«Vetter Navarra! Befrei mich von meinem Bruder d’Alençon!»
«Ich bin tief gerührt, Sire, weil Sie mir dermaßen vertrauen», versicherte Henri gemessen und mit einer Verbeugung. So hatte er weder nein noch ja gesagt. Der König nahm es vielleicht für ein Ja.
«Dann», betonte er, «werde ich dir glauben können.» Lauernd — obwohl es klingen sollte wie ein Scherz.
«Werde ich dann», auch Henri betonte stark, «ohne meine Mörder ausreiten dürfen?»
«Mehr als das. Wer mich von meinem Bruder befreit, wird Statthalter im ganzen Königreich.»
Das kam nun ganz gewiß aus einem falschen Herzen. ‹Valois, du Guter, dachte Henri, ‹sollst mich kennenlernen.› Und er sprang in die Luft vor kindischer Freude. «Hätte ich mir das träumen lassen!» rief er und jubelte. «Statthalter im ganzen Königreich!»
«Wir wollen es gleich feiern», bestimmte der König.
Der neue Hof
Haushofmeister liefen schon, und Schloss Louvre, das im Schlaf lag, solange der König traurig war, verjüngte sich auf einmal von der Freude der Jünglinge. Am Abend waren die königlichen Gemächer umgewandelt in persische Zelte. Die Kerzen brannten hinter bestickten Schleiern, und zwar bildeten diese mit ihrem matten Glitzern sowohl das Dach wie die Wände. Strenge bleiche Knaben mit geröteten Lippen, geschwärzten Wimpern und gekleidet in durchsichtige Gewebe trugen bloße Säbel; sie bewachten in regloser Haltung ein erhöhtes Gerüst. Das wurde bestiegen von den Zuschauern, die nur wenige waren: mehrere Italiener sowie die Herren von Lothringen. Der Herzog von Guise, stolz auf seine prächtigen Glieder, trat überall wie der Herr selbst auf! Sein Bruder Mayenne hatte den großen Bauch in schillernde Seide gespannt, daran hing ein goldener Dolch — und dann kam von derselben Familie noch d’Elbeuf, der merkwürdige Freund, der dem König von Navarra nie anders erschien als zur rechten Zeit.
Navarra selbst zeigte sein kostbarstes Gewand und eigens darauf befestigte Bänder in den Farben seines Hauses, damit jeder sähe, wie stolz er wäre, dabei zu sein. Das Fest war angeordnet für Männer und Knaben. Dies sollten jene entzücken und dafür von ihnen ausgezeichnet werden. Einige liebliche Gestalten tanzten schon miteinander. Formen und Tracht verrieten kein Geschlecht, und ihre zweideutige Anmut rührte besonders die Italiener und den dicken Mayenne. Navarra gab ihnen recht, er äußerte die Meinung, solche Wesen habe er nicht gehabt unter den rauhen Kollern seiner Leute in dem gedrängten Haufen, der fünfzehn Stunden zu Pferd saß und zu seiner Erholung Psalmen sang. «Wenn meine Freunde noch lebten», sagte er leichtsinnig, «dann sollten aus ihnen so süße Knaben werden.»
«Warte doch, was noch geschieht», riet Guise. «Einige von ihnen sind am Leben geblieben.»
«Ich kenne sie nicht», sagte der Gefangene. «Ich halte nicht zu den Besiegten. Ich bin immer dort, wo man —» Er wollte sagen: lustig ist — bemerkte aber plötzlich, daß er hier einen besonderen Feind hatte. Der Kanzler Birague, ein Italiener, war durch Madame Catherine auf seinen Posten gelangt. Mit ihr und mehreren seiner Landsleute war er eines Nachts in das Schlafzimmer Karls des Neunten eingedrungen. Dieser erfolgreiche Fremde sah in dem gefangenen Navarra einen Verschwörer gegen seine eigene Macht. Ohne Umstände begann er ein richtiges Verhör: «Sind Sie nicht im Einverständnis mit einem gewissen d’Aubigné und seinem Komplicen Du Bartas? Die Leute hetzen die studierende Jugend gegen eine sogenannte Fremdherrschaft auf, als ob an den höchsten Stellen des Königreiches nur Ausländer ständen.»
«Sono bugie. Das sind Lügen, Herr Kanzler!» rief Henri mit gutgespielter Entrüstung, aber in der Sprache des Eingewanderten. Dieser übrigens glaubte ihm kein Wort. Die Lothringer ließen sich täuschen, nicht der Eingewanderte.
«Ihre Freunde», brachte Birague hervor, denn die Wut erstickte ihn, «sie sind dem Galgen näher als —»
«Näher als ich», ergänzte Henri. «Mich fangen Sie nicht.»
«Ich hänge schnell und gern.»
«Aber nur kleine Leute, Signore. Gehängt haben Sie einen armseligen Hauptmann, der davon redete, allen italienischen Schurken den Hals abzuschneiden. Mich müßten Sie vor der ganzen Welt überführen, aburteilen und groß enthaupten. Das werden Sie nicht erleben. Was wetten wir?»
