Henri, dritter seines Namens, vergaß seine Lage, wenn er sich verkleidete und entweder ein fremder Sultan oder ein niedriger Büßer wurde. Als König von Frankreich beseufzte er gern seinen wirklichen Zustand, und zum Vertrauten nahm er wohl einmal seinen Schwager Navarra, später der vierte des Namens Henri. Eines Morgens ließ er ihn rufen; es war gegen Weihnacht, Schnee lag, und eine ungewöhnliche Stille entrückte das Schloß Louvre, als wäre es ganz mit sich allein geblieben. Der König bat: «Henri, sag mir, was du von mir denkst.»
«Sire, daß Sie mein Herr und König sind.»
«Das braucht dir nicht erst einzufallen. Wenn du dich aber besinnst?»
«Ich an Ihrer Stelle würde die Wahrheit nicht herausfordern. Sie haben ein einziges Mal gehandelt, und das war die Bartholomäusnacht. Heute ist Guise viel stärker als damals der Admiral. Sie sind ein König und begehen daher sicher ein erwogenes Versäumnis, wenn Sie ihn noch stärker werden lassen.»
«Es ist etwas anderes.» Der König sprach trübe in sich hinein. «Ich warte auf die Gewalt.»
«Kommen Sie ihr zuvor!»
«Du hörst doch, daß ich auf sie gespannt bin», flüsterte der König und erbebte von innen. Er bedeckte sogar den Mund. «Ich habe Nachricht, daß Guise mich entführen will. Was wird das sein? Ich, sein Gefangener. Er, der Herr meines Königreiches — und tritt zu mir ein, mit der Hetzpeitsche.»
«Er ist einen Kopf länger als ich», sagte Henri Navarra. «Und was weiter? Ein langer Mensch hat vor mir voraus, daß er von der Zimmerdecke die Würste herunterlangen kann, sonst nichts.» Bei sich dachte er noch: ‹Seinen Bruder, den Irrwisch, wollte er, daß ich ihm töte. Weil er nicht größer ist als ich? Das alles versteht niemand.›
Inzwischen geschah vor der Tür viel Scharren und Klirren, sie wurde aufgestoßen, und ein Offizier des Herzogs von Guise meldete sein Kommen an. Nicht etwa, daß er die Majestät gebeten hätte, seinen Herrn zu empfangen. Der Herzog verfügte. Übrigens ließ er den König von Frankreich warten, und dieser benutzte die Zwischenzeit, um seinen Vetter Navarra hinter einem Vorhang zu verstecken. «Du sollst mit anhören, was er wagen wird, dem König zu bieten. Wenn er sich an mir vergreift —»
«Es könnte auch sein, daß er durch den Vorhang sticht. Lieber zeige ich mich schon vorher und rede ein Wörtchen mit.»
Hier erschien der dritte Henri, aus dem Hause Guise. Kommandorufe, Ehrenbezeigungen, ein großer Auftritt.
Der König Henri saß vor seinem Schreibpult in den Pelzrock verkrochen. Henri Navarra lugte aus dem Vorhang.
Der Herzog behielt den Hut auf und machte nicht einmal die Andeutung einer Kniebeugung. Er sagte: «Das Wetter ist günstig, um zu jagen. Ich hole Sie ab, Sire.»
Der König räusperte sich laut, es war ein Zeichen für seinen Vetter und bedeutete: Da hast du es, eine Entführung! Er erwiderte: «Gewiß, guter Freund, aber man sieht, daß Sie kein Parlament haben und keine Erlasse verfassen müssen an Ihr Parlament, weil es sich weigert, die von Ihnen beliebten Gunstbeweise in seine Register einzutragen.»
Der Herzog nahm eine schneidende Stimme an. «Ihr Parlament hat recht. Denn Ihre Placets bereichern Ihre Höflinge, das Volk geht zugrunde.»
«Dasselbe sagte man schon zu der Zeit meines Bruders Karl. Tut ein Volk eigentlich je etwas anderes als zugrunde zu gehn?» Dies brachte der König lauernd vor, und der Herzog benahm sich denn auch so, wie es von ihm erwartet wurde. Er legte los als rechter Tribun und warf durcheinander so viele hohe Zahlen wie große Worte. Als er zuletzt nichts mehr wußte, sagte der König schwärzlich aus seinem Pelzrock und bewegte die dicken Lippen nur wenig:
«Siehst du, Guise, gerade hierfür empfange ich dich allein und ohne Zeugen, aus Besorgnis, du kämest sonst nicht frei genug damit heraus.»
