Gewissensfreiheit, beileibe nicht! Aber auch keine Steuern mehr, keinen Mietzins, überhaupt keine Zinsknechtschaft — weder das Volk noch besonders die Geistlichkeit sollten künftig irgend etwas zahlen. Darin bestand ihr Bündnis. Die Geistlichkeit behielt hiernach die öffentliche Rente, die sie schuldig war, das Volk seinerseits durfte plündern in den Häusern und Palästen, bei allen Hugenotten, allen Gemäßigten, und diese besonders waren totzuschlagen. Boucher ermutigte seine Hörer, vor großen Herren nicht halt zu machen, auch vor den größten nicht — und er erging sich in kaum versteckten Hinweisen auf den König, einen heimlichen Protestanten, Gemäßigten und Verräter. Er beschrieb ihnen, aus seiner Einbildung, die Schätze des Schlosses Louvre, zugleich mit dem ersehnten Blutbad. Ohne Übergang versetzte er sie aus ihrem Lustrausch in bleichen Schrecken, da sie verfolgt würden. Das Volk und alles Volkhafte wäre in höchster Gefahr, ausgeliefert zu werden an geheime Mächte, die ihnen Untergang geschworen hätten. Hier folgte ein Stoßgebet, das kam unverkennbar aus höchster Not. Die Menge, es hören und laut mitbeten. Über ihr indessen hing der Dampf, in den sie abwechselnd hatte ausströmen lassen ihre Gier, Furcht, Schwärmerei und ihren Haß.
Henri roch die Ausdünstungen. Mehr seine Sinne als sein Urteil verrieten ihm, was Unsauberes vorging. Er hätte am Ende sonst mitgehaßt. Den Louvre niederlegen, ihn plündern und alle morden, Herren, Damen, die Wachen mitsamt dem Gesinde: auch er hatte darauf schon gesonnen — zu der Zeit, als er immer nur fliehen und mit fremden Landsknechten zurückkehren wollte. Nachgerade war es mehrere Jahre her, er hätte es vergessen. Hier in der Kirche wurde es frisch wie einst. Er begriff aufs neue, daß ein Erniedrigter, Beleidigter sich rächt bis zum äußersten. ‹Ich hätte mehr Grund als alle. Sie haben mir meine Mutter getötet, dann den Herrn Admiral, dann alle meine Freunde, achtzig Edelleute, meinen Lehrer, den letzten Abgesandten der Königin, meiner Mutter. Die Überlebenden sind von Schande bedeckt, ich selbst erleide Gefangenschaft und mit der ständigen Gefahr den täglichen Hohn. Ich weiß dies alles. Die Rache war auch beschlossen; ich habe sie nur fortwährend hinausgeschoben und besser überlegt. So vergeht die Zeit, so vergeht der Haß.
Nein, er vergeht nicht, er wird fraglich. Ich lebe mit ihnen, wir spielen Ball, wir schlafen mit denselben Frauen. Madame Catherine hat mir einen Vertrag angeboten; hat sie wirklich meine Mutter vergiftet? D’Anjou hätte in der Bartholomäusnacht auch mich umgebracht, jetzt als König schützt er mich. Guise ist mein guter Freund geworden; es scheint kaum glaublich, daß er dem Herrn Admiral, der schon tot war, soll ins Gesicht getreten haben. Doch. Sie haben das alles getan, wahr und wirklich. Die Sache ist gerade, daß ich sie kenne und sie mich nicht. Ich will nicht leugnen, daß ich sie dafür liebe — gewissermaßen liebe. An Feinden kann man sich weiden wie an Geliebten. Ich muß mich hüten und ihnen darum eng vertraut sein.› So rechtfertigte er sich, sein Zögern, seine Nachsicht, und nahm Abstand von dem Volk, dem Boucher die blinde Befriedigung seiner Triebe anriet. Übrigens hatte Boucher das angstvolle Stoßgebet noch nicht beendet, und Henri war längst fertig mit allem, was durch seinen Geist zog. Das Leben ist kurz, die Kunst lang. Auch die Gedanken eilen, wann aber ist die rechte Handlung reif?
Boucher machte ihnen klar, das ganze System des Staates wäre zwar verbrecherisch, aber Gott hätte ihnen einen Führer gesandt! Dort steht er! Alle knieten denn auch hin, besonders die im Verdacht der Mäßigung standen. Kühn über sie fort und dreist zu Gott hinan blickte Guise — in silberner Rüstung, als sollte der Sturm auf die Macht gleich losgehen, und seine Bewaffneten rasselten mit Eisen. Natürlich hatte die Königinmutter ihre Spione hier, und die gingen jetzt gewiß hin und übertrieben ihr die Furchtbarkeit Lothringens. Man mußte dagegen aus nahem Umgang wissen, daß er ein eitler Schlagetot und Goliath war, gehörnt überdies. Man mußte sein Freund sein, dann führte man ihn auf das richtige Maß zurück und freute sich sogar an ihm. Den haß ich? Ja doch. Aber was ist das: Haß?
