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›Nur dein Tod wird ihn zufriedenstellen.‹

Dann werde ich eben sterben.

›Ich werde dich nicht sterben lassen. Sobald du bewußtlos bist, kontrolliere ich den Mantel wieder, und ich werde dich heilen.‹

Bleib von mir weg, wenn ich schlafe. Ich will jetzt keinen deiner Träume, und ganz bestimmt nicht deine Einmischung.

›Magst du den Schmerz?‹

Ich verabscheue den Schmerz, wissen zu müssen, daß mein Bruder mich haßt. Und ich weiß, daß ich es diesmal vielleicht verdient habe.

›Du hast nie zu leiden verdient, wenn du mir hilfst.‹

Ach, und ich dachte, du würdest mir helfen, indem wir die Kinder wach halten.

›Ich habe dir geholfen, damit du mir helfen konntest. Tu nicht so dumm und treibe keine kindischen Streitgespräche mit mir.‹

Sprichst du wirklich mit mir? Oder träume ich das auch?

›Ja. Und ja.‹

Und warum kann ich nicht aufwachen, wenn das ein Traum ist?

Kaum hatte Nafai diesen Gedanken in seinem Verstand gesprochen, als er erwachte. Oder besser gesagt träumte, daß er erwachte; denn er wußte sofort, daß er noch immer schlief, vielleicht sogar tiefer als zuvor. Und während er in seinem Schlaf dachte, er sei wach, spürte er, wie die Schnüre von seinen Händen schmolzen und erhob sich. Die Tür öffnete sich bei seiner Berührung. Er ging die Korridore entlang und sah hier und dort Menschen, die mit offenen Mündern keuchend dalagen, und keiner bemerkte ihn, als wäre er unsichtbar. Ah, dachte er. Jetzt verstehe ich. Ich bin tot, und mein Geist geht den Korridor entlang. Dann aber wurde ihm in seinem Traum klar, daß seine Handgelenke und Knöchel schmerzten und er Schwierigkeiten hatte, geradeaus zu gehen, selbst in der niedrigen Schwerkraft. Also war er doch nicht tot.

Er erreichte die Leiter und stieg sie hinauf, immer höher, zur höchsten Ebene des Raumschiffs, in der das Abschirmfeld erzeugt wurde. Doch nun hörte die Leiter nicht auf. Sie führte immer weiter hinauf, und über die nächste Öffnung erreichte er nicht den glatten Plastikboden eines der Raumschiffdecks, sondern einen Steinboden. Er trat darauf und spürte sein volles Körpergewicht, und seine Schritte bereiteten ihm Schmerzen, weil die Schwerkraft wieder normal war. Es war dunkel, eine Höhle. Hier und da hörte er Schritte, aber sie näherten sich ihm nicht. Allerdings entfernten sie sich auch nicht. Nur hastige Schritte, und er ging weiter und blieb dann stehen, und wieder erklangen hastige Schritte. Schon in Ordnung, dachte er. Folgt mir, ich habe keine Angst vor euch. Ich weiß, daß ihr da seid, aber ich weiß auch, daß ihr mir nichts tun werdet.

Er gelangte zu einem Gang und sah, daß in einer kleinen Nebenkammer der Höhle Licht brannte. Er ging dorthin, betrat den Raum und sah Dutzende von Statuen, wunderbar aus Ton geformt. Sie standen auf allen Felsvorsprüngen und überall auf dem Boden. Doch als er genauer hinschaute, sah er, daß alle Statuen beschädigt waren; sie waren hier und da so stark geglättet, daß man keine Einzelheiten mehr ausmachen konnte. Wer würde so wunderbare Arbeiten unkenntlich machen? Unkenntlich machen und doch hier stehen lassen, als handele es sich um eine geheime Schatzkammer?

Dann endlich bemerkte er eine Statue, die ganz oben und weit entfernt vom Licht stand, eine Statue, die größer als die anderen und nicht unkenntlich gemacht war. Doch nicht die Perfektion der Feinarbeiten war der Grund dafür, daß er sie entgeistert anstarrte. Es war das Gesicht selbst. Denn im Gegensatz zu den anderen Statuen, die allesamt Tiere oder Ungeheuer darstellten, handelte es sich bei ihr um den Kopf eines Menschen. Und er kannte das Gesicht. Wie konnte es auch anders sein? Seitdem er zum Mann geworden war, hatte er es in jedem Spiegel gesehen.

Nun kamen die Schritte näher, nicht mehr hastend, sondern langsam, respektvoll. Er spürte, daß eine kleine Hand ihn am Schenkel berührte. Er sah nicht hin; das war nicht nötig. Er wußte, wer es war.

