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Das wurde ihm nicht geglaubt, obwohl es doch gleichfalls richtig war. Der König betrachtete den Kanzler nur um so ungnädiger, vielmehr der Sultan seinen Wesir, denn in solcher Gestalt standen sie da. Als erster meldete sich Navarra.

«Signor Birague, Sie haben Ihren Edelstein verwettet! Sire, er hat gewettet, daß er mich öffentlich würde hinrichten lassen. Das wäre ihm auch gelungen, wenn Sie seine Ränke nicht durchschaut hätten.»

Der König durfte den Kanzler weder in die Bastille werfen, noch aus seinem Amt entfernen, denn Madame Catherine schützte ihren Landsmann. Der König tat statt dessen, was er konnte und was allgemein von ihm erwartet wurde. Er riß dem Kanzler den großen Edelstein von der Brust. Hierauf blickte er unschlüssig umher, als ob er noch nicht gewußt hätte, was jetzt weiter käme. Er wußte es in Wirklichkeit sehr wohl. Er winkte hinab, der junge Léran schritt die Stufen hinan, und auf den Knien empfing er das Pfand der königlichen Gunst. Ein blauer Schein ging fortan von ihm aus. Alle Schleier abgestreift, bekam Vicomte de Léran den Kopf eines jugendlichen Kriegers, der auftritt mit seiner beginnenden Männlichkeit und dem Besiegten den Fuß in den Nacken setzt. Dazu forderte Du Guast ihn denn auch auf, er drückte eigens das Gesicht in den Staub, und Léran nahm keinen Anstand.

Als die Insassen des persischen Zeltes alles so wohlgefällig ausgehn sahen, bekamen sie den Gebrauch ihrer Glieder zurück. Sie klatschten in die Hände, dann tanzten sie wieder, und von Musik gewiegt, stellten sie die Liebe und das Glück dar für Zuschauer, die nur dann daran glaubten, wenn es gespielt war. Noch lange schimmerte in dieser Nacht das persische Zelt mit seinen bestickten Vorhängen, durch die von hinten das Licht fiel, weise gesiebt, so daß alles darin erträglicher als sonst wurde, die Personen, Sultan, Knaben, alte Schurken, sowie auch die Dinge, deren teuerstes nur blauer Schein war. Zwei Teilnehmer fehlten. Henri und d’Elbeuf nahmen an einer entfernten Stelle des Schlosses voneinander Abschied.

«Das will ich dir nie vergessen, d’Elbeuf.»

«Sire, Sie zögern hier lange und müssen wohl auch zögern.»

«Ich habe Zeit. Sonst bleibt mir nichts — nur Geduld und Zeit.»

Was ist das: Hass?

Wer aber lange wartet, erlebt, daß seine vorher festesten Gefühle verwandelt werden, daß sie sich teilen und nicht mehr ganz sind. Da ist diese Freundschaft mit Guise. Henri hatte sich ihm genähert aus Haß: weil er mehr über ihn wissen wollte, denn das braucht der Haß. Kennt man den Feind dann aber besser, tritt wieder die Gefahr ein, daß man ihn ganz leidlich findet. Mehr als das: der Feind zieht tiefer an als einer, den man eben hinnimmt, wie er ist.

Sie spielten Ball, «langen Ball», der am schwersten ist, und immer nur diese beiden Gegner, Navarra-Guise; die anderen mußten zusehn, ihre Eindrücke waren oft peinlich. Man sah den viel kleineren Navarra umherhüpfen, den Guise breitbeinig wie ein Goliath seine Schläge erwarten; aber das war noch nichts. Der Ball fiel einmal hinter die Hecke. «Navarra, du bist kleiner», rief Guise. «Kriech durch und hol ihn!» Anstatt zu kriechen, sprang Henri hinüber, einfach aus dem Stand, was die Zuschauer bewundern mußten. Zurück kroch er zwar, schlug aber unversehens den langen Ball ab, und das lederne Geschoß traf Lothringen vor die Brust. Er schwankte beträchtlich, rief indessen schon: «Die Stirn wolltest du treffen, und dann wär ich gefallen. So hoch reichst du nicht, du lieber Kleiner. Geh, bring uns Wein auf den Schrecken!»

Natürlich lief ein anderer, aber der Vorfall genügte, daß Guise an diesem Tage beiseite genommen wurde von d’Alençon und d’Elbeuf. Sie hielten ihm vor, daß der König von Navarra wohl nur ein Gefangener und gegenwärtig ohne Bedeutung wäre; aber alle, die zugegen waren, darunter geringes Volk, hätten in seiner Person das königliche Haus gedemütigt gesehen. Guise erwiderte: «Was wollt ihr? Der Junge nimmt nichts übel, er weicht mir nicht von der Haut. In alle Kirchen begleitet er mich. Bald wird er katholischer sein als ich selbst.»

