Für dich, Protschnu, werde ich tun, was getan werden muß. Ich werde mich um deinetwegen vor Elemak erniedrigen, so unwürdig er auch ist, damit du eine Zukunft hast, damit du eines Tages die Stellung einnehmen kannst, die die Natur für dich vorgesehen hat.
»Bei der nächsten Mahlzeit in der Bibliothek«, sagte sie. »Komm dann zu mir, und mit dir an meiner Seite werde ich tun, was getan werden muß.«
Elemak war während der Mahlzeit natürlich bei ihnen. So war es jetzt ständig, seit Volemak seine Abwesenheit als Gelegenheit genutzt hatte, sich den Eid leisten zu lassen. Die Mahlzeiten waren nun spärlicher besucht. Nachdem Volemak und Rasa hatten zusehen müssen, wie Elemak Nafai verprügelte, hatten sie sich zu Bett begeben müssen. Der Sauerstoffmangel machte ihnen genauso sehr zu schaffen wie den kleinsten Kindern. Sie hatten nicht mehr die Kraft, sich zu bewegen, und diejenigen, die sie versorgten — Dol und Sevet —, berichteten, daß sie immer wieder bewußtlos wurden und häufig phantasierten. »Sie sterben«, flüsterten sie — aber so laut, daß Elemak sie während der Mahlzeiten ganz bestimmt hörte. Er zeigte keine Reaktion.
Beim Mittagsmahl am vierten Tag seines Wachseins saß Elemak allein an einem Tisch und hatte sein Essen noch nicht angerührt, als Protschnu aufstand und zu seiner Mutter ging. Elemak beobachtete ihn, und sein Gesicht verdüsterte sich. Doch allen war klar, daß Protschnu sich nicht auf die Seite seiner Mutter geschlagen hatte. Statt dessen führte er sie zu Elemak. Er mochte noch ein paar Köpfe kleiner sein als sie, beherrschte die Lage aber eindeutig. Langsam näherten sie sich dem Tisch, an dem Elemak saß.
»Mutter hat dir etwas zu sagen«, sagte Protschnu.
Plötzlich brach Eiadh in Tränen aus und fiel auf die Knie. »Elemak«, schluchzte sie, »ich schäme mich so. Ich habe mich gegen meinen Gatten gestellt.«
Elemak seufzte. »Das wird nicht klappen, Eiadh. Ich weiß, was für eine gute Schauspielerin du bist. Wie Dolja. Du kannst die Tränen auf- und abdrehen. Wie bei einem Wasserhahn.«
Sie weinte um so mehr. »Warum solltest du mir auch je wieder glauben oder vertrauen? Welch schreckliche Dinge du auch zu mir sagen willst, ich habe es verdient. Aber ich bin deine treue Frau. Ohne dich bin ich nichts. Ich würde lieber sterben, als nicht mehr Teil von dir und deinem Leben zu sein. Bitte vergib mir und nimm mich wieder auf.«
Alle sahen, wie Elemak zwischen Glauben und Skepsis schwankte. Er war nicht mehr so feinsinnig oder klug wie früher. Aufgrund des Sauerstoffmangels waren alle träge und schwer von Begriff geworden. Sie erinnerten sich zwar, daß sie früher ein gutes, schnelles Urteilsvermögen gehabt hatten, wußten aber nicht mehr, wie sie sich dabei vorgekommen waren. Elemak blinzelte langsam und Eiadh an.
»Ich weiß, wer der stärkste, beste Mann ist«, sagte sie. »Nicht der, der sich auf Tricks und Maschinen, Lügen und Täuschungen verläßt. Du bist ehrlich.«
Seine Lippen kräuselten sich vor Verachtung angesichts dieser offensichtlichen Schmeichelei. Dennoch zeigte sie Wirkung. Jemand versteht mich. Selbst, wenn sie nur leere Worte von sich gibt — jemand hat die Worte gesagt.
»Aber die Lügner haben die Oberhand. Sie sind diejenigen, die unsere Kinder als Geiseln halten, nicht du. Manchmal muß ein Mann dem Bösen nachgeben, um seine Kinder zu retten.«
Die meisten, die ihren Worten lauschten, wußten, daß sie eine Verzerrung der Wahrheit hörten. Und doch wollten sie, daß dieser Verdrehung Glauben geschenkt wurde, daß zumindest Elemak ihr glaubte. Denn wenn er ihr Glauben schenkte, würde er damit nachgeben können und in seinen Augen trotzdem noch edel und heldenhaft sein. Soll das die Version der Geschichte sein, an die Elemak glaubt, damit unsere Geschichte über diese Stunde hinausgehen kann.
