Es war vorgesehen, dass die Sklaven mit den ersten Lieferungen des Jahres 1349 eintreffen sollten. Es stand eine Menge Geld auf dem Spiel, und falls etwas schiefging, war Arnaus Name bei den Handelspartnern, mit denen er in Zukunft zusammenarbeiten musste, mit einem Makel behaftet – da mochte Hasdai noch so sehr für ihn bürgen. Er hatte die Wechselbriefe unterzeichnet, und selbst wenn Hasdai als Bürge eintrat, kannte der Handel keinen Pardon, wenn ein Wechsel nicht bezahlt wurde. Die Beziehungen mit den Handelspartnern in fernen Ländern beruhten auf Vertrauen, blindem Vertrauen. Wie sollte sich ein Geldwechsler behaupten, der sein erstes Geschäft in den Sand setzte?
»Er hat mir gesagt, wir sollen alle Routen über Mallorca meiden«, gestand er eines Tages Hasdai, dem Einzigen, mit dem er offen reden konnte.
Die beiden saßen im Garten des Juden. Sie vermieden es, sich anzusehen, doch sie wussten, dass sie in diesem Augenblick dasselbe dachten. Vier Sklavenschiffe! Dieses Unternehmen konnte sogar Hasdai ruinieren.
»Was soll aus dem Handel und dem Wohlstand der Katalanen werden, wenn König Jaime nicht einmal in der Lage ist, sein Wort zu halten, das er am Tag seiner Kapitulation gegeben hat?«, fragte Guillem und sah Hasdai an.
Hasdai antwortete nicht. Was sollte er sagen?
»Vielleicht wählen deine Händler einen anderen Hafen«, sagte er schließlich.
»Barcelona?«, fragte Guillem und wiegte zweifelnd den Kopf.
»Niemand konnte so etwas vorhersehen«, versuchte ihn der Jude zu beruhigen.
Arnau hatte seine Kinder vor dem sicheren Tod gerettet, das tröstete ihn über alles andere hinweg.
Im Mai 1349 entsandte König Pedro die katalanische Flotte nach Mallorca, mitten in der Seefahrts- und Handelssaison.
»Zum Glück haben wir kein Schiff nach Mallorca geschickt«, bemerkte Arnau eines Tages.
Guillem blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.
»Was würde geschehen, wenn wir es getan hätten?«, wollte Arnau wissen.
»Wie meinst du das?«
»Wir haben Geld von den Leuten erhalten und es in Warengeschäfte investiert. Wenn wir ein Schiff nach Mallorca geschickt hätten und es dort von König Jaime aufgebracht worden wäre, hätten wir weder das Geld noch die Waren und könnten die Einlagen nicht zurückzahlen. Wir tragen das Risiko für die Warengeschäfte. Was würde dann geschehen?«
»Bankrott«, antwortete Guillem düster.
»Bankrott?«
»Wenn ein Geldwechsler die Einlagen nicht zurückzahlen kann, gewährt ihm der Magistrat eine Frist von sechs Monaten, um seine Schulden zu begleichen. Hat er die Ausstände nach dieser Frist nicht beglichen, wird er bankrott erklärt und bei Wasser und Brot eingekerkert. Sein Besitz wird verkauft, um seine Gläubiger auszuzahlen …«
»Ich habe keinen Besitz.«
»Wenn der Besitz nicht ausreicht, um die Schulden zu begleichen«, erklärte Guillem weiter, »wird ihm vor seiner Wechselstube der Kopf abgeschlagen, als abschreckendes Beispiel für die übrigen Geldwechsler.«
Arnau schwieg.
Guillem wagte es nicht, ihn anzusehen. Was konnte Arnau zu all dem?
»Keine Sorge«, versuchte er ihn zu beruhigen. »Das wird nicht geschehen.«
35
Der Krieg auf Mallorca ging weiter, doch Arnau war glücklich. Wenn in der Wechselstube nichts zu tun war, ging er zum Eingang und lehnte sich in den Türrahmen. Nach der Pest erwachte Santa María zu neuem Leben. Die kleine romanische Kirche, die er und Joanet kennengelernt hatten, existierte nicht mehr, und die Bauarbeiten schritten in Richtung Hauptportal voran. Er konnte stundenlang zusehen, wie die Maurer Stein auf Stein setzten, während er an die vielen Steine dachte, die er herangeschleppt hatte. Santa María bedeutete alles für Arnau: seine Mutter, sein Eintritt in die Zunft … Sie hatte sogar als Zuflucht für die jüdischen Kinder gedient. Gelegentlich erhielt er zu seiner großen Freude einen Brief von seinem Bruder. Joans Nachrichten waren jedoch kurz. In ihnen teilte er Arnau lediglich mit, dass er sich bei guter Gesundheit befinde und voll und ganz mit seinem Studium beschäftigt sei.
