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Ojkib spürte, wie sich ein Glühen in seinem Körper ausbreitete. Stolz und Furcht, eine seltsame Mischung. Die Überseele braucht meine Hilfe — das war der Stolz. Aber die Furcht war stärker: Wenn ich einen Fehler mache, kann niemand mich berichtigen.

Emeezem gab ihre Fötusposition wieder auf. »Sie hat ihr ganzes Leben lang auf dich gewartet«, sagte Ojkib und versuchte weiterhin, die Bilder zu deuten, die in seinem Verstand aufblitzten — Bilder von Emeezem als Kind, von dunklen, unterirdischen Orten. »Sie glaubt, daß du sie zur Königin gemacht hast. Weil du sie akzeptiert hast.«

»Wann habe ich das angeblich getan?«

»Als sie ein kleines Mädchen war«, sagte Ojkib. »Ich verstehe es nicht, aber ihre Kindheitserinnerungen schließen dich ein.«

»Ihre Verbindung mit dir ist unglaublich stark«, sagte Chveja. »Stärker als ihre Verbindung mit ihrem Gatten. Es ist wirklich erstaunlich, Vater.«

»Sie bittet dich, das Leben ihres Gatten zu verschonen. Er hat auch nichts von der Entführung gewußt. Der Sohn des Blutkönigs hat es getan.«

Emeezem zischte und fauchte ihrem Mann einen scharfen Befehl zu, und er erhob sich und rief fast dieselben Worte. Einen Augenblick später trat ein stolz wirkender Mann vor und warf mit einer auffallenden Geste seine Waffe weg. Er trat vor Nafai, verbeugte sich aber nicht und zeigte nicht den geringsten Respekt.

Sowohl Emeezem als auch der Kriegskönig murmelten ihm Befehle zu, doch er tat so, als habe er sie nicht gehört.

Die Königin drehte sich zu Nafai um und sagte etwas, das sich wie ein schrecklicher Fluch anhörte.

»Sie bittet dich, Fusum zu töten«, sagte Ojkib. »So heißt der junge Mann. Er hat alles geplant, obwohl man allen befohlen hat, uns kein Leid zuzufügen.«

»Ich werde ihn nicht töten«, sagte Nafai.

»Du mußt etwas tun«, sagte Ojkib. »Er trägt die größte Schuld. Der Kriegskönig wagt es nicht, ihn anzurühren, da er der Sohn des Blutkönigs ist. Deshalb hat er dir die vier eigentlichen Entführer ausgeliefert. Aber du bist ein Gott, Njef. Du mußt etwas mit ihm tun, oder … nun ja, ich weiß es nicht. Chaos. Das Universum bricht zusammen. Auf jeden Fall wird irgend etwas wirklich Schlimmes geschehen.«

»Das gefällt mir ganz und gar nicht«, sagte Nafai. »Wie wäre es, wenn ich ihn gefangennehme?«

»Und ihn in unser sicheres Gefängnis wirfst?« fragte Chveja. »Zum Glück haben wir zuallererst einen Kerker gebaut.«

»Also kein Gefangener«, sagte Nafai. »Eine Geisel?«

»Schlag ihn nieder«, sagte Ojkib. »Sie sind entsetzt, weil du zögerst.«

»Ich will lediglich Zhivja zurückbekommen«, sagte Nafai. »Ich will hier keine Leichen.«

Volemak trat vor und baute sich neben Nafai auf. »Verbeuge dich vor mir«, sagte er. »Oder was auch immer in ihrer Kultur als Verbeugung durchgeht.«

»Dann knie auf alle viere nieder und küsse Vaters Bauch«, sagte Ojkib.

»Du machst Witze«, sagte Nafai. »So hat der Kriegskönig mir nicht Respekt erwiesen.«

»Der Kriegskönig hat sich als unwürdiges Opfer angeboten. Du ehrst Vater als deinen König und Vater.«

»Mach schon«, sagte Volemak. »Sie müssen nicht wissen, daß ich nicht die Macht des Mantels habe. Sie müssen sehen, daß auch du von jemandem Anweisungen entgegennimmst. Das wird in ihnen den Eindruck wecken, daß sie, unsere Macht noch nicht vollends erkannt haben, so mächtig du auch bist.«

Nafai ließ sich auf alle viere fallen. Doch aus dieser Stellung konnte er den Bauch seines Vaters nicht küssen. Er stieß sich mit den Händen hoch und drückte dann sein Gesicht gegen Volemaks Hemd.

Augenblicklich erklang unter den Wühlern Gemurmel.

»Kannst du noch heller leuchten, als es schon der Fall ist?« fragte Volemak.

»Ja«, sagte Nafai.

»Na schön. Wenn ich deinen Kopf berühre, strahlst du, so hell du kannst.«

Volemak griff mit einer prunkvollen Geste hinab und berührte Nafais Kopf. Im gleichen Augenblick schien Nafai vor Licht zu explodieren. Selbst die Menschen schnappten nach Luft, und die Wühler schrien entsetzt auf.

