Выбрать главу

«Der Herr König lag in seinem goldenen Bett, auf dem Kopf seine goldene Krone, und neben ihm lag die Frau Königin, schön wie die Morgenröte. Das ist wahr, noch in meiner Todesstunde.»

Er sagte dies dreizehn Jahre lang. Dann war es mit dem Königreich dahin gekommen, daß der König ermordet wurde, während sein Nachfolger Henri, vierter seines Namens, in Schlachten siegen mußte über seine Franzosen, sonst fielen sie in die Hände Habsburgs. Die Liga ließ damals, zur Belebung ihrer Prozessionen, die Weiber nackt durch die Straßen tanzen. Ihre Ausgelassenheit war schaurig, ihr Blutdurst neigte zum Lächerlichen. Der kleine Weißwarenhändler, stadtbekannt durch seine Märchenerzählung war nicht der erste — aber auch ihn fielen die wilden Weiber an als einen Feind der heiligen Kirche. «Das ist Heurtebise, der den Valois hat gesehn bei seiner Hure liegen!» Heurtebise wurde von vielen nackten Füßen zu Tod getreten.

Das Vergnügen

Die Königin von Navarra hatte ihren eigenen Hof, mehrere kleine Zimmer, darin vereinigte sie am Abend ihre Freundinnen, ihre Dichter, Musiker, Humanisten, und ihre Liebhaber. Hier war Margot die Gottheit und mußte nicht heimlich durch einen Vorhang spähen wie bei den Festen ihres Bruders, des Königs von Frankreich. Ihr lieber Gatte Henri fand sie eines Abends Harfe spielend, während ein Dichter wohllautende Verse zu ihren Ehren sprach; aber in der poetischen Welt hieß sie Lais und war eine Kurtisane, die vermöge der Schönheit und der Gelehrsamkeit über die Menschen herrscht. Margot-Lais saß in aller Vollendung, nach der sie immer gestrebt hatte, auf einem erhöhten Sessel. Diesem zugewendet standen links und rechts noch zwei, mit den Damen Mayenne und Guise. Dem göttlichen Wesen zu Füßen und auch neben den Sitzen der beiden anderen Musen lagerten die weniger wichtigen Erscheinungen, die indes notwendig in das Bild gehörten. Es wurde abgeschlossen von zwei Säulen, rosenumrankt, zwischen ihnen ein großer heller Teppich, hineingewirkt waren schwärmerische Gestalten des Frühlings. Durchaus klar und ruhevoll erschien das Ganze; der Dichter vorn im Halbkreis brauchte es nur zu besingen, wobei er sich leicht zur Seite bog und den anderen Arm von sich streckte, als ginge er auf schmalem Steg über einen Abgrund.

In Schloß Louvre ist nicht alles wohl gesichert, erinnerte sich Henri angesichts des Hofes der Königin von Navarra. ‹Und denke ich erst an die Kirche, wo Boucher predigt! Soll ich ihn nachmachen und diesen hier eine Probe seiner Beredsamkeit geben? Soll ich?› Nein, er nahm zwar die Stelle des Dichters ein, sprach aber, was ihm plötzlich eingegeben wurde: «Adjudat me a d’aqueste hore —» hilf mir zu dieser Stunde, das Gebet, das seine Mutter gesprochen hatte, während sie ihn gebar. Klangvoll war es anzuhören, und da es gerichtet wurde an die Jungfrau, zugleich aber an die Königin von Navarra, hatte ihr lieber Herr alle Huldigungen überboten, so viele Madame Marguerite an ihrem Hof empfing. Dafür dankte sie ihm überaus; sie spielte zwischen seine Worte hinein die glänzendsten Läufe auf der Harfe, zuletzt aber reichte sie ihm ihre wunderbare Hand, damit er sie küßte. Dies getan, versicherte er ihr vor ihren Bewunderern, daß er ihr zu gefallen und zu dienen so eifrig bemüht wäre wie noch nie. Sie verstand ihn auch und reichte ihm wieder die Hand — diesmal, damit er sie die Stufen ihres Sitzes hinab und aus dem Zimmer führte.

Sobald es dort nicht mehr gehört werden konnte, fing er an zu lachen und sagte: «Gehn Sie mal zu der Königin, Ihrer Mutter. Ich bin neugierig, wie Sie aussehn werden, wenn Sie zurückkommen.»

«Was meinen Sie denn», erwiderte Margot und war gekränkt. «Mich behandelt niemand mehr so ungehörig wie zu den Zeiten des Königs Karl.»

«Ich will es nicht hoffen, obwohl Ihr Bruder, der König, genau die Wut auf Sie hat wie Ihre Mutter.»

«Was ist denn los, um Gottes willen!»

«Ich werde mir den Mund nicht verbrennen. Mag es Ihnen genügen, daß ich selbst nichts glaube, was man Ihnen vorwirft. Das erfinden die anderen nur, um uns beide auseinanderzubringen.»