Ein Bastaix erschien, einen Stein auf dem Rücken. Nur wenige hatten die Seuche überlebt. Sein eigener Schwiegervater, Ramon und viele andere waren gestorben. Arnau hatte am Strand mit seinen ehemaligen Zunftbrüdern geweint.
»Sebastià«, murmelte er, als er den Bastaix erkannte.
»Was sagst du?«, hörte er Guillem hinter sich fragen. Arnau antwortete, ohne sich umzudrehen.
»Sebastià«, wiederholte er. »Dieser Mann dort, der den Stein schleppt, heißt Sebastià.«
Sebastià grüßte, als er an ihm vorbeiging, ohne den Kopf zu drehen, den Blick unter dem Gewicht des Steins starr geradeaus gerichtet, die Lippen fest aufeinandergepresst.
»Viele Jahre lang habe ich das Gleiche gemacht«, fuhr Arnau mit leiser Stimme fort. Guillem sagte nichts. »Ich war erst vierzehn Jahre alt, als ich meinen ersten Stein zu der Jungfrau brachte.« In diesem Augenblick kam ein weiterer Bastaix vorbei. Arnau grüßte ihn. »Ich dachte, mein Rückgrat würde entzweibrechen, aber das Glück, das ich empfand, als ich ankam … Mein Gott!«
»Eure Jungfrau muss etwas Besonderes sein, wenn die Leute sich so für sie aufopfern«, hörte er den Mauren sagen.
Dann schwiegen die beiden, während die Prozession der Bastaixos an ihnen vorüberzog.
Die Bastaixos waren die Ersten, die zu Arnau kamen.
»Wir brauchen Geld«, sagte Sebastià, der nun Zunftmeister war, ohne Umschweife. »Die Kasse ist leer, die Not ist groß und die Arbeit im Moment wenig und schlecht bezahlt. Die Zunftmitglieder wissen nach der Pest nicht, wovon sie leben sollen, und bis sie sich von dem Unglück erholt haben, kann ich sie nicht zwingen, in die Kasse einzubezahlen.«
Arnau sah Guillem an, der unbewegt neben ihm hinter dem Tisch saß, auf dem das rot schimmernde Seidentuch lag.
»So schlimm ist die Lage?«, fragte Arnau.
»Du kannst es dir nicht vorstellen. Bei den gestiegenen Lebensmittelpreisen reicht unser Verdienst nicht aus, um unsere Familien zu ernähren. Und dann sind da die Witwen und Waisen derjenigen, die gestorben sind. Man muss ihnen helfen. Wir brauchen Geld, Arnau. Wir werden es dir bis auf die letzte Münze zurückzahlen.«
»Ich weiß.«
Arnau sah erneut hinüber zu Guillem, um seine Zustimmung einzuholen. Was wusste er selbst schon von Darlehen? Bislang hatte er nur Geld angenommen. Noch nie hatte er welches verliehen.
Guillem stützte den Kopf in die Hände und seufzte.
»Wenn es nicht möglich ist …«, begann Sebastià.
»Doch«, unterbrach ihn Guillem. Sie befanden sich seit zwei Monaten im Krieg, und er hatte noch keine Nachrichten von seinen Sklaven. Was kam es da auf ein paar Münzen mehr oder weniger an? Es war Hasdai, der sich in den Ruin stürzte. Arnau konnte sich dieses Darlehen leisten. »Wenn meinem Herrn euer Wort genügt …«
»Es genügt mir«, sagte Arnau sofort.
Arnau zählte das Geld ab, um das ihn die Zunft der Bastaixos gebeten hatte, und überreichte es feierlich an Sebastià. Guillem sah, wie sie aufstanden und sich über den Tisch hinweg schweigend die Hand reichten, während sie ungeschickt versuchten, bei einem Händedruck, der ewig dauerte, ihre Gefühle zu verbergen.
Im dritten Kriegsmonat – Guillem hatte bereits begonnen, die Hoffnung zu verlieren – trafen die vier Händler alle gleichzeitig ein. Als der Erste von ihnen in Sizilien gelandet war und von dem Krieg mit Mallorca erfuhr, hatte er auf die Ankunft der übrigen katalanischen Schiffe gewartet, unter denen sich auch die anderen drei Galeeren befanden. Alle Kapitäne und Händler beschlossen, den Seeweg über Mallorca zu meiden, und die vier verkauften ihre Ware in Perpignan, der zweitwichtigsten Stadt des Prinzipats. Wie der Maure ihnen aufgetragen hatte, trafen sie Guillem nicht in Arnaus Wechselstube, sondern im Handelshof in der Calle Carders. Dort überreichten sie ihm nach Abzug ihres Viertelanteils am Gewinn die jeweiligen Wechselbriefe über die Einlagesumme sowie die drei Viertel, die Arnau zustanden. Es war ein Vermögen! Katalonien brauchte Arbeitskräfte und die Sklaven waren zu einem exorbitanten Preis verkauft worden.