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»Ich vertraue ihr«, sagte Nafai.

»Du vertraust darauf, daß sie alles sagt, was nötig ist, um ihr Ziel zu erreichen«, sagte Schedemei. »Darüber hinaus kann man ihr nicht vertrauen.«

»Ach, weißt du, Schedja, die Ziele der Überseele sind auch meine Ziele. Also kann ich ihr völlig vertrauen.«

Sie tätschelte seine Wange. »Da du während der Reise ständig wach warst, magst du rein formal jetzt etwa so alt sein wie ich. Aber ich muß sagen, Njef, du hast noch viel zu lernen.«

Mit diesen Worten schwang sie sich in ihre Kammer. Nafai hob das Seitenstück, verschloß es und leitete dann den Tiefschlafprozeß ein. Der Deckel klappte zu. Er beobachtete, wie sie in dem luftdichten Abteil einschlief. Er war wieder allein.

›Ich kann den Sauerstoffgehalt nur noch fünfzehn Minuten auf dieser Höhe halten, dann ist der Vorrat aufgebraucht.‹

Ich beeile mich.

›Alles hat ziemlich gut geklappt, meinst du nicht auch?‹

Weißt du was? Sprich in der nächsten Zeit einfach nicht mehr mit mir. Laß mich mit meinen eigenen Gedanken in meinem Kopf einschlafen.

›Wie du willst. Aber das wird dir ziemlich seltsam vorkommen.‹

Damit werde ich schon fertig.

›Weil du noch nie in deinem Leben ohne mich schlafen gegangen bist.‹

Dann wünschte ich, du wärest eine bessere Gesellschaft gewesen.

›Nur zu, sei wütend auf mich. Aber vergiß nicht, daß ich Elemak nicht so geschaffen habe, wie er ist. Hätte er bessere Entscheidungen getroffen, wäre er von Geburt her ein besserer Mensch, wäre er jetzt an deiner Stelle und würde den Mantel des Herrn der Sterne tragen.‹

Ich wünschte, er würde ihn tragen.

›Ja, das meinst du ernst. Du willst wirklich nicht die Verantwortung oder die Macht haben. Und doch hast du beides angenommen, weil jemand sie annehmen mußte und nur du zur Verfügung standest. Nicht gegen deinen Willen, aber gegen deine Wünsche und dein besseres Wissen. Deshalb habe ich dich zu dem Mantel geführt. Denn hättest du verstanden, worum es sich dabei handelt, hättest du niemals danach gegriffen.‹

Ich bin nur die Marionette, die du brauchst, nicht wahr?

›Du bist überhaupt keine Marionette. Marionetten sind nutzlos für mich. Ich brauche freiwillige Freunde und Verbündete.‹

Laß mich in Frieden schlafen, und wenn ich aufwache, werde ich vielleicht wieder ein freiwilliger Verbündeter sein.

›Schlafe gut, mein Freund. Vor uns liegt noch ein langer Weg.‹

Der Himmelsbildschirm in der Bibliothek zeigte sie, die Erdkugel, blau und weiß, mit braunen und grünen Stellen hier und da. Da sie während des Starts geschlafen hatten, hatten sie noch nie eine Welt auf diese Weise gesehen, als Kugel, die im Schwarz der Nacht trieb.

»Wie ein Mond«, sagte Chveja.

Ojkib griff nach ihr und nahm ihre Hand. Sie schaute zu ihm auf und lächelte. Die letzten dreieinhalb Jahre waren sowohl wunderbar als auch entsetzlich gewesen — zu wissen, daß er sie liebte, und auch zu wissen, daß es unmöglich war, sie zu heiraten und während der Reise Kinder zu bekommen. Sie sprachen nicht darüber, was sie empfanden; so war es für beide einfacher. Die anderen hatten genauso diskret Pärchen gebildet. Doch während sie nun Erkundigungen einzogen und die Erde immer und immer wieder umkreisten, die Berichte lasen, welche die Instrumente lieferten, die Karten studierten, nach einer Landestelle suchten, darauf warteten, daß die Überseele eine Entscheidung traf oder der Hüter der Erde ihnen einen Traum schickte, der ihnen verriet, was sie tun sollten, war es für Ojkib unmöglich, nicht an Chveja zu denken und daran, was vor ihnen lag. Eine neue Welt, harte Arbeit, Ackerbau und Forschungen — und wer konnte schon wissen, welche Gefahren ihnen von Krankheiten oder Tieren oder dem Wetter drohte? Aber dagegen stand der Gedanke von Chveja in seinen Armen, von Kindern, von dem Beginn eines neuen Kreislaufs, davon, Teil der lebenden Welt zu sein.

