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Hierüber erschrickt man nun wieder. Was soll denn fortwährend Neues vorkommen! Die Gesellschaft der höflichen jungen Leute ist schon vertraut geworden, sie ist sogar geeignet, an gewissen Vorurteilen des Bürgers zu rütteln — hinsichtlich des Standes der Adligen, und auch, was ihre Sitten betrifft. Man wird versöhnlich gestimmt für Schloß Louvre, gegen das vielleicht doch mit Unrecht so heftig gepredigt wird von den Pfaffen. Der Hof hat sein Gutes, der König ist zu begreifen. Ich, Heurtebise, finde nichts, was nicht geheuer wäre. In den beiden nächsten Gemächern tritt er viel sicherer auf. Eins der unbekleideten Bildwerke veranlaßt Heurtebise, einem seiner neuen Freunde den Ellbogen in die Seite zu stoßen. Da machen sie auch schon halt vor der dritten Tür. «Herr», wird ihm empfohlen, «Sie werden gebeten, einzutreten und Ihre Augen zu öffnen.»

«Hinsehen, wenn’s beliebt, und sich alles merken», wird nochmals dringend erinnert, während jeder der Knaben einen Türflügel zurückschlägt. Heurtebise setzt einen Fuß hinein, die Tür hinter ihm schließt sich. Ihn nimmt ein dämmriger Raum auf, der Tag verfängt sich in dem Behang des Fensters, daneben glimmt das Nachtlicht. Allmählich erkennt er Umrisse, besonders die eines Bettes. Der Vorhang ist fortgezogen, wer schläft hier? Er unternimmt noch einen Schritt vorwärts, angehalten und berechtigt wie er ist, die Augen zu öffnen. Indessen quellen sie ihm aus dem Kopf. Die Haare sträuben sich, ein Schauder durchläuft ihn ganz, und er bricht in die Knie.

Der König! Kein anderer als er. Allein an den Lippen wäre es festzustellen; aber die Majestät wendet auch das düstere Auge her, ohne daß sein Antlitz mitginge: Genauso haftet das eine seiner Augen auf den Grüßenden, wenn es aus der Tiefe seines Wagens blickt. Hier ist kein Wagen, Heurtebise, wach auf! Das königliche Bett ist hier. Das Auge deines Königs gibt dir ein Zeichen, du sollst aufmerken, wer neben ihm liegt. Das ist die Königin. Du magst dich ins Bein zwicken, es bleibt die Königin, ihr weißliches Haar und ihre spitze Nase. Du bist gewürdigt, du bist ausersehn. Frau Königin wendet den Kopf auf dem Kissen, damit du auch die andere Hälfte besichtigst. Sie ruht bei Herrn König, nicht anders als Gevatterin Heurtebise, die jeder kennt, mit ihrem guten Mann im ehelichen Schlafzimmer hinter dem Laden. So einfach ist es, obwohl selten wie ein Wunder. Das erfährt von tausend nicht einer. Nur du.

Fromm legt er die Hände auf der Brust zusammen und senkt die Stirn, um nicht Mißbrauch zu treiben mit der Würdigung, die ihm widerfährt. Seine Schulter wird angerührt. In seiner Andacht ist ihm das Öffnen der Tür entgangen. Rückwärts auf den Knien verläßt er das Zimmer. Die beiden jungen Leute reichen ihm jeder eine Hand, damit er aufsteht. Sie begreifen seine Erschütterung und teilen ihm mit, daß ein stärkender Imbiß ihm zugedacht ist. Der Tisch ist gedeckt in einer Halle, zwischen Wandelgang und Treppe, an einem öffentlichen Ort sozusagen. Er muß Platz nehmen vor dem einzigen Gedeck, ein Haushofmeister erhebt den Stab, und Köche treten an, jeder trägt eine Schüssel von gewiß acht Pfund Silber, darin liegen viele Arten von Fisch, Fleisch und Kuchen. Der Wein fließt in sein Glas aus Gefäßen von Rubinglas mit goldenem Schnabel, außerdem hat sich zu ihm ein schönes Mädchen gesetzt. Er weiß es, obwohl er den Blick nicht aufhebt von seinem vollen Teller. «Heurtebise», sagen die Zuschauer, die sich einfinden aus der Richtung des Wandelganges oder der Treppe — halten einen achtungsvollen Abstand von seinem Tisch, recken die Köpfe, sagen «Heurtebise» und gehen auf den Zehen ab.

