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Henri erwiderte: «Mit mir ist es aus.»

«Es hat für Sie noch nicht einmal angefangen», verbesserte der Erste Kammerdiener.

«Man kann nicht tiefer sinken», klagte der Unglückliche. «Ich habe die unterste Stufe erreicht — und die ist die sicherste», setzte er merkwürdigerweise hinzu. Sein d’Armagnac fand die Rede unzusammenhängend. Henri fragte ihn tatsächlich: «War ich denn geistesgestört? — Warum», fragte er weiter, «habe ich das alles getan? Ich wußte doch, wie es ausgehen muß.»

«Vorher weiß es niemand», wandte d’Armagnac ein. «Der Zufall entscheidet.»

Henri sagte: «Es sollte aber entscheiden mein Verstand, und wo hatte ich ihn? Unsere Umtriebe verwirren uns den Geist, je tiefer wir uns in sie einlassen. Das kommt, weil andere mit drin sind, und die sind ungewiß. Sogar ich selbst werde davon ungewiß. Glaube mir, d’Armagnac, die meisten Handlungen geschehen mit dem Kopf nach unten.»

Sehr verwundert bemerkte d’Armagnac: «Das ist nicht Ihre Sprache, Sire.»

«Ich habe es von meinem Edelmann, den ich kannte vor La Rochelle. Seine Worte hatten mich zuinnerst getroffen, und das Unbegreifliche ist grade: kaum gehört, vergaß ich sie und stürzte mich in Handlungen, die das Bewußtsein trüben.»

«Denken Sie nicht mehr daran», riet der Erste Kammerdiener.

«Im Gegenteil, ich will es nie vergessen.» Henri verließ das Bett, er stand und sprach gradeaus: «Keine gleichen Befehlshaber neben mir! Künftig werde ich selbst mein eigener General sein.»

Damit zog er allerdings einen höchst eigenen Schluß aus dem Satz, daß die meisten Handlungen mit dem Kopf nach unten geschehen. Der Edelmann von La Rochelle hätte für seine Person nicht so gefolgert. Indessen war gerade ihm bewußt, daß alle Wahrheiten doppelt sind, und Beispiele des Altertums vermittelten ihm die Geistesart eines Zwanzigjährigen, der keine schweren Hände hat. Der greift Gedanken wie Bälle, der springt, der kann ein Pferd satteln. «Ich — am Anfang des Alters, er — das Urbild der Jugend, die ich zurücklasse und wenig gekannt habe: so dachte Michel de Montaigne dort hinten in seiner Provinz, denn auch er hatte nichts vergessen von dem Gespräch am Meeresstrand.

Der Tod und die Amme

Karl der Neunte wäre nächsten Monat vierundzwanzig geworden; aber diesen einunddreißigsten Mai 1574 lag er und mußte sterben. Es geschah in Vincennes.

Alle waren darüber unterrichtet, daher erbebte das Schloß von Unruhe, und öfter artete sie in Lärm aus. Die Parteigänger des Königs von Polen behaupteten, er würde schnell genug eintreffen hier im Lande, um alle Verräter zu bestrafen; und so nannten sie die Anhänger des Mannes mit den zwei Nasen. Daher erhobene Stimmen und das Klirren von Waffen, aber das war nicht alles. Unter den Gewölben wurde laut kommandiert, alle Ausgänge waren besetzt, und besonders hallten die schweren Schritte der Wachen vor den beiden Türen, die Madame Catherine am strengsten beaufsichtigte. Diese verbargen ihren Sohn d’Alençon und den Zaunkönig — die wohl daran taten, drinnen zu bleiben und sich bewachen zu lassen. Einmal hervorgetreten, wäre keiner von ihnen weit gelangt. Jeder aufrührerische Zuruf ihrer Freunde hätte sie augenblicklich in Gefahr gebracht. Heute regierte der Tod, denn der König starb. Seine Mutter hatte ihn zuletzt noch bis Vincennes geschleppt. Dies Schloß war übersichtlicher als der Louvre. Weder ein unberechenbares Volk noch die Gegner ihres Lieblings d’Anjou konnten hier dazwischenkommen, wenn sie ihn ausrufen ließ. König! — schon der dritte Sohn. Heute starb der zweite, an der Reihe war der dritte, und noch einen vierten hatte sie im Rückhalt. Wenn jeder nur etwas vorhielt, konnte Madame Catherine ihnen weiter die Sorgen des Reiches abnehmen und konnte bleiben, die sie war — auf immer, meinte sie. Denn für Tatkräftige ist alles Gegenwart; das Künftige wie das Gewesene, verschwinden darin. Karl der Neunte zum Beispiel hat nie gelebt, da er ja sterben muß. Seine Mutter war die letzte, sich um ihn noch zu kümmern. Er lag allein.

Der Arzt war gegangen, nachdem er den Sterbenden eingewickelt hatte in Tücher, die bestrichen waren mit Balsam, zur Stillung der Blutungen. Karl hatte aber begriffen, daß der Arzt nicht im geringsten mehr hoffte, das Versickern könnte aufhören. Nur den Kranken wollte er verschonen mit dem Anblick, wie auf seiner Haut überall die roten Lachen sich bildeten — und er sollte sich selbst auch nicht riechen. Der Duft des Balsams verdeckte den Blutgeruch — eine Zeitlang nur, dachte Karl, und selbst während sein Verband noch frisch war, schnupperte Karl und verlor nie aus dem Sinn, wie sein letztes Stündlein roch. Er war ein starker junger Mann gewesen. Zum Sterben blieb ihm die ganze Kraft, die das Leben von ihm nicht mehr empfangen wollte: die Kraft des Erkennens, die Kraft der Haltung.

