Schon die Reise an die Grenze hatte etwas von Unordnung. Der König von Polen mußte unbedingt inmitten des ganzen Hofes bis an die Grenze geleitet werden; aber ein Hof reist beschwerlich, sogar unter gewöhnlichen Umständen. Wie erst, wenn die Gelegenheit erfordert, großartig einherzukommen, und überdies wird von den mitreisenden Polen berichtet werden in Warschau. So viele Kutschen, Reiter, Läufer, die Tiere mit Gepäck, die Lastwagen voll von Lebensmitteln, und dies alles, umgeben von Soldaten, verfolgt von Neugierigen und Bettlern, bewegt sich quer durch das Land, es rattert oder trabt auf Wegen, die tiefe Fahrrinnen haben. Aber solche Dämme getrockneten Lehms zerfließen beim Regen. Wenn es regnet, werden die Kutschen umhüllt, die Reiter verschwinden in ihren Mänteln. Alles hastet, flucht, kriecht in sich zusammen. Kein Volk läuft mehr herbei, um die Mäuler aufzusperren oder in die Knie zu brechen. Weite ungeschützte Ebenen, auf die es niederschüttet, und nur vereinzelte Bauern kommen von den Feldern hoch, mißbilligen den umherziehenden Hof und bücken sich wieder, unter dem Sack, der sie bedeckt. Ehrliche Leute sitzen zu Hause, oder sie arbeiten unter dem Sack. Der Hof zieht umher im Regen wie eine Zigeunerbande.
Jetzt aber zeigt sich die Sonne, und heran naht eine Stadt: da nimmt der Hof sein großes Aussehen an. Die Schutzdecken werden von den Karossen entfernt, die Vergoldungen erscheinen, die aufgeschraubten Kronen blinken, um sie her nicken Federn. Samt und Seide, Glück und Glanz, man hält sich kühn, man lächelt streng oder gnädig. Man zieht ein. Großartig nimmt man entgegen, was geboten wird an Ehrfurcht, gekrümmten Rücken. Glockengeläut. Salz und Brot werden dargereicht von den Schöffen, und auch die geschuldeten Abgaben bezahlen sie unter den Augen der Bewaffneten. Karl der Neunte muß zum Willkommen einen Humpen leeren.
Es bekam ihm nicht gut; der arme König vertrug auf dieser Reise nicht mehr die inhaltsreichen Gefäße, auch nicht das Stoßen der Räder, so wenig wie den Lärm und die Berührung der Menge. Er vertrug vor allem nicht seine Erinnerungen, und sie verließen ihn nicht: sie reisten mit, so weit es fortging von Schloß Louvre. Daher schwieg er zu den feierlichen Anreden. Er blickte mißtrauisch aus den Winkeln auf alles, was noch herandrängen wollte; denn von jetzt bis an das Ende mußte er allein sein.
Sie schleiften ihn mit, über Wege und Stege, durch vielerlei Gedränge, obwohl er ihrer aller überdrüssig war und sie seiner. Abgemagert und wieder bleich von Angesicht, fühlte er gegenüber allem, was vorkam, denselben Abstand wie einst als blasser hochmütiger Knabe und wie auf seinen Bildern.
Er gelangte nicht mehr an die Grenze seines Königreiches. An einem Ort namens Vitry mußten sie ihn zurücklassen. Sie hatten ihn mißbraucht, um ihre Bartholomäusnacht zu machen. Sie ließen ihn krank in Vitry, sie geleiteten weiter seinen Bruder d’Anjou. Nur sein Vetter Navarra blieb bei ihm zurück, der aber hatte seine Gründe: Karl erriet, welche. Er wollte natürlich entweichen. Er nahm wohl an, daß um dieses Krankenbett nicht mehr die Spione schlichen. Die Wagen mit den Ehrenfräulein waren abgefahren, die alte Königin paßte gerade nicht auf ihn auf. Warum entfloh er nicht nach dem Süden? Er hatte größere Pläne, vielmehr sinnlose. Er hatte sich bestimmen lassen, mit Vetter Franz nach Deutschland auszurücken. Die protestantischen Fürsten warteten doch nur auf diese beiden. Mit ihnen zusammen wollten die Vettern einfallen in das Königreich, und Vetter Franz sollte den Thron besteigen, bevor sein Bruder d’Anjou zurück sein konnte aus dem fernen Polen. Mit Karl rechneten sie schon lange nicht mehr. Zwischen Soissons und Compiègne geschah es: da wollten d’Alençon samt Navarra durchgehn und wurden gefaßt.
