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»Diese Bande sind keine Fesseln, Veja«, sagte Ojkib. »Sie sind die Freiheit. Die ganze Reise über war ich in Gefangenschaft, weil ich dich nicht haben konnte. Wenn wir diese neue Welt betreten, diese alte Welt, und ich endlich offen mit dir verbunden bin, damit wir unser gemeinsames Leben beginnen können — dann wurde ich wirklich befreit.«

»Meine Antwort lautet ja«, sagte sie.

»Ich weiß«, sagte er. »Ich habe gehört, wie du es der Überseele gesagt hast.«

ZWEITER TEIL

Landung

9

Beobachter

Es gab viel für einen jungen Mann zu tun. Die Gemeinschaft trug ihm eine Menge Pflichten auf, selbst wenn er bereits verheiratet war, sogar mit einer so bemerkenswerten Frau wie Iguo. Da pTo außerordentlich gefördert wurde, erwartete das Volk ausgezeichnete Leistungen und eine Vorbildfunktion als junger Mann von ihm.

Na ja, vielleicht nicht das ganze Volk. Viele erwarteten von pTo bestenfalls eine Enttäuschung, schlimmstenfalls einen Skandal. Er war zu jung. Iguo hatte nur deshalb einen Knaben geheiratet, weil ihre Urgroßmutter Upua dasselbe mit Kiti getan hatte. Es war bei den Frauen dieser Linie irgendwie zu einer Familientradition geworden, Männer zu heiraten, die zu jung waren — und pTo war kein Kiti, wie viele sehr bald klarstellten.

»Weißt du, du bist kein Kiti«, sagte Poto, pTos eigenes Ander-Ich.

»Was dich betrifft, ganz bestimmt nicht«, sagte pTo. »Sein Ander-Ich war in dem Jahr, als er die Skulptur schuf und von Upua erwählt wurde, schon tot.«

»Du kannst nicht so verrückte Dinge tun. Sie werden dir gar nichts verzeihen. Wenn du ein hervorragender Mann bist, werden sie behaupten, du wärest arrogant. Wenn du zögerst, werden sie sagen, du hättest dich übernommen. Wenn du freundlich bist, werden sie sagen, du wärest herablassend. Wenn du zurückhaltend bist, werden sie sagen, du wärest arrogant.«

»Also kann ich doch gleich tun, was mir beliebt.«

»Bedenke nur, daß du auch meinen Namen durch den Dreck ziehst. Wenn du verrückt bist — was bin dann ich?«

»Ein hilfloses Opfer meines Wahnsinns«, sagte pTo. »Ich will zum Turm gehen.«

Sie hockten auf dem kräftigen Ast eines Baumes und paßten auf eine Herde fetter Truthähne auf. Die Truthähne waren durchaus fügsam; denn sie waren zu dumm, um zu wissen, welches Schicksal das Volk ihnen zugedacht hatte. Die Gefahr ging von den Teufeln aus, die nichts lieber taten, als Tiere aus den Herden des Volkes zu rauben. Teufel waren faule Geschöpfe und arbeiteten niemals, wenn sie nicht gerade ihre häßlichen kleinen Löcher in den Boden gruben und die Herzen von Bäumen ausschnitzten. Während der Jahreszeit der Geburten traten sie in Scharen auf und stahlen manchmal bis zu einem Drittel der Neugeborenen eines jeden Jahrgangs; deshalb hatten auch so viele vom Volk ihr Ander-Ich verloren. Doch für den Rest des Jahres über waren sie hinter den Tierherden her.

»Wir haben Wache«, sagte Poto.

»Wir bewachen das Falsche«, beharrte pTo. »Die Alten im Turm sind die wichtigsten Geschöpfe auf der Welt.«

»Boboi sagt, daß sie unsere Feinde sind.«

»Warum hat man dem Ahnherr meiner Frau das Gesicht eines Alten gezeigt, wenn sie nicht unsere Freunde sind?«

»Um uns zu warnen«, sagte Poto.

