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Und dann sagte er zum Hüter: Hilf ihm zu begreifen, daß ich nicht sein Feind bin.

Wie üblich erfolgte keine Antwort. Andere bekamen ihre Träume und ihre leise geflüsterten Worte der Anleitung; Ojkib konnte sie nur belauschen, aber niemals welche empfangen, die direkt an ihn gerichtet waren. Doch als nun die Erinnerungen an die Sprache und Begierden des Engels noch gegenwärtig waren, verspürte Ojkib zum erstenmal kein Bedauern über diesen Mangel. Vielleicht war es die bessere Gabe, die anderen hören zu können.

Als der Engel im Nachthimmel davonflog, im Mondschein die Schlucht entlang, ging Ojkib um das Raumschiff herum und kehrte zu seinem Haus zurück. Er sah das Aufblitzen der Lampe. Wer hatte heute Wache? Meb? Vas? Auf jeden Fall einer der Elemaki.

Obring, der war es. Obring schwang beim Gehen stets die Lampe, so daß er einfach keine seltsamen Bewegungen ausmachen konnte, weil die Lampe selbst sich bewegende Schatten schuf, die jede tatsächliche Bewegung, die vielleicht stattfand, verschleierte. Ojkib hatte beobachtet, wie Elemak es Obring einmal gezeigt hatte. Obring hatte nur gelacht und gesagt: »Da ist nichts zu sehen, Elja. Und außerdem gehorchen wir alle jetzt Volemak und nicht dir, wie du dich vielleicht erinnerst.«

Elemak erinnerte sich daran. Das wußte Ojkib. Und während Elemak niemals zur Überseele betete oder mit ihr sprach, fluchte er zu ihr, und wenn eine ernste Absicht hinter seinen Flüchen steckte, verschob ihre Intensität sie in den Bereich der Kommunikation mit der Überseele, so daß Ojkib ihn verstehen konnte. Stumme Flüche; nichts wurde laut geäußert. Der Mann beherrschte sich. Und am Ende erfolgte tatsächlich ein Gebet, oder vielleicht nur ein Mantra: Ich werde mein Wort nicht brechen. Ich werde den Eid einhalten.

Ojkib hatte nicht den geringsten Zweifel darüber, welchen Eid er meinte — den, den er seinem Vater geleistet hatte. Das Versprechen, ihm zu gehorchen, solange er lebte und über sie herrschte. Besser als alle anderen außer Huschidh und Chveja, die die Loyalitäten in der Kolonie wie auf einer Landkarte sehen konnten, wußte Ojkib, daß der Frieden in der Kolonie nur oberflächlich war. Alle wußten, wer die Elemaki waren und wer die Nafari; alle sahen, daß das Dorf in der Mitte praktisch geteilt war. Die Nafari wohnten im Osten, die Elemaki im Westen. Die Kolonie war nicht geeint und würde es auch niemals sein. Gesundheit für dich, Volemak. Gesundheit und ein langes Leben. Möge es keinen Krieg zwischen uns geben, bevor meine Kinder geboren und in Sicherheit aufgewachsen sind. Lebe ewig, alter Mann. Du bist die einzige Schnur, die diese Ernte zu einer einzigen Garbe zusammenhält.

Also hielt Obring Wache, was aber völlig wertlos war, während Ojkib sich draußen in der Dunkelheit eines dunklen Geraunes und wilder Gebete bewußt wurde und mit niemandem darüber zu sprechen wagte.

Und nahm er an diesem Abend eine neue Dringlichkeit wahr? Ein Gefühl des Triumphs, in das sich Furcht mischte? Kühnheit, das war es. Jemand wagte etwas, das er noch nie gewagt hatte. Und der Hüter schickte einen ständigen Strom von Ablenkungen. Etwas geschieht. Was? Sprich mit mir, Hüter! Sprich mit mir, Überseele!

Chveja schlief, als er ins Haus kam. So war es oft. Sie stand mit dem Anbruch der Dämmerung auf und arbeitete den ganzen Tag lang schwer, als dürfe ihre Schwangerschaft nicht zu einer Veränderung ihrer Pläne führen. Dann kam sie nach Hause und schlief ein, ohne sich auszuziehen, ob sie nun gerade saß oder lag. Einmal war Ojkib nach Hause gekommen und hatte sie vorgefunden, wie sie stehend schlief. Sie lehnte sich nirgendwo an, stand einfach mit geschlossenen Augen wie ein Flaggenmast in der Mitte des einzigen Raums ihres Hauses. Sie atmete schwer — hätte sie gelegen, wäre es ein Schnarchen gewesen.