Nun geschah es, daß nach Schluß der Predigt das gemeine Volk von Hellebardieren hinausgetrieben wurde; zurück blieb, wer Ansehn und Einfluß hatte, Schöffen der Stadt Paris, ihre reichsten Bürger, volkstümlichsten Priester samt dem Herrn Erzbischof. Dieser verbürgte sich dafür, daß aus Boucher der Zorn des Himmels gesprochen habe. Die Sitten des Hofes überstiegen nachgerade jeden Begriff — und der Erzbischof beschrieb eine öffentliche, schamlose Vorführung, die der König in seinem Schloß Louvre veranstaltet hätte mit seinen Lustknaben; christliche Frauen aber wären gezwungen worden, zuzusehen. Die Mitteilung erregte ein Murren der Entrüstung. Unter dem Schutz des Geräusches aber sagte jemand nahe bei Henri, der weit hinten stand: «Der Erzbischof aber schläft mit seiner Schwester.» Darüber mußte Henri lachen — nicht eigentlich wegen der einzelnen Tatsache, sondern in Anbetracht dieser ganzen Veranstaltung.
Sie nahm alsbald eine ernste Wendung, denn einer der wichtigsten Bürger, der Präsident der Rechnungskammer, enthüllte den Zustand der Finanzen des Königreiches. Er war trostlos; da aber niemand ihn sich viel anders vorgestellt hatte, erlaubte er allen um so mehr Entrüstung. Erst zu mehreren ist man richtig entrüstet, und nur über Tatsachen, die vorher bekannt waren. Neuigkeiten erregen nur schwer die Geister, weit eher das Aussprechen des lange Zurückgehaltenen. Hunderttausend Taler jährlich kosteten den König seine Hunde, Affen und Papageien; und das war billig im Vergleich zu den Unsummen, die der Troß seiner Lieblinge verschlang. Einer von ihnen war mit der Leitung der Finanzen betraut! Laut äußerte es der Sprecher, und er setzte hinzu: «Alles ist in diesen Zeiten erlaubt, nur nicht auszusprechen, was ist.» Da er aber gerade dies hier wagte, bekam die Versammlung von sich selbst einen großen Begriff, als vollzöge sich in diesem Augenblick ein Umschwung und im Mittelpunkt stände sie selbst.
Der Präsident der Rechnungskammer zählte noch viele verschwendete Millionen auf, er beklagte die Höhe der Steuern, ihre ungerechte Verteilung, die Bestechlichkeit aller derer, die sie einzogen, voran der königliche Liebling, Herr von O, einfach O. Dagegen versäumte der Sprecher es, mehrere andere zu nennen, obwohl auch sie gewisse Steuern gepachtet hatten und das Volk auspreßten. Unter ihnen nämlich hätten sich Mitglieder des Hauses Guise befunden, und ihre Erwähnung wäre besonders unpassend gewesen in Anbetracht dessen, was jetzt folgen sollte. Denn herbeigeschleppt wurden große Säckel, daraus rann Gold von spanischer Prägung und hörte nicht auf zu rinnen. Der Säckelmeister verteilte es, gemäß den Befehlen des Herzogs von Guise, unter die Schöffen, Pfarrer, einflußreichen Bürger, Beamten und Kriegsmänner. Dafür schrieb jeder seinen Namen auf die Liste, Lothringen obenan, und jeder rief auch noch das Wort: «Freiheit» aus.
Dies war der Anfang der «Liga». Hiermit war, nach Ausschüttung der Säckel mit spanischen Pistolen, der Bund begründet zu dem Ende, einer Partei die Macht und Gewalt auszuliefern. Die bekam sie dann auch gerade genug, um in vielen Jahren des Schreckens und der Mißerfolge das Land seiner Zerreißung nahe zu bringen, den König in einen letzten Winkel zu drängen und alles Menschliche zurückzuwerfen um die Dauer ganzer Geschlechter. Hier geschah der Anfang, und während das fremde Geld schnell weggesteckt wurde, ohne daß die Empfänger auf die Prägung sahen, drangen von der Straße herein die Rufe «Heil!» und «Freiheit!».
Das betrogene Volk ließ seinen würdigen Führer hochleben: der hatte tatsächlich dasselbe Recht, für voll genommen zu werden, wie sein Anhang von Pöbel. Was heißt betrogen. Sie sind es niemals so sehr, wie man nachher tut. Das spanische Gold haben nur die Unterführer zu sehen bekommen, das Volk sieht den blonden Bart, der es begeistert. Dafür weiß es im Grunde ausgezeichnet, daß ihm an keiner Rettung der Religion gelegen ist und daß mit ihm selbst kein fabelhaftes Erwachen vorgeht. Sondern sie wollen andere enteignen, sie von den Arbeitsplätzen jagen und sich bereichern. Sie wollen sich aufregen, wichtig machen, und sie wollen töten. Das ist die Sache, sobald eine zusammengerottete Bande von Volk und ehrbaren Leuten eine Liga gründet zur Unterdrückung der Gewissensfreiheit. Sie schreien «Freiheit» nur um so lauter — die Betrogenen draußen mit den Betrügern drinnen, und erweisen damit, daß auch sie betrügen wollen, wenn man sie denn betrügt.