»Die Alten kennen Geheimnisse, und wenn wir nicht Freundschaft mit ihnen schließen, werden sie diese Geheimnisse den Teufeln geben. Dann werden wir sie wirklich zum Feind haben.«

»Es ist verboten«, sagte Poto, »und wir haben hier Pflichten. Und ganz gleich, wie alt du warst, als du geheiratet wurdest — du bist nicht Kiti.«

pTo wußte, daß sein Ander-Ich recht hatte. Er hatte meistens recht. Aber pTo konnte es nicht ertragen, ihm dies einzugestehen, denn er wußte: wenn nicht er etwas über die Alten in Erfahrung bringen würde, dann niemand. Niemand sonst wagte es. »Ich bin nicht Kiti«, sagte pTo, »aber ich bin auch der einzige Mann, der keine Angst hat, daß er von allen Frauen zurückgewiesen wird, weil er über Bobois Verbot lacht, die Alten zu besuchen.«

»Du bist nicht der einzige Verheiratete.«

»Du weißt, was ich meine. Die älteren Männer wollen nicht gehen. Sie werden ziemlich langsam und ziemlich fett. Es ist zu gefährlich für sie, ins Herz des Teufelslandes hinabzusteigen.«

Einer der Truthähne kam zum Schluß — wie es bei Truthähnen nun mal der Fall ist —, daß er dringend ins Unterholz mußte, und er fing plötzlich zu kollern und zu laufen an. Wortlos glitt Poto vom Ast hinab und flog schreiend vor den Vogel. Das Tier blieb stehen und schaute den Mann dumm an, der in der Luft vor ihm schwebte und mit den Schwingen schlug. Poto ließ sich zu Boden fallen, sprang dann wieder hoch und trat den Truthahn dabei gegen den Kopf. Das Tier kreischte, drehte sich um und trottete zur Herde zurück.

Als Poto sich wieder neben pTo auf dem Ast niederließ, konnte dieser nicht widerstehen. »Was du gerade mit dem Truthahn gemacht hast, macht Boboi mit allen Männern.«

Poto seufzte. »Kannst du nicht Frieden geben, pTo?«

»Ich will damit sagen, Poto, daß ich fliegen werde. Du kannst dich allein um die Herde kümmern.«

»Wir hüten die Herden zu zweit, weil ein Mann auf die Truthähne aufpassen muß und der andere auf seinen Gefährten, damit er nicht überrascht wird.«

»Dann begleite mich«, sagte pTo. »Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich Angst habe, allein zu gehen.«

»Ich habe Angst, überhaupt zu gehen, und das sollte bei dir nicht anders sein.«

»Dann leb wohl, mein Ander-Ich, mein Besserwisser. Vielleicht wird meine Iguo dich heiraten, wenn ich tot bin.« In der alten Zeit wären sie bereits beide mit ihr verheiratet. Manchmal wünschte pTo sich, dieser Brauch hätte sich erhalten.

»Ja, für dich ist alles ein Gedicht«, sagte Poto verächtlich, aber pTo war nicht taub, was die Gefühle hinter Potos harten Worten betraf.

»Über meinen Tod, so ich denn sterbe, werden die Dichter singen.«

»Lieber ein Leben führen, an das die Kinder mit Freude zurückdenken, als einen Tod zu erleiden, an den die Dichter sich mit Liedern erinnern.«

»Kaum zu glauben, daß du kein alter Mann bist, wenn du so einen Unsinn zitierst.«

»Geh los, wenn du unbedingt gehen mußt.«

Augenblicklich sprang pTo von dem Ast. Sein Gleitflug hatte kaum begonnen, als er sich höher schwang und schließlich über den Baumwipfeln kreiste. »Paß auf deinen Rücken auf, Gehorsamer!« rief er zu Poto hinab.

»Nein!« rief Poto, nun wirklich wütend. »Ich werde deine Arbeit nicht für dich tun!«

Seine Worte saßen, doch pTo flog weiter, das Tal entlang. Er wußte, daß die anderen ihn sehen würden. Und er wußte auch, daß Poto sich zwar so hoch oben im Tal befand, daß ihm kaum Gefahr drohte, die anderen aber trotzdem sagen würden, er sei so unnatürlich, daß er nicht mal sein Ander-Ich liebte. Sollten sie doch sagen, was sie wollten. Boboi irrte sich. Es war eine große Gefahr, die Alten zu ignorieren. pTo würde sie studieren und alles über sie in Erfahrung bringen, vielleicht sogar ein Gespräch mit ihnen anfangen. Ihre Sprache lernen. Ihr Freund werden. Ihre uralten Geheimnisse zurückholen. Es war besser, dem Volk Wissen statt wertloser Schmuckstücke zu bringen. Ihr Schatz an Artefakten der Alten war nicht groß, aber es hatte vieler Generationen bedurft, um ihn zusammenzutragen. Doch er war wertlos, denn nichts davon hatte irgendeine Bedeutung. Sie benötigten Wissen, mußten Kenntnisse sammeln. Und nicht die Teufel dürfen sie bekommen, dachte pTo, sondern wir.