«Herr Heurtebise, Sie sind ein berühmter Mann.» Dies ist die schmeichelnde Stimme des Mädchens. «Ich möchte Sie um eine Gunst bitten, Herr Heurtebise. Wenn Sie draußen erzählen werden, was Ihnen alles begegnet ist hier in Schloß Louvre: vergessen Sie auch mich nicht. Ich bin das Fräulein von Lusignan.»

Bei diesem großen und sagenhaften Namen seufzte der Weißwarenhändler: es war zuviel für ihn. Es war schon lange zuviel und stimmte zuletzt traurig, anstatt daß es stolz machte. Heurtebise warf einen so schweren Blick auf seine Zuschauer, daß sie fortschlichen, mehrere unter Verbeugungen. Ihm könnte der Gedanke nicht kommen, daß sie eine Rolle spielten. Er hätte auch niemals geglaubt, daß der Fisch, den der König von Frankreich ihm auftragen ließ, von gestern war, das Gebäck noch älter. Der Wein war aus der Kneipe geholt, zu Hause trank er besseren: dies wenigstens entging ihm nicht ganz. Er wollte es nicht wahrhaben, stürzte mehrere Gläser hinunter und fand ihn noch schlechter. Blieb das Fräulein von Lusignan — die indessen auch nicht echt war. Madame Catherine hatte eins der armen adligen Mädchen von ihrem «fliegenden Corps» ausgeschickt, damit sie den Mann aus der Menge in Arbeit nähme. Das erste, was ihn verblüffen sollte, war ein großer Name. Nach den Gläsern sauren Weins faßte er dennoch Mut, blinzelte das halb entblößte Frauenzimmer listig an und wollte nach ihr langen. Er begriff nicht, warum er dabei vom Stuhl kippte.

Er war kurz und rund, ein Mann mit gerötetem Gesicht und ergrauenden Haaren. So sah er sich unter dem Tisch wieder hervorkriechen, die Spiegel zeigten es ihm. Das Fräulein war verschwunden, was ihn nicht wunderte. In diesem Augenblick hatte er das unbestreitbare Gefühl, betrogen zu sein über und über. Er beschloß, in seiner Straße davon zu melden. Den Vorteil aus seinem Abenteuer sollten die Liga und ihr Führer haben! Zwar wußte er noch nicht, wie hier hinauszukommen wäre. Alle hatten ihn verlassen, die Zuschauer, das Fräulein, die Köche, der strenge Haushofmeister — sogar die feinen Edelknaben, und waren doch seine Freunde gewesen. Allein mußte er seinen Weg suchen, gelangte durch menschenleere Gegenden in ein Gewölbe voll von Soldaten und wurde beim Kragen gepackt. Kein Herr Heurtebise mehr, sie schoben ihn ab, bis in den Brunnen des Louvre, bis auf die Brücke. Auch von der Wachmannschaft kannte jetzt niemand ihn; sie verhörten ihn grob, die Taschen wurden ihm umgekehrt, und mit einem Fußtritt versehen verließ er das Tor und Schloß Louvre.

Er hatte sich gehütet, den Soldaten einzugestehen, was er in Wirklichkeit dort erblickt hatte. Übrigens zweifelte er schon daran. Je mehr Weg durch die Stadt er machte, um so unerlaubter, verdächtiger betrachtete er sein Erlebnis. Es kam ihm nicht zu; seine gesunde Vernunft versicherte ihm, daß der Böse seine Hand im Spiel hätte. Sogleich wollte er beichten. Indessen war seine Straße erreicht, alle Nachbarn traten aus den Häusern, er flüchtete in das seine und legte sich zu Bett. Frau Heurtebise brachte ihm Glühwein.

Erst nach Verlauf von zwei Stunden, da er ein standhafter Mann war, kannte die Frau die Geschichte. Am Abend war diese der Straße bekannt, den nächsten Tag in ganz Paris. Da kamen sie aus anderen Stadtteilen und wollten von seinem Munde hören, der König schliefe bei der Königin. Dies war von ausgesprochenem Nutzen für das Königtum und schadete der Liga, weshalb Pfarrer Boucher gegen Heurtebise predigte und ihn sowohl bestochen, als auch Werkzeug Satans nannte. Der kleine Weißwarenhändler indessen vertrat seine Sache, denn mit der Zeit machte sie ihn stolz, wurde ihm auch gewisser als am Tag der Ereignisse. «Heurtebise, was hast du, genaugenommen, gesehen?»