Sie berichteten es Henri, und er behielt für sich, was er dachte. ‹Der eitle Goliath›, dachte er, ‹ahnt nichts von meiner Verabredung mit Madame Catherine. Seine plumpen Machenschaften bei den Pfaffen und den Spaniern, er bildet sich ein, daß niemand sie anders ansehn wird als von der guten Seite. Er kennt mich nicht, wie ich bin. Ich bin sein Freund. Niemand kann sich so viel erlauben wie ein Freund.›

Bei der nächsten Ballpartie gelang es ihm wirklich, Guise an der Stirn zu treffen, und diese schwoll an, während dem Herzog übel wurde. Henri heuchelte großes Bedauern. «Wahrhaftig, ich wollte nicht, daß dir Hörner wüchsen. Nur die Herzogin hat das Recht, dir welche aufzusetzen.» Darüber mußten alle Anwesenden ungeheuer lachen, und sie nannten einander, lauter als anständig gewesen wäre, die Liebhaber der Herzogin von Guise. Diese junge Dame hatte schnell und gründlich die Sitten des Hofes erlernt. Lothringen, der am Boden lag und die Stirn kühlte, hörte alles. Er stöhnte mehr vor Wut als von den Schmerzen und beschloß, die Ungetreue zu bestrafen.

Zu Navarra sagte er später: «Im Grunde hast du mich nur veranlaßt, aufzupassen, und das hätte sonst keiner gewagt. Ich sehe, daß ich dir vertrauen kann. Komm mit mir zu der Predigt des Pfarrers Boucher.»

Desselben Tages ritten sie dorthin, der Herzog von Guise wie gewöhnlich mit reichem Gefolge, Navarra ganz allein. Noch immer kannte er Paris nicht sehr genau und horchte umsonst nach dem Namen der Kirche. Wo sie vorbeikamen, gab das Volk sich von Mund zu Mund ein Wort weiter. Das hieß: «Der König von Paris! Heil!» Dieser König wurde gegrüßt mit der erhobenen rechten Hand. Die Frauen machten es wie die Männer, nur daß sie sich oft vergaßen und mit beiden Händen hinauflangten nach dem blonden Helden ihrer Träume. Der strahlte hinab auf Gerechte und Ungerechte wie die Sonne selbst, hochgemut und seiner Sache gewiß. So langten sie an, und als das viele Eisen der Kriegsleute zur Ruhe gekommen war, bestieg Pfarrer Boucher die Kanzel.

Dies war ein Redner von neuer Art. Er schäumte beim ersten Wort, und seine rohe Stimme überschlug sich zum weibischen Gekreisch. Er predigte den Haß gegen die Gemäßigten. Nicht nur die Protestanten sollten verabscheut werden bis zur Vernichtung. In einer Nacht der langen Messer und der rollenden Köpfe wollte Boucher besonders abrechnen mit den Duldsamen, auch wenn sie sich katholisch nannten. Die Schlimmsten waren ihm in beiden Religionen die Nachgiebigen, die sich bereitfanden zur Verständigung und dem Land den Frieden wünschten. Den sollte das Land nicht haben, und Boucher behauptete tobend, daß es ihn gar nicht aushalten würde, weil er gegen seine Ehre wäre. Der Schmachfriede und aufgezwungene Vertrag mit den Ketzern würde hiermit zerrissen. Laut schrien der Boden und das Blut nach Gewalt, Gewalt, Gewalt, nach einer kraftvollen Reinigung von allem, was ihnen fremd wäre, von einer faulen Gesittung, einer zersetzenden Freiheit.

Die gedrängte Masse bis hinter den Altar und in die entferntesten Kapellen bestätigte durch wildes Stöhnen, daß sie weder Gesittung noch besonders Freiheit zu dulden gewillt war. Die Leute drückten einander tot, um bis unter die Kanzel zu gelangen und den Redner zu erblicken. Sie sahen nichts als ein aufgerissenes Maul, denn Boucher war von verkümmerter Gestalt, er ragte nur wenig über den Rand. Dagegen spuckte er weithin. Seine Sprache entartete leicht zum Gebell, und was an ihr menschliches war, hatte doch kaum etwas zu tun mit den hier bekannten Lauten: es klang ausländisch und angelernt. Mehrmals konnte man glauben, jetzt bräche bei ihm die Fallsucht aus, und man sah sich schon nach Wärtern um. Da klappte Boucher den Kiefer zu und lächelte holdselig in die Runde, wodurch er die Herzen gewann. Mit neuem Atem bellte er weiter, schnappte zu und machte Miene, einen Andersgesinnten aus der Menge zu holen und ihn aufzufressen.