Nafai wandte sich an Dazja und erteilte genau denselben Befehl, den Volemak bereits erteilt hatte. Dazja verbeugte sich errötend. Die Wühlersoldaten bildeten eine Prozession hinter ihr und trugen die neun Bewußtlosen zum Schiff.
Die Befehlsgewalt war nun eindeutig festgesetzt worden. Königin Emeezem wandte sich jetzt direkt an Ojkib. Das Problem bestand darin, daß sie ihn nicht als Gott betrachtete und ihre Worte daher kein Gebet waren, wenn sie mit ihm sprach. Es war weder eine Kommunikation mit dem Hüter noch mit der Überseele, und so hörte Ojkib lediglich ein unverständliches Zischen und Summen. »Wenn sie nicht glauben, mit einem Gott zu sprechen, kann ich sie nicht verstehen«, sagte Ojkib.
»Bleib einfach stehen und weigere dich, sie anzuhören«, sagte Volemak. »Wenn sie innehält, zeigst du auf Nafai.«
Ojkib gehorchte. Sie begriff sofort und sprach dieselben Worte zu Nafai. Ojkib konnte sie wieder verstehen.
Oder vielleicht auch nicht. »Sie bittet dich, sie zu begleiten und zu sehen, wie gut sie sich um deinen … hm … gekümmert haben.«
»Um meinen was?«
»Es ergibt keinen Sinn«, sagte Ojkib.
»Um meinen was haben sie sich gekümmert?«
»Um deinen Kopf«, sagte Ojkib.
»Wohin soll ich sie begleiten?«
»Unter die Erde«, sagte Ojkib. »Sie will, daß du ihr unter die Erde folgst.«
Nafai wandte sich an Volemak und wiederholte ausführlich alles, was Ojkib gesagt hatte. Volemak hörte mit bewußt ernster Miene zu.
»Zuerst sollen die Soldaten fortgehen«, sagte er dann. »Und dann wirst du, Nafai, ihr in die Tunnels folgen. Du hast den Mantel. Wenn sie uns betrügen wollen, wirst du als einziger in Sicherheit sein.«
»Ich muß Ojkib mitnehmen«, sagte Nafai. »Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagen.«
Volemak zögerte nur ganz kurz. »Gib auf ihn acht«, sagte er.
11
Löcher
Es war erstaunlich, daß ein Gott sich in einem solchen Maße herabließ. Emeezem wagte es, ihn zu bitten, weil sie alt war und keine Furcht hatte, und weil sie im Laufe ihres Lebens gelernt hatte, auf Dinge zu hoffen, auf die man eigentlich nicht hoffen konnte. Und genauso, wie er sie akzeptiert hatte, als sie ein häßliches, unerwünschtes Kind gewesen war, akzeptierte der Gott sie nun erneut und folgte ihr in die Stadt hinunter.
Auf ihre Bitte hin, die Welt des Lichts zu verlassen und in die Dunkelheit zu kommen! Der strahlende Glanz seines unsterblichen Körpers würde die irdenen Mauern der tiefen Tempel erhellen! Sie wollte singen, zu den Tunnels hinabtanzen. Aber sie führte einen Gott zu seinem Tempel. Die Würde mußte gewahrt bleiben.
Besonders um Mufruzhuuzh’ willen; er bedürfte heute der Würde. Niemand würde ihn des Geschehenen wegen kritisieren; schließlich war es ja Fusum gewesen, der den Diebstahl des Kleinkindes geplant und ihnen eine tödliche Konfrontation aufgezwungen hatte, die Muf weder gesucht noch gewollt hatte. Und er war dem Gott tapfer gegenübergetreten — alle sahen, daß er keine Furcht hatte, als er dem Gott sein Herz anbot. Als der Gott ihn dann aufforderte, unmögliche Taten zu vollbringen, Dinge zu tun, die nur der Blutkönig tun konnte, falls überhaupt — nun, niemand konnte ihm Vorwürfe machen, daß er da gezögert und nicht gehandelt hatte. Er hatte sich nirgendwohin wenden können, also hatte er sich überhaupt nicht gerührt.
