Wie viele Halme? Einer. Zwei. Drei. Es dauerte immer einen Augenblick, einen abzubrechen und neben den ersten zu legen. Wie viele Augenblicke hatte er? Vier. Fünf. Wie viele Halme brauchte er? Sechs. Sieben. Waren sie alle reif? Oder würde er nur unreife nach Hause bringen, die ihn in eine peinliche Lage versetzen würden? Acht. Neun.
Genug. Geschafft. Flieg los.
Er umschloß die Halme mit einem Fuß, ging in die Hocke und sprang dann mit aller Kraft hoch. Seine Schwingen konnten sich in dem Gras kaum ausbreiten, so daß er sie erst zu voller Länge entfalten konnte, nachdem er sich über die Halme erhoben hatte, und dann mußte er all seine Kraft aufbringen, um sich in die Luft zu stoßen und höher zu steigen. Für einen entsetzlichen Augenblick schwebte er auf der Höhe der Spitzen der Grashalme und bewegte sich vorwärts, aber nicht höher. Unter ihm sah er Augen — vier, sechs, acht —, die im Mondschein leuchteten und zu ihm hochsprangen, als er über sie hinwegglitt. Wären sie größer gewesen, oder wäre pTo langsamer gewesen, würde er jetzt zwischen den Halmen liegen, während sie seinen Körper zerfetzten und die Stücke dann in ihre Löcher trugen, um sie mit ihren dreckigen, fleischessenden Gefährten zu teilen.
Aber sie waren nicht größer, und pTo war nicht langsamer, und so erhob er sich in die Luft und flog zum Dorf der Alten. Er mußte eins der Gebäude berühren, die nicht aus Holz bestanden. Aber das war nicht so gefährlich. In das Dorf hatten die Teufel sich noch nicht gewagt, und der Alte mit der Lampe würde ihn wahrscheinlich nicht sehen. Und er würde auf dem Dach landen, wo nichts ihn daran hindern konnte, wieder loszufliegen.
Das Dach gab unter seinem Gewicht leicht nach. Da er sich nur mit dem Fuß festhalten konnte, der nicht die Getreidehalme umschloß, mußte er sich bücken und das Material mit den Händen befühlen. Es war wie ein vorübergehendes Nest geflochten, wie ein Korb, doch das Flechtwerk war erstaunlich eng und fein. Nicht einmal Wasser konnte durch ein so dichtes Gewebe dringen. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, woraus die Fasern bestanden. Im Sonnenlicht hatten sie geglänzt. Warum töteten die Alten Bäume, um Häuser zu bauen, wenn sie ein so feines und perfektes Dach wie dieses weben konnten?
Nach dem glatten Haus kam eine letzte Versuchung: pTo flog zum Fundament des Turms und berührte es. Ganz und gar nicht wie das gewebte Haus. Es gab nicht nach; es war wie Stein, bei der Berührung aber nicht ganz so kalt. Als er leicht mit den Knöcheln darauf schlug, hörte er ein schwaches Klingeln, genau wie bei mehreren Artefakten der Alten im Dorfschatz. Also stimmte zumindest dies von dem, was man den Alten nachsagte: Sie bauten Musik in die Dinge, die sie schufen.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren — wie eine Stimme, aber laut und tief. Er war so erschrocken, daß er losflog, ohne zu denken. Erst als er in der Luft war, konnte er sich umdrehen, über die Stelle hinwegfliegen und feststellen, wer gesprochen hatte. Und es war tatsächlich eine Stimme. Einer der Alten. Ein Mann. Wie hatte er sich so leise nähern können? Die Alten waren laut bei allem, was sie taten, wie Taube. Auch dieser schrie wie ein Tauber, so laut und dröhnend war seine Stimme. Und doch hatte er sich so leise an pTo heranschleichen können, daß …
So leise, daß er sich offensichtlich gar nicht an pTo herangeschlichen hatte. Er mußte dort im Schatten des Turms gesessen haben. Die ganze Zeit über. Was hatte er bemerkt? Hatte er die Getreidehalme gesehen, die pTo gestohlen hatte? Würde er jetzt wütend sein? Würde dieser Diebstahl die Alten zu Feinden des Volkes machen?
Für einen Augenblick dachte pTo: Ich werde keinem sagen, daß der Alte mich gesehen hat.