Heute lag sie auf dem Bett, aber voll bekleidet, die Füße noch auf den Boden baumelnd. Er wollte sie nicht wecken — aber ihre Beine würden am Morgen eingeschlafen sein, und das würde ihr großes Unbehagen bereiten, besonders, wenn sie in der Nacht aufwachen sollte, weil sie ihre Blase leeren mußte, und ihre Beine sie nicht tragen würden.

Außerdem war es wichtig. Das, was an diesem Abend geschehen war. Der Engel, der zu ihm gekommen war, oder zumindest zum Schiff, der es berührt hatte, und die Klarheit der Stimme, mit der er zum Hüter und mit der der Hüter zu ihm sprach. Die Tatsache, daß Ojkib seine Sprache hörte und verstand. Und das Gemurmel und Gewusel der anderen, dunkleren Wesen, die das Dorf umgaben.

Er legte ihre Füße auf das Bett. Chveja erwachte.

»Oh, schon wieder?« murmelte sie. »Ich wollte eigentlich auf dich warten.«

»Das spielt keine Rolle«, sagte er. »Schlafe, wenn du es kannst, du brauchst es.«

»Aber du bist ganz durcheinander«, sagte sie.

»Glücklich und besorgt«, verbesserte er sie. Dann erzählte er ihr alles, was geschehen war und was es seines Erachtens zu bedeuten hatte.

»Also kommen die Engel endlich zu uns«, sagte sie.

»Aber es verrät uns auch, wer die anderen sind, die wir gesehen haben. Diese Rattengeschöpfe. Draußen in der Dunkelheit.«

»Ich glaube, du hast recht«, sagte Chveja.

»Hat Huschidh nicht geträumt, sie würden ihre Kinder stehlen?«

»Und du hast den Eindruck, heute abend habe sich etwas Wichtiges ereignet?« fragte Chveja. »Dann sollten wir die anderen warnen. Zusätzliche Wachen aufstellen.«

»Und was sollen wir ihnen sagen? Wie sollen wir es erklären?« fragte Ojkib.

»Wir erklären gar nichts. Wenn wir Großvater bitten, heute die Wachen zu verdoppeln, zu verdreifachen, wird er es tun, auch wenn wir ihm sagen, daß es nur ein Gefühl ist. Er respektiert unsere Gefühle.«

Sie gingen zur Tür, hatten sie jedoch kaum geöffnet, als auf der Elemaki-Seite des Dorfes ein Schrei erklang. Er kam aus einer menschlichen Kehle, und aller Kummer der Welt lag darin.

10

Sucher

Eiadh hatte geschrien. Sofort versammelten sich alle Erwachsenen um sie. Sie schrie jetzt nicht mehr, konnte ihre Stimme jedoch kaum unter Kontrolle halten, während sie erklärte, was passiert war.

»Zhivja ist verschwunden!« sagte sie. »Das Baby. Aus der Krippe geraubt. Ich bin aufgewacht und habe sie noch gesehen, wie lange Schatten, die davonliefen.« Nun verlor sie die Kontrolle, und ihr Entsetzen füllte ihre Stimme aus. »Sie hielten die vier Ecken ihrer Decke. Mein Baby wurde von Tieren geraubt!«

Elemak war — irgendwo gewesen. Nicht bei ihr im Haus, das war sicher. Doch nun kniete er in der Türöffnung. »Seht euch diesen Fußabdruck an«, sagte er. »Den hat ein Tier gemacht. Es kam herein und ging wieder hinaus — eigentlich waren es sogar zwei Tiere. Und als sie gingen, trugen sie eine schwere Last.« Er stand auf und schaute sie an. »Ich habe gesehen, wie ein Fluggeschöpf auf den Feldern landete, dann auf das Zelt mit den Lebensmitteln flog und danach hinter das Schiff. Einen Augenblick später flog es weiter, die Schlucht entlang. Zweifellos, um seine Freunde zu holen.« Er berührte den Fußabdruck. »Diese Spur könnte von diesem … Ding stammen. Ich werde ihm in die Schlucht folgen.«

Aber Ojkib betrachtete den Fußabdruck und wußte, daß Elemak sich irrte. Die Füße des Engels waren wie Hände gewesen, oder vielleicht eher wie starke Schraubstöcke. Diese Abdrücke stammten von einem Geschöpf mit flacheren Füßen und langen Zehen mit dicken Krallen. Die Füße eines Läufers oder Wühlers. Nicht die eines Geschöpfs, das fliegt und sich an Äste klammert.

»Dieser Abdruck stammt nicht von dem Engel«, sagte Ojkib.

Elemak schaute mit stählernem Haß in seinen Augen zu ihm hoch.

Nafai ging sofort dazwischen. »Elemak versteht sich darauf, die Spuren von Tieren zu lesen, Ojkib.«