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Der Kerkermeister öffnete die Tür des Verlieses. Ein großer, dunkler, übel riechender Raum lag vor Joan. Einige Schemen bewegten sich, und das Rasseln der Ketten, mit denen die Gefangenen an den Wänden festgeschmiedet waren, hallte dem Dominikaner in den Ohren wider. Er merkte, wie sein Magen rebellierte und ihm die Galle hochkam. »Da drüben«, sagte der Kerkermeister und deutete auf eine Gestalt, die in einer Ecke kauerte. Dann verließ er den Kerker, ohne eine Antwort abzuwarten. Als die Tür hinter ihm zuschlug, zuckte Joan zusammen. Er blieb am Eingang des Raumes stehen. Dunkelheit umfing ihn. Durch ein einziges, vergittertes Fenster hoch oben in der Wand fielen einige schwache Lichtstrahlen. Als der Kerkermeister gegangen war, begannen die Ketten zu klirren. Mehr als ein halbes Dutzend Schemen bewegte sich. Waren sie beruhigt, weil man sie nicht abgeholt hatte, oder war genau dies für sie Anlass zur Verzweiflung?, überlegte Joan, während nun ringsum Jammern und Stöhnen zu hören war. Er trat zu einem der Schemen, von dem er glaubte, dass es der war, auf den der Kerkermeister gezeigt hatte, doch als er neben der Gestalt niederkniete, blickte er in das von schwärenden Wunden entstellte, zahnlose Gesicht einer alten Frau.

Joan fiel hintenüber auf den Fußboden. »Arnau?«, wisperte er, während er versuchte, sich aufzurichten. Er rief noch einmal, lauter diesmal, in das Schweigen hinein, das er zur Antwort bekommen hatte.

»Joan?«

Rasch ging er der Stimme entgegen, die ihm den Weg zeigte. Wieder kniete er neben einer Gestalt nieder, nahm den Kopf seines Bruders in beide Hände und zog ihn an seine Brust.

»Heilige Jungfrau Maria! Was haben sie mit dir gemacht? Wie geht es dir?« Joan fuhr Arnau über das zottige Haar, die hervorstehenden Wangenknochen. »Gibt man dir nichts zu essen?«

»Doch«, antwortete Arnau. »Brot und Wasser.«

Joan betastete die Eisenringe um Arnaus Fußknöchel, dann zog er die Hände rasch zurück.

»Kannst du etwas für mich tun?«, fragte Arnau. Joan schwieg. »Du bist einer von ihnen. Du hast mir immer erzählt, dass der Inquisitor dich schätzt. Es ist unerträglich, Joan. Ich weiß nicht, seit wie vielen Tagen ich hier bin. Ich habe auf dich gewartet …«

»Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.«

»Hast du schon mit dem Inquisitor gesprochen?«

»Ja.« Trotz der Dunkelheit wich Joan Arnaus Blick aus.

Die beiden Brüder schwiegen.

»Und?«, fragte Arnau schließlich.

»Was hast du getan, Arnau?«

Arnau packte Joan am Arm. »Wie kannst du denken …«

»Ich muss es wissen, Arnau. Ich muss wissen, wessen man dich beschuldigt, damit ich dir helfen kann. Du weißt, dass die Anzeige nicht öffentlich gemacht wird. Nicolau wollte mir nichts sagen.«

»Worüber habt ihr dann gesprochen?«

»Über nichts«, antwortete Joan. »Ich wollte mich nicht mit ihm unterhalten, ohne dich zuvor gesehen zu haben. Ich muss wissen, worauf die Anklage hinausläuft, um Nicolau überzeugen zu können.«

»Frag Elionor.« Arnau sah wieder seine Frau vor sich, wie sie durch die Flammen hindurch, in denen ein Unschuldiger verbrannte, mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte.

»Elionor?«

»Wundert dich das?«

Joan taumelte und musste sich auf Arnau stützen.

»Was hast du, Joan?«, fragte sein Bruder und hielt ihn fest, damit er nicht stürzte.

»Dieser Ort … dich hier zu sehen … Ich glaube, mir wird schlecht.«

»Geh«, bat ihn Arnau. »Draußen nutzt du mir mehr, als wenn du hier versuchst, mich zu trösten.«

Joan stand auf. Seine Beine zitterten.

»Ja. Ich denke schon.«

Er rief den Kerkermeister und verließ die Zelle. Im Korridor ging der dicke Wärter voraus. Joan hatte ein paar Münzen in der Tasche.

»Hier, nimm«, sagte er zu ihm. Der Mann betrachtete die Münzen. »Morgen bekommst du noch mehr, wenn du meinen Bruder gut behandelst.« Nur das Trippeln der Ratten war zu hören. »Hast du gehört?«, fragte er. Die einzige Antwort war ein Grunzen, das durch den Korridor des Verlieses hallte und die Ratten verstummen ließ.