»Glaubst du etwa, ich ließe mich täuschen, wenn Nafai hier wieder herumstolziert? Er und sein funkelnder Mantel, der in sein Fleisch eingebettet ist und ihn selbst wie eine Maschine aussehen läßt — ich lasse mich den Rest der Reise voller Dankbarkeit wieder in Tiefschlaf versetzen, nur um ihn nicht ansehen zu müssen. Ich will erst auf der Erde wieder erwachen, mit dir neben mir, und mit unseren Kindern, die wir noch großziehen können. Sie werden älter werden. Die Zeit wird verstreichen. Und du wirst immer noch mein Gatte sein, und ein großer Mann in den Augen aller, die die Wahrheit kennen.«
Elemak musterte sie scharf. Oder versuchte es zumindest. Dann und wann konnte er sie nur noch verschwommen erkennen.
Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch Protschnu legte eine Hand auf ihre Schulter, und sie lehnte sich zurück, auf den Knöcheln hockend, während Protschnu vortrat und so leise sprach, daß ihn außer Elemak kaum jemand hören konnte. »Suche dir den Zeitpunkt für den Kampf aus«, sagte er ruhig. »Das hast du mich in Vusadka gelehrt. Suche dir den Zeitpunkt den Kampf aus.«
Elemak antwortete genauso leise. »Sie haben bereits gesiegt, Protschnu. Als ich erwachte, hatten sie dich schon um dein Erbe betrogen. Sieh dich doch an, so jung, so klein.«
»Tu, was nötig ist, damit wir alle weiterleben, Vater. Eines Tages werde ich nicht mehr klein sein, und dann werden wir an unseren Feinden Rache nehmen.«
Elemak betrachtete sein Gesicht. »An unseren Feinden?«
»Was sie dem Vater angetan haben, haben sie auch dem Sohn angetan«, flüsterte Protschnu. »Ich werde es niemals, niemals, niemals, niemals, niemals vergessen.«
Es erfüllte Elemak mit Hoffnung, in der Stimme seines Sohnes eine solche Entschlossenheit, einen solchen Haß zu hören.
Er erhob sich. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Alle beobachteten ihn, als er Protschnu an der Hand nahm und ihn zur Leiter in der Mitte des Zimmers führte. Dort drehte er sich um. »Meb. Obring.«
Sie standen langsam auf.
»Kommt mit.«
»Und wer paßt dann auf sie auf?« fragte Obring.
»Ist mir egal«, sagte Elemak. »Ich kann sie nicht mehr sehen.«
Er stieg die Leiter hinab, und Protschnu folgte ihm; dann auch Obring und Meb.
Sie waren kaum fort, als die Frauen sich um Eiadh drängten. »Danke«, sagten sie leise. »Das war sehr tapfer von dir.« — »Du warst wunderbar.« — »Danke.« — »Danke.«
Sogar Luet nahm Eiadhs Hände in die ihren. »Heute warst du die größte aller Frauen. Dank dir ist es jetzt vorbei.«
Eiadh konnte nur das Gesicht in die Hände drücken und weinen. Denn sie hatte die Worte gehört, die Protschnu zu Elemak gesagt hatte, hatte den Haß in seiner Stimme gehört, und sie wußte, daß Protschnu nicht geschauspielert hatte wie sie, zumindest nicht jetzt. Protschnu würde den Haß seines Vaters in die nächste Generation tragen. Es war alles umsonst gewesen. Sie hatte sich für nichts erniedrigt. »Für nichts«, murmelte sie.
»Nicht für nichts«, sagte Luet. »Für unsere Kinder. Für alle Kinder. Ich sage es noch einmal, Eiadh. Heute warst du die größte aller Frauen.«
Luet kniete neben ihr nieder; Eiadh griff nach ihr und weinte an ihrer Schulter.
Die Tür wurde geöffnet, und das Licht ging an. Nafais Augen gewöhnten sich schnell daran. Elemak, Mebbekew, Obring und Eljas Sohn Protschnu. Er sah den Haß in ihren Augen, in ihrer aller Augen.
Sie sind gekommen, mich zu töten.
Zu Nafais Überraschung war dieser Gedanke keine Erleichterung für ihn. Trotz aller verzweifelter Worte, die er zu der Überseele gesagt hatte, wollte er in Wirklichkeit nicht sterben. Aber er würde sterben; er würde sich dem Tod unterwerfen, wenn dies den Frieden brachte.