befürchten, und tritt es dann wirklich ein, mich ihm in Geduld zu bequemen. Dagegen ertrage ich nur schwer die Unsicherheit und den Zweifel. Ich bin wahrhaftig kein Zweifler», versicherte der Edelmann.

«Was weiß ich?» wiederholte Henri. Dies hatte der Edelmann vorhin gesagt: jetzt wußte er es nicht mehr.

«Trinken wir!» verlangte er statt dessen. «An der Schwelle des Alters sollte man in jeder Beziehung vorsichtig sein; manchmal aber verstehe ich einen Bekannten meiner Bekannten, der sich, schon ein wenig älter, seine Frau aussuchte an einem Ort, wo jeder sie für Geld bekommt. Damit hatte er die unterste Stufe erreicht, und die ist die sicherste.»

«Trinken wir!» rief Henri und lachte. «Sie sind ein tapferer Mann!» rief er und war ernst. Er meinte das Bekenntnis des Edelmannes über die Religion. Der Edelmann aber verstand es anders.

«Ja, auch ich bin Soldat geworden. Ich wollte meine Männlichkeit erproben. Erkenne dich selbst! Allein die Selbsterkenntnis ist wert, uns zu beschäftigen. Wer versteht denn auch nur seinen Körper? Ich bin müßig, träge und habe schwere Hände; aber ich weiß Bescheid über meine Organe und daher auch über meine Seele, die frei ist und niemandem untersteht. Trinken wir!»

Das taten sie noch eine ganze Weile. Henri stimmte mit ein, als sein Begleiter, den Becher hoch, einen Vers des Horaz sang.

«An Kraft, an Aussehn und an Witz, An Tugend, Herkunft und Besitz: Die Ersten mögen mich als Letzten zählen, Wenn nur die Letzten mich zum Ersten wählen!»

Damit standen sie auf, halfen einander, über das Geröll zu kriechen, und im Freien hielt immer noch einer den anderen beim Arm. Die Geister des Weines verflogen nur allmählich. Henri sagte, wieder in Sturm und Braus: «Aber ich bin und bleibe ein Gefangener!»

«Die Gewalt ist stark», erklärte sein Begleiter. «Stärker ist die Güte. Nihil est tam populare quam bonitas.»

Dies vergaß Henri nie wieder, weil er es gehört hatte, als es sein ganzer Trost war. Gutsein ist volkstümlich, nichts ist so volkstümlich wie Gutsein. Voll Vertrauen fragte er seinen Begleiter: «Geschehen wirklich alle Handlungen mit dem Kopf nach unten, und wer Handeln sagt, der sagt Verwirrung?»

Beim Klang der Worte, einst von ihm selbst geäußert am Anfang dieses Gespräches, das auf viel unverhoffte Wendungen zurückblickte — bei ihrem Klang besann sich Herr Michel de Montaigne. Er besann sich, wessen Arm er hielt, und ließ ihn los. Er wendete Brust und Gesicht dem Ozean entgegen.

«Unser großer Herr im Himmel», sprach er und trennte jede Silbe ab, «unser Herr würdigt uns selten, fromm zu handeln.»

«Was ist frommes Handeln?» fragte Henri, auch auf das Meer hinaus.

De Montaigne hob sich auf die Zehenspitzen, um auszusprechen, was er ausnahmsweise nicht durch Versenkung in sich selbst erkundete. Ein großer Atem fuhr in ihn und machte ihn redend.

«Nehmen Sie an: ein Heer, ein ganzes Heer kniet hin, und anstatt anzugreifen, betet es. So überzeugt ist es von seiner Bestimmung, zu siegen.»

Auch dies bewahrte Henri bei sich bis zu einem gewissen Tage.

Es war das Ende des Gespräches. Wachen, die ein Offizier anführte, holten sie ins Lager zurück. Sie waren gesucht worden. Man fürchtete schon, der König von Navarra wäre entflohen.

Mit dem Kopf nach unten

Paris inzwischen hatte sich angefüllt mit Herren in seltenen Pelzen und von einem fremdartigen Glanz des Auftretens. Es waren die Polen, die ihren König zu holen kamen, denn wahrhaftig war d’Anjou gewählt worden inmitten ungeheuren Jubels des polnischen Volkes, das sich hierfür auf einem Felde versammelt hatte. Der neue König hätte eilen sollen, was erwartete er noch von der undankbaren Festung, die sich nicht einnehmen ließ. Die Wahrheit, wenn er sie hätte aussprechen dürfen, war, daß er den Tod seines Bruders Karl erwartete. Man ist lieber König von Frankreich als von Polen. Karl, der dies genau wußte, schickte ihm nach La Rochelle einen Boten über den anderen, damit er sich entschlösse. Man wird leichter gesund, wenn niemand mehr da ist, der täglich und stündlich hofft, daß uns das Blut aus den Poren bricht.

Madame Catherine wurde beiden Söhnen gerecht. Ihren Liebling drängte sie zur Abreise, damit der Kranke sich beruhigte. Gleichzeitig sorgte sie vor, damit eintretendenfalls die Rechte des Lieblings gesichert blieben. Der polnische Erfolg, die Sorge um die Nachfolge Karls und dazu ihre Absichten auf Elisabeth von England, der sie verschönte Bildnisse des Mannes mit den zwei Nasen überreichen ließ: alles dies nahm Madame Catherine übermäßig in Anspruch. Sie wußte nicht mehr jeden Augenblick, wo jeder stand und ging. Dies ist aber, wie gerade ihr am besten bekannt war, das Wichtigste, um zu herrschen und andere niederzuhalten. Hätte Madame Catherine den Kopf frei gehabt, das Folgende alles wäre schwerlich geschehen.