Doch er gab die Idee sofort auf. Wenn wir uns je mit den Alten anfreunden sollten, werden sie sich an die Halme erinnern, die ich von ihrer Wiese gestohlen habe. Dann werde ich die Buße dafür auf mich nehmen. Aber mein Volk wird bereits wissen, daß mein Diebstahl bemerkt wurde. Sie werden wissen, daß ich ihnen in jeder Hinsicht die Wahrheit gesagt habe. Ich gestehe den Fehler ein, mich gezeigt zu haben. Viele werden mich meiner Achtlosigkeit wegen schelten — aber keiner wird bezweifeln, daß ich ehrlich bin, oder behaupten, ich hätte meine Geschichte verändert, damit ich gut dastehe. Es ist besser, das Vertrauen des Volkes statt seinen Respekt zu haben. Mit Vertrauen kann ich mir den Respekt der Leute später verschaffen; ohne Vertrauen kann ich mir ihren Respekt nie verdienen, und bekäme ich ihn trotzdem, wäre er wie Gift.
Müde vom langen Ausharren, voller Angst vor seiner Heimkehr, arbeitete pTo sich höher, die Schlucht hinauf, dem Tal entgegen, in dem das Volk wohnte.
Ojkib beobachtete die riesige Fledermaus, die einen Kreis zog und dann die Schlucht entlang flog. Er wußte, daß dies für die anderen den Anfang der Erfüllung der alten Träume bedeutet hätte, die der Hüter der Erde geschickt hatte. Aber für Ojkib war es etwas anderes. Er hatte die Stimme des Hüters gehört, der zu diesem Besucher gesprochen hatte — und er hatte sie verstanden.
Die Stimme des Hüters war seltsam. Sie war leiser als die der Überseele, nicht so klar. Sie sprach eher in Bildern als in Begriffen, mehr mit Begierden statt mit Gefühlen. Es fiel Ojkib schwer, diese Stimme zu verstehen. Nachdem sie auf der Erde gelandet waren, hatte er mehrere Wochen gebraucht, bis er begriffen hatte, daß es die Stimme des Hüters tatsächlich gab. Die Gespräche zwischen Menschen und der Überseele waren um so vieles lauter, daß die Stimme des Hüters wie ein ferner Donner war oder wie eine leichte Brise in den Blättern — Ojkib fühlte sie eher, als daß er sie hörte. Doch nachdem er sie endlich bemerkt hatte und eine Vorstellung davon bekommen hatte, um was es sich handelte, lauschte er bewußt darauf. Wenn er in der zunehmenden Dämmerung im Schatten des Sternenschiffes saß, konnte er sich konzentrieren und die lautere Stimme der Überseele allmählich in den Hintergrund drängen.
Es war besonders schwer, da der Hüter nicht oft zu den Menschen sprach. Dann und wann ein Traum, manchmal ein Begehren; und die Träume kamen nicht oft zu Zeiten, da Ojkib sie problemlos hören konnte. Doch der Hüter führte einen fast ununterbrochenen Dialog mit jemand anderem. Mit vielen anderen, die das Dorf Rodina umsäumten — aber wie fern oder nah sie waren, konnte Ojkib nicht sagen. Das eigentliche Problem bestand darin, das Gesagte zu verstehen. Die Träume, die Begierden, die er belauschte, ergaben keinen Sinn. Zuerst dachte er, es wäre einfach eine Frage der Verwirrung. Es waren zu viele, und darin läge das Problem. Doch als er dann allmählich einen Traum vom andern unterscheiden konnte, einem speziellen Kommunikationsfaden folgte, wurde ihm klar, daß die Fremdartigkeit in den Nachrichten begründet lag. Der Hüter spornte diese anderen mit Begierden an, die Ojkib niemals empfunden hatte, die er nicht verstehen konnte. Und dann kam plötzlich ein klarer Gedanke: die Begierde, sich um ein Kind zu kümmern. Der Wunsch, vor seinen Freunden nicht in eine peinliche Lage versetzt zu werden. Und je länger Ojkib lauschte, desto deutlicher erfaßte er, worum es sich bei diesen fremdartigen Begierden handelte: die Begierde zu wühlen, der Drang, mit den Händen an Holz zu reißen. Der Drang, sich mit Ton zu beschmieren. Das alles ergab keinen Sinn. Doch als Ojkib im Schatten des Schiffes saß und sich seines Menschseins entkleidete, fegten diese Begierden über ihn hinweg, und er kam sich … anders vor. Als wäre er nicht mehr er selbst.
Er und Chveja hatten neulich darüber nachgedacht, denn auch sie hatte aus den Augenwinkeln flüchtige Blicke auf etwas erhascht, auf unerklärliche Fäden, die nicht die Menschen untereinander verbanden. »Und doch kann ich so etwas wohl kaum sehen«, hatte sie zu Ojkib gesagt. »Ich sehe nur die Fäden zwischen den Menschen, die ich sehen kann oder die ich zumindest kenne. Und doch habe ich niemanden gesehen, zu dem diese Fäden gehören könnten.«