Allerdings wußte er es nur in dem Traum. In Wirklichkeit hatte er nicht die geringste Ahnung, wer es sein konnte, und er versuchte, sein Traum-Ich dazu zu bringen, sich zu drehen und hinunterzuschauen und festzustellen, wer oder was ihn berührt hatte. Aber er konnte den Kopf nicht senken; er konnte sich nicht zur Seite drehen. In Wirklichkeit lag er zurückgezogen auf dem Boden, und um seinen Hals lagen zwei Seile, und er hörte Schritte, sehr laute Schritte, keine schnellen, hastenden, sondern langsame, bedächtige, und ein Licht flammte auf und blendete ihn.

Er blinzelte; dann schlug er die Augen auf. Jetzt war er wirklich wach und träumte nicht nur, wach zu sein.

»Zeit für meinen Spaziergang?« fragte er.

Ein schnelles Pfeifen, dann ein scharfer Schmerz in seinem Arm. Obwohl er es nicht wollte, schrie er auf.

»Das ist der erste«, sagte Elemaks Stimme. »Sag mir, Rasa, wieviele hast du gezählt? Wieviele haben den Eid geleistet?«

»Mach deine schmutzige Arbeit selbst«, sagte Mutters Stimme.

»Könnten es Hunderte gewesen sein?« Erneut das pfeifende Geräusch. Erneut der entsetzliche Schmerz, diesmal in den Rippen seines Rückens. Eine von ihnen brach; als er einatmete, spürte er, wie der Knochen in sein Fleisch stach. Und doch konnte er nicht aufhören zu atmen; er mußte nach Luft ringen, weil er nicht mehr genug Sauerstoff bekam; er konnte nicht mehr tief genug einatmen, um bei Bewußtsein zu bleiben.

›Heile dich.‹

»Nenne mir die Gesamtsumme, oder ich rechne diese Schläge nicht auf die Gesamtsumme an«, sagte Elemak.

»Zähl doch selbst«, sagte Rasa. »Es waren alle außer Protschnu, Obring und Mebbekew. Alle, Elemak. Denk darüber nach.«

»Er heilt sich nicht«, sagte Luet.

Nafai hörte ihre Stimme und fühlte, wie Zorn auf Elemak in ihm aufbrandete. Hielt sein Bruder sie für so schwach, daß er glaubte, ihr Geist würde zerbrechen, wenn sie erlebte, daß ihr Gatte Schmerz erleiden mußte? Was wollte Elemak damit überhaupt erreichen? Er mußte die Überseele überzeugen — oder sich ihr ergeben. Aber irgend etwas war passiert. Ein Eid.

»Das ist mir aufgefallen«, sagte Elemak. »Seine Handgelenke und Knöchel scheinen nicht besser zu werden. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß der Mantel im Augenblick nicht funktioniert oder er sich absichtlich nicht heilt, um noch jämmerlicher zu wirken, damit er mit leid tut und ich seine Fesseln löse, woraufhin er sich dann befreien und mich umbringen würde.«

Das pfeifende Geräusch. Ein weiterer Schlag, diesmal auf seinen Nacken. Nafai keuchte, als der Schmerz sein Rückgrat hinauf und wieder hinab schoß; für einen Augenblick war er vom Hals abwärts taub, und er dachte: Er hat mir das Genick gebrochen.

›Ein betäubender Schlag, mehr nicht. Ein paar Nervenschäden.‹

Warum tötet er mich nicht einfach?

›Weil ich noch einen gewissen Einfluß auf ihn habe. Genug, um ihn abzulenken, wenn er daran denkt, dich endgültig zu erledigen.‹

Dann hör auf damit. Soll er mich doch töten. Dann hat er seinen Sieg, und es wird Frieden herrschen, und alle werden besser dran sein.

›Elemak weiß es nicht, aber dich zu töten wäre das Schlimmste, was er je tun könnte. Denn dann wäre er nie imstande, dich zu besiegen.‹

Was denn? Tot ist nicht besiegt?

›Er will, daß sein Vater sagt: Du, Elemak. Ich wähle dich. Und wenn du tot bist, Nafai, kann Volemak nie mehr zwischen euch wählen. Dann wird er immer die zweite Wahl sein.‹

Wenn du irgendwelchen Anstand hast, befiehlst du Volemak, die Zauberworte zu sagen und alldem ein Ende zu machen.

›Das ist ja das Problem, Nafai. Selbst wenn Volemak es sagte, würde Elemak es nicht glauben. Denn er weiß, daß es nicht stimmt. Er weiß, daß er nicht so gut oder anständig oder klug oder stark bist wie du. Selbst wenn sein Vater sagen würde: Elemak, ich wähle dich, wüßte er, daß es gelogen wäre, denn er weiß auch, daß Volemak niemals so töricht wäre, ihm dich vorzuziehen.‹