Er geleitete seine Gemahlin auf den Weg zu Madame Catherine. Kaum war er allein geblieben, als schon eine andere Dame ihm entgegentrat, die Herzogin von Guise, auch sie in schwieriger Lage. Längst war es ihr anzumerken gewesen; auf ihrem erhöhten Sessel, da alle anderen beruhigt dreinschauten, hatte sie verstört den Hals hin und her gerückt. Ein großer Schrecken, den man nicht vergessen kann, sieht so aus. «Sire», sagte die Herzogin und hielt hilflos beide offenen Hände hin, «ich bin eine sehr unglückliche, schuldlos verfolgte Frau und verdiene, daß Sie mich trösten.»

Er wollte einwerfen: warum nicht auch ich, nach allen den anderen — fand aber keine Zeit dazu. «Als der beste Freund des Herzogs überzeugen Sie ihn um Gottes willen von meiner Unschuld, damit er mir nicht noch mehr Unrecht tut!» Sie hatte alles in einem Atem herausgebracht und mußte anhalten; Henri konnte sagen: «Ich darf für Ihre Unschuld zeugen, Madame, denn mir haben Sie das Gegenteil leider noch nicht bewiesen.»

«Denken Sie, was mir zustößt mit dem Verrückten. Heute morgen befinde ich mich nicht ganz wohl, er aber hat Laune wegen etwas, das ihn schrecklich ärgert, er will nicht heraus damit. Ich weiß es auch so, was haben die Ehemänner schon im Kopf, außer ihrer Eifersucht. Plötzlich fällt ihm ein, ich sollte eine Fleischbrühe trinken, und wie sagt er das! Sein Ton muß mich auf den schlimmsten Verdacht bringen. Ich brauche keine Fleischbrühe! Aber wie oft ich es versichere — Sie werden entschuldigen, Madame, die Fleischbrühe muß sein, und auf der Stelle schickt er nach der Küche.»

«Vergiften wollte er Sie?» fragte Henri leise und angstvoll, denn ihm fiel auf die Seele, daß er selbst den Herzog einen Hahnrei genannt hatte, und vielleicht war er der erste gewesen? Seitdem hatte Guise sich überall die Bestätigung geholt, und so furchtbar waren die Folgen für die arme Frau.

«Sie haben ihm hoffentlich die Brühe ins Gesicht geschüttet.»

«Das kam mir nicht zu. Ich bat ihn um eine halbe Stunde Frist, bis ich die Tasse austränke, und in dieser Zeit bereitete ich mich vor, zu sterben.»

Henri sah das bedauernswerte Opfer nur noch verschleiert durch seine Tränen.

«Dann brachte man die Brühe. Der Herzog war inzwischen hinausgegangen. Ich trank sie.»

Sogar in seiner Abwesenheit hatte die Gattin ihm gehorcht, gestärkt von der Hoffnung, ihre letzten Gebete hätten alle ihre fleischlichen Verfehlungen aufgehoben.

«Was sagen Sie!» rief sie auf einmal völlig erbittert. «Es war eine ganz gewöhnliche Brühe.»

Ihr Zorn ergriff auch ihn. Der Goliath und Gliedermann! So ängstigte er Frauen. Das war seine Rache, wenn sie ihm aufsetzten, was ihm anstand. «Madame», sagte Henri mit ehrlicher Überzeugung, «Sie sind schuldlos verfolgt, wie ich wohl sehe. Sie verdienen, daß ich Sie tröste und das Unrecht aller Männer, auch das meine an Ihnen gutmache.»

Er nahm ihre Fingerspitzen, seine und ihre Hand schwebten zwischen ihnen. Sie setzten die Füße vorn an, und die Gesichter mit einem höflichen Ausdruck von Beglückung einander zugewendet, beschatten sie nicht ohne Anmut den Weg, der zu ihrem Vergnügen führte.

Als er Margot wiedersah, kam sie aus einem stürmischen Auftritt mit ihrer Mutter und dem königlichen Bruder, in Gegenwart von Zeugen; es war nicht der erste, den ihre sittliche Führung veranlagte. Sie befand sich noch nicht wieder im Gleichgewicht. «Ich hatte wohl recht?» fragte er mitleidig. Ihre großen Augen füllten sich mit Tränen, sie mußte darauf bedacht sein, daß nicht die Tusche zerlief. Daher konnte sie nicht gleich vorbringen, was ihr Herz beschwerte. Statt dessen umarmte ihr lieber Herr sie und versicherte ihr, die Dinge möchten sonst liegen wie immer, er werde sie schützen, denn sie wäre ihm anvertraut. Noch heute abend, wenn der König zu Bett ginge, würden zwei seiner Freunde ihm vorstellen, wie sehr er ihr Unrecht getan hätte.