»Gut gemacht«, sagte Volemak. »Wir müssen unsere Macht eindrucksvoll unter Beweis stellen. Jetzt schlage diesen stolzen kleinen Welpen nieder. Töte ihn nicht, mache ihn einfach ohnmächtig wie die anderen.«

Der noch immer leuchtende Nafai erhob sich, streckte die Hand aus und zeigte auf Fusum.

Der Sohn des Blutkönigs duckte sich nicht; er zuckte nicht einmal zusammen. Er starrte Nafai einfach nur trotzig ins Gesicht. Dann zischte die Luft zwischen ihnen, seine Glieder wurden starr, und er stürzte wie ein gefällter Baum. Zuckend lag er da.

»Du hast einen natürlichen Sinn für theatralische Effekte«, sagte Volemak. »Jetzt sag Ojkib, er soll auf alle neun dieser müden kleinen Wühler zeigen und sie zum Schiff tragen lassen.«

»Zum Schiff?« fragte Nafai.

»Sie dürfen nicht mitbekommen, daß wir diskutieren«, sagte Volemak scharf. »Tu es einfach. Geiseln. Und Schedemei kann sie unter Medikamente setzen oder sogar in den Tiefschlaf versetzen, während sie ein paar ungefährliche Studien an ihnen vornimmt. Vertraue mir, Nafai.«

»Ich vertraue dir, Vater. Verzeih, daß ich gezögert habe.« Er wandte sich an Ojkib und erklärte ihm mit vielen Worten, genauso vorzugehen, wie Volemak befohlen hatte.

Zuerst kam es Nafai absurd vor, genau die Worte zu wiederholen, die sie alle gerade von Vater gehört hatten. Doch als Nafai gehorchte, kam ihm dieses Vorgehen wie ein Ritual vor. Es war der Ausdruck von Macht. Der König. Der Sohn des Königs. Der Diener des Sohns. Die Wühler mußten die Vorführung mitbekommen. Doch auch die anderen Menschen, besonders die Knaben. Besonders Protschnu. Das ist Macht und Autorität, Proja, dachte Ojkib. So sollte es funktionieren, und deshalb ist dein Vater ein solcher Versager — weil Elemak niemals akzeptieren könnte, daß jemand über ihm steht. Diejenigen, die sich nicht beherrschen lassen, sind nicht geeignet, andere zu beherrschen.

Als Nafai also mit seinem Vortrag fertig war, machte Ojkib ein großes Aufhebens darum, auf jeden der bewußtlosen Wühler zu zeigen und anzuordnen, daß andere Wühler sie aufheben und zum Schiff tragen sollten.

Die Königin schien den Tanz zu verstehen, den sie aufführten. Sie sprach ihrerseits scharfe Worte zu ihrem Mann, dem Kriegskönig, und dann wandte er sich wiederum an die Soldaten, die in den Bäumen warteten. Kurz darauf versammelten sie sich in Vierergruppen um die Bewußtlosen und hoben sie hoch.

In diesem Augenblick erklangen andere laute Stimmen aus den Wäldern. Emeezem rief eine Antwort, und vier weibliche Wühler tauchten wie aus dem Erdboden auf. Jede hielt den Zipfel einer Decke, und mitten darauf lag die lachende Zhivja. Anscheinend gefiel ihr es, getragen zu werden.

»Schnell«, sagte Volemak. »Protschnu, lauf ins Dorf zurück und hol Eiadh. Bring sie hierher!« Und an Nafai gewandt: »Greif nicht nach dem Baby. Sie sollen warten. Sie werden Zhivja ihrer Mutter überreichen.«

Schweigend blieben sie stehen. Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, obwohl es kaum länger als fünf Minuten gedauert haben konnte. Schließlich kehrte Protschnu zurück, mit Eiadh an der Hand, die vor Freude aufschrie, als sie das Baby sah. Sie lief zu den vier weiblichen Wühlern und bückte sich, um Zhivja von der Decke zu heben. »Zhivoja, meine Schöne, meine Lachende«, sang sie und lachte und weinte und drehte sich im Kreis herum.

»In Ordnung«, sagte Volemak. »Nafai, Ojkib soll ihnen sagen, daß sie die Geiseln jetzt zum Schiff bringen sollen. Und befiehl Dazja, sie dorthin zu führen, damit sie Schedemei erklärt, was sie mit ihnen anstellen soll. Sie sollen bewußtlos bleiben, und ich will, daß sie sie gründlich studiert.«

Dazja, das ehemalige Erste Kind, trat vor. »Ich habe verstanden«, sagte sie.

»Aber du hast anscheinend nicht verstanden, daß ich will, daß Nafai dir den Befehl erteilt«, sagte Volemak, ohne sie anzusehen.