«Wen sollte ich wohl fürchten?» fragte der Herzog und stellte sich breitbeinig auf. Den angebotenen Sessel warf er beiseite. «Wer von uns beiden führt wirklich die Liga?» fragte er.
«Du», erkannte der König mit Inbrunst. Der Herzog fühlte darin etwas, das er verachtete. Er warf hin: «König sind Sie nun einmal, aber kein Edelmann; und werden darum auch nicht König bleiben. Ich —» Er stockte, rief zum zweiten Male «Ich», und hielt gerade noch zurück, was er im Sinne hatte: selbst König zu werden.
Der König — anstatt ihn zurückzuweisen, ermutigte er den dreisten Burschen. Der Vetter in dem Versteck ertrug es kaum noch, wie hier umgesprungen wurde mit dem königlichen Blut. Von dem Blut, wenn auch im einundzwanzigsten Grade, war er selbst. Er schüttelte die Falten des Vorhangs, damit Guise aufmerksam würde. Indessen war Guise viel zu sehr bedacht, den König zu erniedrigen. «Sie sind der König Ihrer Lieblinge», verkündete er hart. «Aber auch diese werden weniger werden mit dem Geld. Am Ende werden Sie selbst in einem letzten Winkel Ihres Königreiches hocken, ohne Lieblinge, ohne Geld und sogar — ohne Blut.»
Da schüttelte den König die Furcht. Sein Pelzrock stieg ihm über den Nacken hinan, der Vetter hinter dem Vorhang war darauf vorbereitet, er würde unter das Schreibpult rutschen. Statt dessen bat er schwach: «Sprich weiter!»
Es war zuviel, sogar für einen Mann ohne Empfindung wie Guise. Er schnitt ihm die Rede ab, er machte kehrt und begab sich zu dem Stuhl, den er fortgeworfen hatte. «Sprich weiter!» wiederholte er für sich allein und zuckte die Achseln. Hinter dem Vorhang war es deutlich zu hören, weil der Stuhl und der Herzog nahe daran standen; und dem Zeugen hinter dem Vorhang stiegen davon Tränen in die Augen. Ein schamloser Mensch mit viel Blut im Leibe und einem Schwarm von Pöbel hinter sich darf ohne Recht und Verdienst einem König entgegentreten wie ein großer Held und dem König drohen, das letzte Blut werde ihm aus den Poren treten wie seinem Bruder. Was wäre das für eine Welt! Henri Navarra riß die Falten weg und trat hervor, den bloßen Degen in der Hand. «Ich hätte ihn dir in den Rücken stoßen können, und du hättest es verdient.»
«Oho», rief Guise. «Es war eine Falle. Wozu auch sonst dieses ‹Sprich weiter!›, da Valois wahrhaftig seinen Ruhm nicht singen hörte. Ich habe mich indes herbegeben», sagte der große prächtige Mann, während er unauffällig zurückwich gegen die Tür, «herbegeben hab ich mich als treuer Diener des Königs, in der Absicht, ihn und sein Königreich zu retten durch meine biederen Worte. Mein Schwert hab ich nicht mitgebracht, verschmähe es auch, meinen Dolch zu ziehen.»
Wahrscheinlich hatte er aber auch diesen vergessen, denn er hielt die Hände, wie um sie gegeneinander zu schlagen. Im nächsten Augenblick wäre das Zimmer voll von seinen Bewaffneten gewesen. Henri Navarra hinderte ihn daran.
«Henri Guise!» verkündete er. «Wir spielen! Cäsar wurde ermordet: Weißt du noch, wie das war? Du und ich, wir stellen die Verschworenen vor.»
«Laß die Possen», sagte Guise. In Wirklichkeit aber war er froh, auf diese Art davonzukommen. Er hatte im Ernst genug gesprochen und getan, daß sich allerdings eine Verschwörung daraus machen ließ. Das Gesicht des Königs veränderte sich reißend ins Furchtbare, so viel war festzustellen; er schnellte auf und reckte sich wie die richtende Majestät. «Da ist Cäsar!» rief Henri Navarra, ganz bei der Sache. «Auf ihn!» Guise wollte denn auch losstürmen — fiel aber hin, sein Mitverschworener hatte ihm ein Bein gestellt. Schnell setzte Henri Navarra sich ihm auf den Nacken, hielt ihn nieder und fragte erregt, im Sinne der Rolle: «Sire, was soll ich mit dem Majestätsbeleidiger tun?»