»Wir haben die hohlen Bäume verbrannt, weil wir sie für unsere Bauten nicht brauchen konnten. Wir hätten sie genauer betrachten sollen. Die Spur führt direkt zu diesem Baum und verschwindet dann. Irgendwohin müssen sie gegangen sein.« Er hielt plötzlich inne und grinste. »Hier hat die Rinde ein wenig nachgegeben. Halte deine Lampe hoch, Onkel Ojkib. Ich habe eine Tür gefunden.« Mit dem Blatt der Hacke, mit der er sich ausgerüstet hatte, stemmte er einen Spalt in die Rinde, und in der Tat öffnete sich ein länglicher Teil des Baumstamms wie eine Tür. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich nahtlos in dem Baum befunden.
»Protschnu, erinnere mich daran, daß ich dich nie wieder dumm schimpfe«, sagte Ojkib.
Doch Protschnu hatte ihn kaum gehört. Er hatte sich bereits umgedreht und die Beine in die Öffnung geschoben.
Ojkib knipste seine Lampe aus, kletterte den Baum hinauf und hielt Protschnu am Arm fest. »Nein!« rief er. »Wir wollen nicht zwei von Elemaks Kindern retten müssen!«
»Ich bin der einzige, der durch die Tür paßt!« rief Protschnu und versuchte, sich von Ojkibs Griff zu befreien.
»Proja, du warst brillant, also stelle dich jetzt nicht so dumm an!« rief Ojkib zurück. »Du kannst nicht mit den Füßen zuerst in ihren Bau klettern! Du weißt nicht mal, ob du dort unten soviel Platz hast, daß du die Hacke benutzen kannst. Also komm raus, bevor sie dir die Füße abschneiden!«
Zögernd kletterte Protschnu aus der Tür hinaus.
Mittlerweile hatten die anderen sich um den Baum versammelt. Nafai trug eine Axt, Ojkib ebenfalls. Als Protschnu den Baum verlassen hatte, machten sie sich schnell daran, den Stamm zu fällen. Nach ein paar Minuten hatten sie soviel von dem überlebenden Stamm weggeschlagen, daß der Baum umkippte.
Jetzt war die Öffnung nicht mehr nur eine winzige Tür. Sie war so groß, daß auch die Erwachsenen sich in das Loch hinunterlassen konnten. Und nachdem Nafai seine Lampe so tief in das Loch hinabgelassen hatte, wie es ihm möglich war, gab er bekannt, daß die Kammer so groß sei, daß ein Mensch darin stehen könne, während man die Tunnels nur benutzen konnte, wenn man sich auf alle viere hinabließe.
»Ich glaube nicht, daß das im Augenblick eine gute Idee wäre«, sagte Volemak.
»Wir dürfen keine Zeit verschwenden, Vater«, sagte Nafai.
»Steh auf und sieh dich um, Njef.«
Sie hoben ihre Lampen und schauten sich um. Hunderte von Wühlern umgaben sie, in den Bäumen, auf dem Boden. Sie schwangen Keulen und Speere mit Steinspitzen.
»Ich glaube, sie sind in der Überzahl«, sagte Issib.
»Sie sind häßlich«, sagte Sevets Sohn Umene. »Ihre Haut ist rosa und haarlos.«
»Daß sie häßlich sind, ist unser kleinstes Problem«, sagte Volemak.
»Hat jemand eine Ahnung, wer ihr Anführer ist?« fragte Nafai.
»Ist Chveja nicht mit uns gekommen?« fragte Ojkib.
Chveja musterte die Wühler bereits. Dann runzelte sie die Stirn und zeigte auf einen. »Der da, der hinter den anderen.«
Augenblicklich zog Nafai sein Hemd über den Kopf und entblößte die Haut seiner Brust und des Rückens. Dabei leuchtete sie hell auf. Der Mantel des Herrn der Sterne, der normalerweise unsichtbar unter seiner Haut lebte, strahlte nun Licht aus, das aus Nafai einen Gott machte — zumindest in den Augen dieser Wühler. Sofort vernahm Ojkib eine Kakophonie von Gebeten und Flüchen. »Es funktioniert«, sagte er leise. »Ihre Schließmuskeln lockern sich. Nach dieser Nacht wird es hier einen Kreis mit besonders fruchtbarem Boden geben.«
Ein paar Knaben lachten, aber kein einziger Erwachsener.
Nafai trat vor und ging zu der Stelle, auf die Chveja gezeigt hatte. »Mit welchem dieser kleinen Ungeheuer will ich sprechen?« fragte er.