»Wir sind einmal in Schande und Furcht von dieser Welt geflohen«, sagte Chveja. »Wir haben sie einmal verschmutzt und uns gegenseitig abgeschlachtet.«

Sie mußte nicht hinzufügen, daß sie befürchtete, es könne wieder von vorn geschehen. Sie alle wußten, daß die Zeit des echten Friedens vorbei war und daß die Spannungen unter der Höflichkeit deutlich hervortreten würden, selbst wenn der Eid an Volemak Bestand hatte. Und wie lange würde Volemak leben? Dann würde es vielleicht wieder zu einem Krieg kommen. Dann wurde auf der Erde vielleicht erneut menschliches Blut vergossen.

Ojkib hörte, wie Chveja mit der Überseele sprach. Warum hast du uns hierher gebracht, wenn wir nicht besser und klüger sind als diejenigen, die von hier aufgebrochen sind?

»Aber das sind wir doch«, sagte Ojkib. »Besser und klüger, meine ich.«

Sie drehte sich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm um. »Was tust du? Damals, während der Krise, hast du so wissend gesprochen. Darüber, was die Überseele wollte. Was Nafai wollte, obwohl du gar nicht mit ihm darüber geredet hattest. Was also tust du?«

»Ich lausche«, sagte er. »So war es schon mein Leben lang. Ich höre alles, was auf den Kanälen der Überseele gesprochen wird. Was sie sagt. Was du sagst.«

Sie schaute entsetzt drein. Ist das wahr? fragte sie die Überseele. Das ist ja schrecklich!

»Jetzt weißt du, warum ich es nie jemandem erzählt habe. Obwohl ich es während der Krise sehr deutlich gezeigt habe. Es überrascht mich, daß niemand darauf gekommen ist.«

»Was ich zu der Überseele sage, ist so … privat.«

»Das weiß ich«, sagte Ojkib. »Ich habe auch nicht darum gebeten, es zu hören. Ich kann es einfach. Ich wuchs auf und wußte viel mehr, als irgendein Kind wissen sollte. Ich weiß, was im Leben anderer Menschen vorgeht, und zwar in einem Ausmaß, das … na ja, sagen wir einfach, ich würde den Leuten viel lieber glauben, was sie sagen, als genau zu wissen, was sie wirklich bekümmert. Oder was die Überseele mit denen anstellen muß, die nie mit ihr sprechen, um zu verhindern, daß sie das Schlimmste tun, was sie gern täten. Ich trage keine besonders angenehme Last.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Chveja. »Na ja, vielleicht auch nicht. Ich versuche im Augenblick gar nicht, es mir vorzustellen. Ich versuche mich nur daran zu erinnern, was ich der Überseele alles gesagt habe, welche Geheimnisse du kennst.«

»Ich werde dir ein Geheimnis verraten, das ich kenne, Veja. Ich weiß, daß von allen Leuten auf diesem Sternenschiff keiner ehrlicher und besser ist als du, liebevoller und sorgfältiger darauf bedacht, die Gefühle anderer Menschen nicht zu verletzen. Von allen Personen auf diesem Schiff gibt es niemanden, der so in Frieden mit sich selbst lebt, niemanden, der weniger zu der Last der Scham und Schuld beiträgt, die ich mit mir herumtrage. Von allen Leuten auf diesem Schiff bist du die einzige, Veja, der ich gern auf ewig nahe sein würde, weil alle deine Geheimnisse so strahlend und gut sind und ich dich deshalb liebe.«

»Einige meiner Geheimnisse sind nicht strahlend und gut, du Lügner.«

»Ganz im Gegenteil. Die bösen Geheimnisse, derer du dich so schämst, sind für mich ganz sanft und kläglich, denn ich habe das wirkliche Böse in einem Ausmaß gesehen, von dem ich hoffe, daß du es nie erfahren wirst. Für mich sind selbst deine dunkelsten, schändlichsten Geheimnisse betörend schön.«

»Ich glaube«, sagte Chveja, »du redest gerade darum herum, daß du mich heiraten willst.«

»Als ob das jemals ein Geheimnis für dich sein könnte, wo du doch genau wie Tante Huschidh die Verbindung zwischen den einzelnen Menschen siehst. Da mußt gerade du von einem Eindringen in die Privatsphäre sprechen.«

»Ich kenne dein Geheimnis, Okja«, sagte sie lächelnd, drehte sich zu ihm um, legte die Arme um seine Taille und zog seine Hüften an die ihren. »Ich weiß, was du willst. Ich weiß, wie sehr du mich liebst. Ich sehe, daß wir von hellen Banden zusammengefügt werden, so eng, daß es kein Entkommen gibt, solange wir leben. Du bist mein Gefangener, und ich werde niemals Gnade zeigen und dich gehen lassen.«