Zu seiner Überraschung kniete Elemak zu seinen Füßen nieder und fummelte an den Knoten um seine Knöchel herum. Mebbekew tat es ihm gleich und lockerte die Fesseln um seine Handgelenke.
Seine Haut war an diesen Stellen wund, und ihr grobes Vorgehen scheuerte sie weiter auf. Nachdem er mißhandelt worden war, hatte die Überseele den Mantel veranlaßt, ihn zu heilen; danach aber hatte Nafai die neuerlichen Entzündungen an seinen Fuß- und Handgelenken nicht mehr geheilt. Nun war der Augenblick, da ihm Erleichterung verschafft wurde, beinahe unerträglich schmerzhaft.
»Wir haben einen Eid abgelegt«, sagte Elemak leise. »Den Eid, den Vater von jedem auf diesem Schiff verlangt hat. Er ist der einzige Herrscher dieser Kolonie. Niemand ist sein Stellvertreter oder Berater oder hat irgendeinen anderen Posten inne, der Macht verschleiert. Er wird herrschen. Ich habe den Eid geleistet, und Meb und Obring ebenfalls. Und mein Sohn Protschnu. Solange Volemak lebt, gehorchen wir ihm und keinem anderen.«
»Das ist ein guter Eid«, sagte Nafai sanft. Er fügte nicht hinzu: Wenn ihr ihn nur eher geleistet und danach gelebt hättet, wie ich es von Kindheit an getan habe. Das hätte uns sehr viel Ärger erspart.
»Du kannst jetzt zu ihm gehen und den Eid ebenfalls ablegen«, sagte Meb.
Die Stricke um seinen Hals, die Stricke, die seinen Körper schmerzhaft zurückgebogen hatten, wurden plötzlich gelöst. Schmerz schoß seinen Rücken hinauf und hinab. Er stöhnte auf.
»Hör mit der Schauspielerei auf«, sagte Meb verächtlich. »Wir wissen, daß du dich jederzeit sofort heilen könntest.«
Seine Füße und Hände waren taub; sie fühlten sich wie schwere, träge Keulen an und gehorchten seinen Befehlen nicht. Als er sich auf den Bauch rollte, schmerzte sein Rücken, und er konnte sich kaum auf die Knie erheben. Er stützte sich an der Wand ab und stand schließlich auf unsicheren Beinen. »Wo ist Vater?« fragte er. »Ich muß zu ihm und den Eid ablegen.«
»Ojkib und Chveja haben den Eid auch noch nicht abgelegt«, sagte Obring.
»Dann hole sie«, antwortete Elemak verächtlich. »Wartest du noch immer darauf, daß ich dir einen Befehl erteile? Ich habe hier nichts mehr zu sagen.«
»Und ich auch nicht«, erklärte Nafai.
Aber das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Der Mantel teilte ihm bereits die Informationen mit, die er brauchte. »In den Reservespeichern ist noch genug Sauerstoff, daß wir zwei Stunden lang normal atmen können. Das genügt, um den Sauerstoffgehalt im Blut eines jeden auf das übliche Niveau zu bringen. Anschließend können wir alle uns in den Tiefschlaf begeben. Dann kann das Schiff seine Vorräte auffüllen, bevor es uns wieder weckt.«
Elemak lachte häßlich. »Was denn? Willst du uns nicht versprechen, daß wir schlafen, bis wir die Erde erreichen?«
»Ich werde den Unterricht der Kinder dort fortsetzen, wo wir aufgehört haben«, sagte Nafai. »Falls Vater es mir aufträgt.«
»Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß er alles sagt, was du ihm aufträgst.«
»Dann kennst du ihn oder mich wirklich nicht. Denn Vater wird sagen, was die Überseele ihm aufträgt, und sonst nichts.«
»Ach, wir wollen nicht streiten, Nafai«, sagte Elemak mit übertriebener Fröhlichkeit. »Wir müssen jetzt Freunde sein.«
Nafai ging schweigend, stützte sich immer wieder an den Wänden ab und war dankbar für die geringe Schwerkraft. »Elemak, willst du das wirklich für Protschnu?« fragte er irgendwann. »Willst du ihn mit diesem ständigen Haß füttern?«
»Haß ist die beste Nahrung«, sagte Elemak. »Sie macht einen stark, sie gibt einem Kraft. Und ich habe eine ganze Festtafel davon, an der meine Kinder sich nähren können.«
»Schaffe Frieden zwischen deinen Kindern und meinen, Elja«, sagte Nafai.