Chveja trat neben ihn, sorgsam darauf bedacht, seine leuchtende Haut nicht zu berühren. Nun konnte sie den Anführer ausfindig machen, einen kleinen, starken Wühler, der eine Kette aus kleinen Knochen um den Hals trug. »Der mit der Trophäenkette.«
Nafai hob eine Hand und zeigte auf den Wühler. Sein Finger leuchtete. Plötzlich sprang ein Funke von seiner Hand zum Anführer der Wühler. Die Trophäenkette war ihm keine große Hilfe — augenblicklich lag er zitternd auf dem Boden.
»Du hast ihn doch nicht getötet, oder?« fragte Chveja.
Ojkib konnte sie kaum verstehen. Der Tumult der entsetzten Gebete der Wühler übertönte fast alle anderen Wahrnehmungen in seinem Verstand. Doch selbst das Entsetzen dieser Wesen wurde von Zorn und Rachsucht durchdrungen. Sie fürchteten Nafai, aber sie haßten ihn auch und wollten ihn töten. »Wenn du glaubst, daß du dir Freunde geschaffen hast, irrst du dich«, murmelte Ojkib.
Nafai ignorierte ihre Kommentare. »Ojkib«, sagte er, »du mußt das Reden übernehmen. Ich habe genug damit zu tun, ein Gott zu sein. Sie dürfen nicht merken, daß es mir Mühe macht, mit ihnen zu kommunizieren. Außerdem kannst du als einziger darauf hoffen, ihre Antworten zu verstehen.«
Ojkib war erstaunt. »Wie kann ich mit ihnen sprechen? Ihre Sprache ist mir nicht geläufig.«
»Du hast doch etwas von der Sprache der Engel aufgeschnappt, oder? Die Überseele hat es mir gesagt.«
»Aber ihre Sprache habe ich noch nie gehört, geschweige denn verstanden …«
»Du wirst sie jetzt hören«, sagte Nafai.
Also ist die Überseele sich doch meiner bewußt und weiß, wozu ich imstande bin, dachte Ojkib. Es war die erste Bestätigung dafür, die er je erhalten hatte. Aber wußte die Überseele auch, was alles er nicht konnte?
Er trat vor und ging zu dem Anführer der Wühler, dem man gerade wieder auf die Füße half. »Das Baby«, sagte Ojkib. Er griff auf die Zeichensprache zurück und wiegte in einer Pantomime ein Kleinkind in den Armen. Die Wühler hatten die Menschen lange genug beobachtet, um zu wissen, was die Geste bedeutete.
Der Wühlerkönig plapperte irgend etwas. Ojkib war überrascht, als er die Sprache hörte. Sie war das genaue Gegenteil der Engelsprache — lediglich Zisch-, Reibe- und Nasallaute mit einem gewissen Beiklang, dem allerdings nichts Musikalisches innewohnte, sondern ein Fauchen und Summen. Klingt es in meinen Ohren lediglich wie eine böse und schleimige Sprache, weil ich ihre Gebete und Begierden kenne? fragte Ojkib sich.
Als der Wühlerkönig mit seiner Gefolgschaft sprach, verstand Ojkib natürlich nichts. Nach einem Augenblick zerrten die Wühler vier ihrer Soldaten vor und warfen sie vor Nafais Füßen auf den Boden. Nun bekam Ojkib einen klaren Eindruck von dem Entsetzen, dem Fluchen und den Gebeten der vier Wühler. »Das sind diejenigen, die Zhivja geraubt haben«, sagte er. »Ich glaube, sie liefern sie an dich aus, damit du sie bestrafen kannst.«
Nafai lehnte das Angebot augenblicklich ab. »Sag ihnen, daß ich keine Rache will, sondern das Baby.«
»Ach, und wie soll ich das mit der Zeichensprache tun?« fragte Ojkib. Aber er versuchte es trotzdem, wiederholte das Symbol für das Kleinkind und bedeutete dann, daß man die vier Krieger fortbringen sollte.
Doch die Wühler waren offenbar der Ansicht, daß die Geste etwas völlig anderes bedeutete. Auf einen Wink des Königs traten vier andere Krieger vor und drückten die Klingen ihrer Speere gegen die Kehlen der vier Entführer. »Nein!« rief Ojkib und hörte gleichzeitig Chvejas Stimme. Nafai fuhr herum und warf mit einer einzigen Geste seines funkelnden Arms alle vier Wühler zu Boden. Dann schien er völlig durchzudrehen. Er deutete nacheinander auf einige Bäume, bis ihre Äste in Flammen aufgingen.
»Es ist zu naß, um einen richtigen Brand zu entfachen«, murmelte Ojkib.
»Darauf zähle ich«, sagte Nafai. »Glaubst du etwa, ich will unser Dorf abbrennen?«
Doch soweit es die Wühler betraf, war dies der Zorn der Götter, und ihr Wald war dem Untergang geweiht. Der König stürmte vor und warf sich zu Nafais Füßen auf den Bauch. Dann drehte er sich auf den Rücken und spreizte die Arme und Beine, so daß sein nackter Leib völlig ungeschützt war.