Unter den Betrügern drinnen, mit den frischgefüllten Taschen und der Begierde nach Freiheit, waren Gemäßigte, die es an der Zeit fanden, mitzumachen. Sogar bekehrte Hugenotten fehlten nicht; ja, gerade ihrer Rechtfertigung diente die Anwesenheit Navarras. Er war von Guise mitgenommen worden, damit viele andere ein gutes Gewissen bekämen. Henri bemerkte dies von selbst, und übrigens wurde es ihm klargemacht. Wie man früher, gedeckt durch die laute Entrüstung über den Hof, zu flüstern gewagt hatte, daß der Erzbischof nicht besser wäre — so jetzt. Das Geschrei nach Freiheit übertönte die Bekenntnisse der Biedermänner. Aber sie äußerten dennoch hörbar: «Spanische Prägung war es, Gevatter! Spanische Prägung!»
Henri hatte hier noch keine Zeit, seine Gefühle zu befragen: zu viel geschah. Vor allem zeigte Guise sich von einer neuen Seite, als Verführer und Menschenbehandler; niemand hätte dem hochmütigen Gliedermann so viel zugetraut an Verschlagenheit und Schnelle. Was der Vorteil tut! Und außerdem machten sie es ihm leicht, da alle sich geschmeichelt fühlten, in demselben Verein zu sitzen mit diesem großen Herrn. Guise teilte ihnen ihre Aufgaben zu, den Militärs die Zwangswerbungen für die Truppe der Partei, den Geistlichen die Aufhetzung des gemeinen Volkes, den Bürgern den Widerstand gegen den Staat hinsichtlich aller Zahlungen. Er verlieh ihnen Titel samt dem Anspruch auf das zugehörige Amt, falls dieses frei würde durch den Abgang des Inhabers. Durch seine Ermordung, wie jeder begriff.
Was man künftig auch beging, niemand verantwortete seine Taten, denn hier schwuren sie im voraus blinden Gehorsam dem Führer. Dies vollbracht, schloß er die erhebende Versammlung. «Navarra», sagte er im Aufbruch, «du hast dich überzeugt, wie stark wir sind.»
«Zu meinem Glück», erwiderte Henri. «König von Paris, heil!» rief er mit dem Volk, das draußen all die Zeit gewartet hatte. Bevor er verschwand, stieß er Freund Lothringen noch an und ahmte unverkennbar nach, wie fett der Stadtvater gesprochen hatte. «Spanische Prägung, Gevatter! Spanische Prägung!» Fort war er.
Er ging schneller und schneller, seine Wächter mußten laufen. Er gelangte in die Straße Österreich, über die Schloßbrücke, durch Torbogen und Hof des Louvre — erfaßte aber von allem nichts. Er bemerkte nicht, wo er vorbeikam, wer ihm nachsah, und erkannte sein Zimmer erst, als er schon längst darin hin und her lief. Da wurde ihm bewußt, daß er haßte. ‹Dies — dies ist Haß! Spanische Prägung — auf Maultieren über das Gebirge, unaufhaltsam reisen die Säckel voll Pistolen. Werden ausgeschüttet in Paris, Gold rinnt — rinnt ohne Ende, aber die Taschen füllen sich mit Gold, die Herzen mit Haß, die Fäuste mit Gewalt, die Mäuler mit der ruchlosen Lüge. Jetzt los und werdet reißende Tiere, anstatt mild und vernünftig! Führt Krieg wegen einer Religion und gegen jede!
Das kenn ich schon mein Leben lang. Unerfahren war ich bis heute im Quell und Ursprung der Untaten. Spanischer Prägung, hergereist über die Pyrenäen, meinen eigenen Berg, ich zeichne den Weg in die Luft, hier fällt der Bach herab, dort steht mein Haus Coarraze. Sie wollen es mir stehlen, Don Philipp von Spanien hat niemals anders gedacht, als mir fortzunehmen meinen Abhang der Pyrenäen: ich aber verlange noch den seinen dazu. Ich verlang ihn, weil es mein Gebirge ist, und dies mein Land, in das seine Soldaten nicht einbrechen und seine Säckel nicht reisen sollen.›
Soweit für heute. Der Dreiundzwanzigjährige denkt nur selten weiter, und sein Haß ist vorerst begrenzt durch die Landschaft seiner Heimat. Er haßt den Weltbeherrscher aus Liebe zu seinem kleinen Bearn — obwohl auch darum schon, weil Frankreich leidet. Es leidet wie er selbst und durch denselben Anstifter. ‹Was, Guise und Katharina! Jeder überbietet den anderen in der Dienstbarkeit des Weltbeherrschers. Der ist der Feind, den haß ich. Der hält mich gefangen, der bezahlt den Krieg der Parteien in meinem Lande, das ich einst regieren werde.›
Als er später wirklich regierte, hatten sowohl seine Erkenntnis wie sein Haß sich furchtbar erweitert. Er wollte nicht nur Frankreich befreit haben und in Europa der größte Fürst sein: beiden wollte er für immer den Frieden bringen, und Haus Österreich sollte fallen. Er unternahm zuletzt, dies verhaßte Haus aus dem ganzen übrigen Weltteil zu vertreiben und es ein für alle Male abzusperren hinter den hohen Felsen der Pyrenäen. Das wird einst der große Plan des Alternden und wird seine Auflösung sein.