Er dachte: ‹Ambroise Pare, mein Arzt, hat einst den Admiral verbunden. Mit dem Admiral wäre auch der Arzt umgekommen, er entkam nur über das Dach. Wer noch über das Dach entkommen könnte! Ich weiß, ich weiß; und soviel wüßte ich keineswegs, wäre nicht durch meine Schuld der Admiral getötet worden. Ich weiß, warum draußen Lärm ist. Warum ich unter großen Schmerzen hierher gefahren worden bin. Warum ich jetzt allein liege und niemand mehr nach mir fragt.› — «Ich muß sterben», sagte er hörbar.

«Das ist wahr, Sire», antwortete seine Amme. Sie saß auf einer Truhe und strickte. Als ihr Pflegling die Augen öffnete und sprach, stand sie auf; sie wischte ihm das Gesicht ab. Das Tuch ließ sie ihn nicht sehen.

«Es ist gut, Amme, daß du nicht redest wie der Arzt und mich täuschen willst. Ich weiß, und ich stimme zu: sonst habe ich nichts mehr, mich zu bewähren. Ich will nicht sein wie andere, die zuletzt noch aus dem Bett springen, schreien und zu entlaufen versuchen. Wohin wohl, und warum denn? Obwohl ich sicherlich Kraft genug hätte, aufzustehen, den Hof und meine Mutter zu überraschen in meinem weißen Linnen, mit meiner blutigen Stirn, und alle in die Flucht zu jagen.»

«Du bist der König!» erinnerte sie ihn freudig, voll unbedachter Hoffnung. Denn sie allein fiel von ihm nicht ab. Vierundzwanzig Jahre weniger einen Monat war sie durch ihn eine Person von Rang gewesen. Hatte auch Land genug ankaufen können, daß sie für ihre Zukunft versorgt war; und sie stand erst in den vierziger Jahren, eine schöne und derbe Frau. Aber dir stirbt nicht dein König, ohne daß du, Amme, ihn ein Stück begleitest in das Dunkel. Ja, seine letzten Bewegungen und seine Abschiedslaute schließen sich an sein erstes Tasten und Eingangsweinen. Damals hieltest du ihn auf deinen Schenkeln, die sich stolz spannten, und an deinem vollen Busen. So meinst du, Amme, ihn zuletzt wieder zu tragen.

Nicht schreien noch entlaufen, hatte er beschlossen, statt dessen aber seufzte er, stöhnte und äußerte Schrecken. Sah er doch Geister, jetzt schon am hellen Tag, und hörte wilde Stimmen, die nicht von Lebenden waren. «Ach, Amme! Wie viel Blut, wer alles gemordet ist! Ich war schlecht beraten. Daß Gott mir verzeih und barmherzig sei!»

«König! Hast du uns Protestanten gehaßt? Nein; denn du hast unseren Glauben eingesogen mit meiner Milch. Sire, alles Blut der Gemordeten kommt über jene, die sie gehaßt haben. Du warst ein unschuldiges Kind, dir rechnet Gott nichts an.»

«Was hat man aus deinem unschuldigen Kind gemacht!» klagte dagegen er. «Ist es zu verstehen? Ich — nichts, was ich getan habe, gehört eigentlich mir, und nichts Gewesenes kann ich mitnehmen. Vor Gott, wenn er mich dann fragt nach der Bartholomäusnacht, werde ich hilflos antworten: Herr! Ich verschlief sie wohl.»

Seine Stimme sank herab zum Geflüster, der Kranke schlummerte ein. Die Amme trocknet ihn mit einem frischen Tuch, und jetzt breitet sie es aus. Sein Gesicht war blutig darin abgedrückt.

Da er tief und hörbar atmete, zog sie ihm unter dem Kopf das Kissen fort, so daß er flach in ganzer Länge lag, und hierauf tat sie etwas, das er ebensowenig hätte bemerken dürfen wie das blutige Tuch: sie nahm ihm Maß. Mit höchster Sorgfalt maß sie den Körper ihres Königs, den ich nach ihrem Amt und Vorrecht sollte in den Sarg betten, wie zu Beginn in die Wiege. Ihr fiel eins nicht schwerer als das andere: sie war eine kräftige Frau. Er dagegen wog jetzt wieder leicht. Lange Zeit hatte sie ihn immer nur zunehmen gesehen an Umfang und Gewicht. Vorübergehend war er hochrot von Farbe gewesen, seine Bewegungen luden aus, seine Stimme dröhnte. Sie betrachtete ihn, der jetzt wieder schmal und bleich, bald auch ganz still war. Zwischen Anfang und Ende hatte er das Blut vieler Menschen vergossen, das seine aber war langsam aus ihm getreten. Sie fühlte: beides war geschehen unaufhaltsam, für unerkennbare Zwecke. Übrig bleibt: Ich Amme leg ihn in die Truhe. Sie billigte alles, wie es war, sie behielt die Augen trocken.