«Ich wette und setze als Pfand meinen besten Edelstein.»
Beiderseits kam alles reichlich theatralisch, als gehörte es zu der süßen Musik, dem Getanze, und wäre verabredet wie ein grobes Zwischenspiel.
«Sire!» rief Henri dem König von Frankreich entgegen.
Der König war eingetreten durch einen Spalt im Vorhang des persischen Zeltes, plötzlich stand er schimmernd da als der Sultan des Festes. Henri beugte vor ihm ein Knie: «Sire! Ihr hartherziger Wesir hat nichts im Sinn als Rädern und Vierteilen. Bin ich deswegen der Bartholomäusnacht entgangen?»
«Wenn der selige König mir gefolgt wäre!» schrie Kanzler Birague. In der Wut bekam er eine abenteuerliche Aussprache und eine Stimme wie ein heiserer Papagei. Mit derselben Stimme hatte er Karl den Neunten bedrängt, stundenlang, bis Karl toll wurde und das Gemetzel befahl.
«Da hören Sie ihn», war alles, was Henri hierauf sagte, aber er fühlte, daß er d’Anjou auf seiner Seite hatte. Vorher d’Anjou und der Mann der Bartholomäusnacht, jetzt König — aber König nur, weil sein Bruder gestorben war am schlechten Gewissen: wie sollte es daher mit seinem eigenen stehn? Er liebte keineswegs den Anblick derer, die ihm in sehr dunklen Stunden geholfen hatten, Karl herumzukriegen. Sogar der Anblick seiner Mutter war ihm verleidet, wie erst die Gesellschaft ihrer Italiener. Er mußte sie erdulden und diese Person leider zulassen bei seinen traulichsten Veranstaltungen; denn sie hatten nun einmal Verständnis für die Anmut der Knaben. «Steh auf!» befahl der persische Sultan, mit den Juwelen seines Turbans blitzend. Vetter Navarra sprang hoch, so leicht wie ein Ball. Der Sultan befahclass="underline" «Du bist mein persönlicher Gefangener, an dich soll niemand Hand legen. Versöhne dich mit meinem Wesir!» Was Henri sich gesagt sein ließ. Er beschrieb einen wahren Tanz der Versöhnung um den Kanzler. Diesen nötigte seine morgenländische Rolle, würdig allem zuzusehen, obwohl mit hervorquellenden Augen. «Großmächtiger Wesir!» sagte Henri. Er berührte die eigene Brust, dann aber die des Kanzlers, zufällig traf er genau auf einen riesigen Edelstein. «In Persien wird viel gestohlen», sagte Henri. Hier fiel glücklicherweise ein Tusch ein und verdeckte alles, was sonst wäre gehört worden. Seinen Einzug hielt das Ballett.
Es trippelte auf den Spitzen, wehte mit Schleiern und beugte schöne Knie. Alle waren Knaben, auch die als Mädchen gekleideten. Diese funkelten hinter den Schleiern mit Augen, verlockender als Frauenaugen, wie es schien; und von gewissen unerwünschten Kennzeichen der Männlichkeit abgesehen, bewegten die Körper sich vollkommen weiblich. Die anderen, die Knaben geblieben waren, reichten den falschen Mädchen darum nicht weniger geziert die Enden der Finger oder umschlangen sie mit den ersterbenden Armen der Liebeswerbung. Scheinbar waren niemals Muskeln im Spiel. Versetzten die einen die anderen in Drehung wie Kreisel oder schwangen sie durch die Luft, dann war man versucht, zu glauben, es geschehe nicht durch Kraft, sondern infolge eines Wunders der Anmut.
Hier war Du Guast zu schätzen. Sonst eine peinliche Erscheinung von unangenehmer Sprechweise, dumm, frech und käuflich: hier war der Mensch am Platz. Mit Recht gelangte er bei jeder Figur des Tanzes in die erste Reihe. Die Zuschauer auf dem Gerüst hatten alle das Auge auf ihm, und er verstand den einzelnen glauben zu machen, gerade dieser werde angeschmachtet. Vor seiner Dame kniet Du Guast, wie alle anderen Knaben vor ihren Tänzerinnen, und flehte stumm zu ihr hinan, sie möchte sich entschleiern lassen. In Wahrheit meinte er mit seiner Huldigung den König oder Sultan, und diesem unbewußt bezweckte er auch den Kanzler oder Wesir, zu schweigen von dem dicken Mayenne, der schwitzte, so schwül wurde ihm gemacht. Alle diese Herren nun fühlten sich erhoben und sogar ausgezeichnet — während doch nur ein durchaus windiger Bursche seine Possen trieb auf ihre Kosten. Anderswo hätten sie ihn in den Hintern getreten oder aufhängen lassen. Indessen bleibt die Kunst eine Macht, wenn sie auch jedesmal vorübergeht.