Er brauchte Geld. Vom Bischofspalast ging Joan auf direktem Wege zu Arnaus Wechselstube. Dort fand er eine Menschenmenge vor, die sich an der Ecke der Straßen Canvis Vells und Canvis Nous vor dem kleinen Haus drängte, von dem aus Arnau seine Geschäfte geleitet hatte. Joan wich zurück.

»Da ist sein Bruder!«, rief jemand.

Mehrere Personen stürzten auf ihn zu. Joan wollte die Flucht ergreifen, entschied sich jedoch anders, als er sah, dass die Leute in einigen Schritt Entfernung stehen blieben. Wie konnten sie einen Dominikanermönch angreifen? So aufrecht wie möglich setzte er seinen Weg fort.

»Was ist mit deinem Bruder, Pfaffe?«, fragte einer Joan im Vorübergehen.

Joan blieb vor dem Mann stehen, der ihn um Haupteslänge überragte.

»Mein Name ist Bruder Joan, Inquisitor des Sanctum Officium.« Er erhob die Stimme, als er sein Amt erwähnte. »Für dich bin ich der Herr Inquisitor.«

Joan sah nach oben, dem Mann direkt in die Augen. Und was sind deine Sünden?, fragte er ihn stumm. Der Mann wich zwei Schritte zurück. Als Joan seinen Weg zu dem Haus fortsetzte, machten die Leute ihm Platz. Vor den verschlossenen Türen des Geschäfts musste er erneut rufen: »Hier ist Bruder Joan, Inquisitor des Sanctum Officium!«

Drei Angestellte von Arnau ließen ihn ein. Innen herrschte heilloses Durcheinander. Die Bücher waren auf dem zerknitterten roten Tuch verteilt, das auf dem langen Tisch seines Bruders lag. Wenn Arnau das sähe …

»Ich brauche Geld«, sagte er.

Die drei Männer sahen ihn ungläubig an.

»Wir auch« antwortete der Älteste, Remigi, der Guillem ersetzt hatte.

»Was sagst du da?«

»Es ist kein einziger Sueldo mehr da, Bruder Joan.« Remigi trat an den Tisch und kippte einige Schatullen um. »Nicht ein einziger, Bruder Joan.«

»Mein Bruder hat kein Geld mehr?«

»Nichts Bares, nein. Was glaubt Ihr, was die ganzen Leute dort draußen wollen? Sie wollen ihr Geld. Seit Tagen werden wir belagert. Arnau ist immer noch sehr reich«, versuchte ihn der Angestellte zu beruhigen, »aber es ist alles investiert in Darlehen, Warengeschäfte, Transaktionen …«

»Könnt ihr nicht die Rückzahlung der Darlehen verlangen?«

»Der größte Schuldner ist der König, und Ihr wisst ja, die Truhen Seiner Majestät sind leer.«

»Gibt es sonst niemanden, der Arnau Geld schuldet?«

»Doch, viele, aber die Darlehen sind noch nicht fällig, und falls doch … Wie Ihr wisst, hat Arnau viel Geld an einfache Leute verliehen. Sie können es nicht zurückzahlen. Als sie von Arnaus Lage erfuhren, sind tatsächlich viele gekommen und haben einen Teil ihrer Schulden zurückgezahlt, so viel sie eben haben, aber es war nicht mehr als eine Geste. Wir können die Auszahlung der Einlagen nicht decken.«

Joan deutete zur Tür.

»Und wieso können sie ihr Geld zurückfordern?«

»Eigentlich können sie das nicht. Sie alle haben ihr Geld angelegt, damit Arnau es investiert, aber Geld ist feige, und die Inquisition …«

Joan hatte erneut das Grunzen des Kerkerwächters in den Ohren.

»Ich brauche Geld«, dachte er laut.

»Wie ich Euch bereits sagte: Es ist keines da«, antwortete Remigi.

»Aber ich brauche es«, beharrte Joan. »Arnau braucht es.«

Arnau brauchte Geld, vor allem aber brauchte er Ruhe, dachte Joan und sah erneut zur Tür. Dieser Aufruhr konnte ihm nur schaden. Die Leute würden denken, dass er ruiniert sei, und dann würde niemand mehr etwas auf ihn geben. Sie brauchten Unterstützung.

»Kann man nichts unternehmen, um diese Leute zu beruhigen? Können wir nichts verkaufen?«

»Wir könnten uns aus einigen Warengeschäften zurückziehen und den Anlegern Warengeschäfte vermitteln, an denen Arnau nicht beteiligt ist«, antwortete Remigi. »Aber ohne seine Ermächtigung …«