Der Jüngling in seinem Gefängnis haßt Don Philipp, nimmt aus der Truhe ein Bild, es zeigt fade blonde Löckchen und ein leeres Gesicht. Die Stirn ist hoch und eng: der Jüngling sticht hinein. Wirft das Messer weg, das Bild weg und ringt die Hände. Was ist das: Haß? Wir hassen unbeschränkt nur das, was wir nicht sehn. Er wird Philipp von Spanien nie erblicken.
Die Szene der drei Henris
Er sagte zu seiner guten Freundin Madame Catherine, daß Lothringen merkwürdige Streiche verübte. Henri hatte sich inzwischen schon wieder gefaßt und gab seinen Nachrichten nicht mehr Wichtigkeit, als klug war in Anbetracht seiner eigenen Lage. Er machte einen komischen Auftritt aus der Verschwörung Lothringens mit den ehrbaren Leuten. Das Verhältnis des blonden Helden zum Pöbel wurde von ihm nur leicht entworfen; die Königinmutter konnte Geringschätzung entnehmen, oder wenn es ihr beliebte, eine Warnung. Sie hielt sich aber an die Nichtachtung. Darauf trat er ihr allerdings ganz nahe und sagte überraschend: «Madame, Sie sind verloren.»
Sie lachte mütterlich.
«Mach dir keine Sorgen! Guise arbeitet schließlich für mich, denn Philipp ist mein Freund.»
Das glaubte sie nun einmal, und begriff daher nicht, daß König Philipp in Frankreich einen Statthalter suchte für sich selbst, wenn er hier erst der einzige Herr wäre, nach der Zerrüttung des Königreiches durch sein spanisches Gold. Nahe vor ihr stand einer, der anfing zu erkennen. Madame Catherine aber erwiderte ihm schlau: «Geh nur zu irgendeiner schönen Dame, Zaunkönig. Du sowohl wie Guise, ihr sollt euch unter meinen Augen gut vergnügen, dann fürcht ich euch nicht.»
Der König von Frankreich saß in seinen Pelzrock verkrochen und schrieb; gerade einen solchen, still betrübten Zustand hatte Henri abgewartet, um ihm manches zu eröffnen. Das Schlimmste von allem wußte d’Anjou schon: einer seiner Lieblinge war heute im Zweikampf gefallen, Maugion, ein so anmutiger Knabe, und erstochen hatte ihn ein Offizier Lothringens. Das ging zu weit, Guise führte nicht nur Aufruhr in den Straßen herbei, er verbreitete Schrecken sogar im eigenen Schloß des Königs. «Vetter Navarra, wir hatten ihn unterschätzt.»
«Ich gebe es zu», sagte Henri. «Alles ist nicht Roheit bei einem Goliath und Helden seiner Art. Man darf die Tücke nicht vergessen.»
«Ich», beschloß der König, «will darauf erwidern ehrenhaft, wenn auch mit weiser Berechnung. Ich setze meinen königlichen Namen auf die Liste der Liga.»
Was er sogleich vollzog, unter großem Prunk und im Beisein vieler Zeugen aus allen Ständen. Das Volk und die ehrbaren Leute sollten sich persönlich überzeugen, daß der König nicht erst durch einen Bund müßte erinnert werden an sein Versprechen, die Religion zu verteidigen. Er setzt seinen Namen an die Spitze, noch über Lothringen, dessen zum Zeichen, daß er der Verbreitung der hugenottischen Lehre mit allen Mitteln widerstehen wird. Indessen glaubt er es sich selbst nicht, und auch sonst glaubt niemand es dem schwachen König. Mit seiner Unterschrift hat er nur bekräftigt, daß im ganzen Land gegen ihn gehetzt werden darf von umherziehenden Mönchen, und Listen der Liga bedecken sich mit Namen und Kreuzen in jedem Dorf, und jeder Bursche hat vor Augen den tapferen Guise und jedes Mädchen den schönen Guise, und Held ihrer Träume ist nur dieser — anstatt eines traurigen Valois, bald traurig, bald ausgelassen, und spielt mit seinem Hof von Knaben.