Madame Catherine begriff plötzlich, daß ihre äußeren Staatsangelegenheiten sie abgelenkt hatten von der häuslichen Überwachung. Zu ihrem kranken Sohn sagte sie: «Du warst die ganze Zeit, während ich an die Grenze reisen mußte, mit dem Zaunkönig allein und hast nichts bemerkt. Du wirst niemals der Herr!» Denn wozu jetzt noch Schonung; seine Tage waren gezählt.
Karl lag aufgestützt, den Kopf in der Hand. Er betrachtete auch seine Mutter nur aus dem Winkel, und eine Antwort gab er nicht. Er hätte sagen können: Ich wußte es. Aber er hatte, anders als die Reisenden, die Grenze erreicht, und dort schwieg er.
Madame Catherine wendete sich nicht mehr an ihn, sie sprach zu sich selbst. «Im letzten Augenblick konnte ich die bösen Ausreißer einfangen, weil endlich jemand mit der Sprache herausrückte.» Wer das war, sagte sie nicht. Soeben wurde an die Tür geklopft, und draußen verlangte Navarra, als wäre nichts geschehen, zum König vorgelassen zu werden. Statt dessen hörte er die Königinmutter den Befehl geben, man sollte ihm ausrichten, daß der König schliefe. Sie sprach laut, durchaus nicht wie im Zimmer eines Schlafenden. Eine große Anzahl von Edelleuten waren zugegen bei dieser offenen Demütigung. Man sah Navarra mit gesenkter Stirn ganz schnell nach seinem Zimmer gehen. Dort aber waren Schloß und Riegel entfernt; Offiziere konnten jederzeit eintreten und unter die Betten sehen. Sie taten dies sowohl bei dem König von Navarra wie bei dem Herzog von Alençon; und diese Leute gehörten zu den hauptsächlichen Ausführern der Bartholomäusnacht. So war damals in Soissons die Lage.
D’Armagnac, der bei seinem Herrn im Zimmer schlief, mußte sich durchsuchen lassen, sooft er zurückkam. Aber nicht nur er — die Königin von Navarra wurde angehalten, als sie zu ihrem Gemahl wollte. Zuletzt bekam sie die Erlaubnis, bei offener Tür mit ihm zu sprechen. Wegen der Horcher sprach sie leise und überdies lateinisch.
«Mein lieber Herr, Sie haben mich tief gekränkt», sagte sie sanft und traurig. «Ich, die ich so viel getan habe, um Sie zu retten! Sogar die Ärzte glaubten mir, daß ich schwanger wäre! Ach! ich war es nicht, und mir ahnt, daß ich es niemals sein werde. Als es mir an der Zeit schien, trug ich sogar einen dicken Bauch. Meine Mutter indessen ist nicht so leicht zu betrügen wie die Ärzte, und ich will nicht davon reden, was mir zustieß. Während ich aber einzig und allein auf Ihr Wohl bedacht war, was planten Sie?»
«Gar nichts», versicherte Henri leichthin. «Was sollte ich geplant haben? Siehst du nicht, daß deine liebe Mutter nur einen Vorwand sucht, mich zu töten?»
«Mit Recht», entschied Margot — eine andere Margot, die Prinzessin von Valois. «Denn Sie sind ein Feind unseres Hauses, das Sie stürzen wollen.» Die andere Margot war erzürnt durch seine Unaufrichtigkeit und hatte eine harte Stimme.
Um so leichter blieb Henri. «Ah! Du glaubst an diese Verschwörung? Den dicken Nassau sollte ich ins Land gerufen haben!» Er blies die Backen auf und ahmte auch sonst auf das täuschendste einen beleibten Mann nach. Sie lachte darüber nicht, ihre schönen Augen weinten.
«Sogar mich belügst du, noch jetzt!» brachte sie hervor.
Er leugnete weiter, er scherzte dreist, bis sie ganz die Geduld verlor. Wütend rief sie und diesmal in der Volkssprache: «Dumm bist du, nichts als dumm! Läßt dich mit meinem Bruder d’Alençon ein und denkst, er würde dein Geheimnis bewahren.»
«Er hat es streng bewahrt», behauptete Henri, nur um sie in Versuchung zu führen. Sie verlor denn auch ganz die Haltung, warf den Oberkörper nach vorn und schrie: «Verraten hat er dich!» Darauf reizte er sie noch mehr. «Höchstens einer einzigen Person — die ich kenne.» Margot schnell und unbedacht: «Dummkopf, ich kenne sie besser. Sie hat sich nicht lange besonnen und alles ihrer Mutter hinterbracht.»
Das war ihr Geständnis. Sie selbst war die Angeberin. Nach dieser Preisgabe wurde ihr angst und bange, sie zog sich gegen die Tür zurück. Er aber, kein Gedanke, daß er sich an ihr vergriffen hätte. Wohlgelaunt rief er hinüber: «Jetzt weiß ich’s wirklich! Du hast es von La Mole.»