»Zwischen deinen großen und meinen kleinen Kindern?« fragte Elemak. »Natürlich wird Friede herrschen, genau, wie zwischen dem Löwen und der Fliege Friede herrscht.«
Sie erreichten die Tür zu Volemaks und Rasas Raum in demselben Augenblick, als Obring mit Ojkib und Chveja dort eintraf. Wortlos umarmte Chveja ihren Vater, und er stützte sich auf sie, als sie den Raum betraten.
Nafai kniete nieder und leistete den Eid, hielt dabei die Hand seines Vaters. Chveja und Ojkib taten es ihm gleich.
»Dann ist es vollbracht«, sagte Volemak schwach von seinem Bett aus. »Alle haben den Eid geleistet. Gib uns wieder Sauerstoff und laß uns weiterschlafen.«
Schon nach ein paar Sekunden spürten sie alle den Unterschied. Sie konnten wieder tief durchatmen, und nach kurzer Zeit machte ihr Keuchen und Luftschnappen sie trunken vor Sauerstoff und schwach vor Luft. Dann paßten ihre Körper sich an; ihre Atmung wurde wieder normal. Es war, als wäre stets alles in Ordnung gewesen. Mütter weinten bei ihren Kindern, die jetzt wieder normal atmeten. Kinder lachten und jauchzten und tollten herum, nur weil ihnen endlich wieder normales Atmen möglich war.
Doch schon lange, bevor die zwei Stunden verstrichen waren, hatte das Lachen und Rufen wieder aufgehört. Die Eltern brachten ihre Kinder in die Schlafkammern. Dann schickten Zdorab und Schedemei alle Erwachsenen schlafen, außer Nafai, der sich von den anderen abgesondert hielt, um nicht unnötigerweise Elemak und die aufzubringen, die seine Niederlage bedauerten.
Erneut standen Nafai und Schedemei über der Kammer, in der Zdorab lag. »Vergib mir, Nafai«, sagte Zdorab.
»Das habe ich bereits«, sagte Nafai. »Luet hat mir erklärt, was du damals gedacht hast. Und wie sehr du es später bedauert hast.«
»Keine weiteren Überraschungen«, sagte Zdorab. »Ich stehe bis zu meinem Tod zu dir.«
»Dein Eid gilt meinem Vater«, sagte Nafai. »Aber ich freue mich über deine Freundschaft, und du kannst dir auch der meinen sicher sein.«
Als Nafai mit Schedemei allein war, konnte er endlich die aufgescheuerten Stellen an seinen Hand- und Fußgelenken heilen. »Wer hätte das gedacht«, sagte er.
»Was?« fragte sie.
»Daß Zdorabs Fehler etwas bewirkt hat, das andernfalls unmöglich gewesen wäre.«
»Und was ist das?«
»Ich habe damit gerechnet, daß Elemak außer Kontrolle geraten und einen Krieg anzetteln wird, sobald wir die Erde erreicht haben. Ich glaube, auch die Überseele hat das erwartet. Doch nun haben wir den Krieg bereits gehabt, und ich glaube, der Friede wird halten.«
»Bis dein Vater stirbt«, sagte Schedemei nachdrücklich.
»Vater ist noch nicht alt«, sagte Nafai. »Diese Einigung verschafft uns Zeit. Wer weiß, was in den kommenden Jahren noch alles geschehen wird?«
»Ich möchte keinen Anteil daran haben«, sagte Schedemei.
»Diese Entscheidung kommt ein wenig spät«, sagte Nafai.
»Ich möchte an der Auseinandersetzung keinen Anteil haben«, wiederholte Schedemei. »An dem Kampf. Ich bin mitgekommen, mich um den Garten zu kümmern.« Sie lachte ein wenig spöttisch. »Um mit dem pflanzlichen und tierischen Leben auf der Erde herumzupfuschen. Das ist der Traum, den der Hüter mir geschickt hat. Es ist bei mir nicht wie bei den anderen. Ich bin nur die Gärtnerin.«
»Nur? Du wirst die wichtigste Person von uns allen sein.«
»Weißt du, ich habe dich auch belogen, Nafai. Als ich dir sagte, Vettern und Kusinen könnten ungefährdet heiraten. Genau wie Zdorab habe ich etwas verschwiegen.«
»Das ist schon in Ordnung«, sagte Nafai. »Jeder verschweigt etwas, ob er es nun weiß oder nicht.«
»Aber eure Kinder … die Konsequenzen könnten schrecklich sein.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Nafai.
»Ach.« Schedemei verzog das Gesicht. »Also hat die Überseele mir gesagt, was ich sagen soll?«
»Es vorgeschlagen. Jedes einzelne Wort war die Wahrheit.«
Schedemei lachte sarkastisch. »Oder zumindest so wahr wie jedes andere Wort der Überseele.«