Dennoch war es erniedrigend für ihn, daß seine Frau vortreten und ihn aus diesem Dilemma befreien mußte. Ganz zu schweigen davon, daß die Frau des Kriegskönigs nur ganz selten auch die Wurzelmutter war. Er war beschämt, als seine Frau von dem Gott akzeptiert wurde, der ihm nur unlösbare Rätsel aufgegeben hatte.
Doch konnte Emeezem etwas daran ändern, daß ihr das Kind in die Hände gefallen war? Muf wußte nicht, wo das Baby versteckt worden war — erst, als Fusums Schwester klar geworden war, was für eine schreckliche Tat er begangen hatte, hatte sie sich mit der Wahrheit an sie gewandt, und da stand Muf bereits dem Gott gegenüber. Es war nur eine unglückliche Verkettung von Umständen. Mufruzhuuzh war noch immer Kriegskönig. Der Gott würde alles richten.
Der Gott war so groß, daß er sich auf alle viere niederlassen mußte, um durch die Tunnels zu gelangen. Natürlich hätte er genauso gut aufrecht gehen und die Dächer der Tunnels aufreißen können, einfach, indem er hindurchschritt. Aber das tat er nicht; er ließ die Tunnels unbeschädigt, damit das Volk sie weiterhin benutzen konnte. Solche Freundlichkeit! Solche Großzügigkeit gegenüber einfachen erdkriechenden Würmern wie uns!
Um sie herum hörte sie das Trappeln von tausend Füßen, während Männer und Frauen und Kinder zu jedem offenen Durchgang eilten, in der Hoffnung, einen Blick auf den Gott werfen zu können, wenn er an ihnen vorbeiging. Emeezem sah Hände, die nach oben griffen, damit das Licht des Gottes sie berührte; Eltern hielten ihre Kinder hoch, auf daß das Licht des Gottes ihre winzigen Körper segnete. Und noch immer folgte der Gott ihr, ohne daß sein Licht schwächer wurde.
Sie gelangten zu der Kammer, in der Emeezem vor so vielen Jahren — nein, damals war sie lediglich Emeez gewesen — zum erstenmal den unbeleckten Kopf des Gottes gesehen hatte. Sie blieb stehen und flehte ihn an, ihr zu verzeihen, daß sie ihn so lange in solcher Dunkelheit hatte stehenlassen.
Sie hörte, wie der Untergott zu ihm sprach und er antwortete. Dann leckte er seinen Finger, streckte die Hand aus und berührte die Oberschwelle der Türöffnung. Damit hinterließ er die Flüssigkeit seines Körpers auf der Tür der Kammer. Das war mehr als bloße Vergebung. Sie kniete vor Erleichterung nieder, und viele andere taten es ihr gleich. Sie hörte, wie eine Stimme, die eines Mannes, sang: »Wir haben deinen ruhmreichen Kopf in die Dunkelheit gestellt und ihn angebetet, weil wir im Ton dein Licht nicht sehen konnten. Aber du gibst uns die Wasser des Lebens zurück und bringst Licht in den Bauch der Erde. So edel, so groß!« Andere sangen ihre Zustimmung zu seinen Worten: »So edel! So groß! So edel! So groß!«
Der Gott erwies ihnen die Ehre, reglos dort zu stehen, bis das Lied endete. Dann ging Emeezem weiter, führte ihn tiefer in den Gang, zu dem Tempel, den sie für ihn hatte bauen lassen. Den Befehl dazu hatte sie an dem Tag gegeben, an dem sie zur Wurzelmutter gewählt worden war. Da der Kopf eine solche Größe besaß, war sie zu dem Schluß gekommen, daß auch der Gott sehr groß sein mußte, und so hatte sie das Volk seinen Tempel so tief graben lassen, daß die Decke nun sehr hoch war. Außerdem hatte sie den Tempel so anlegen lassen, daß das Dach in eine Felsspalte hinaufgriff, wodurch ein wenig Tageslicht in die Kammer fiel. Und an der hellsten Stelle dieses weichen, diffusen Schimmers hatte sie auf einem Podest, das aus Knochen des Himmelsfleisches bestand, seinen Kopf aufgestellt.
Doch mittlerweile war es Nacht, so daß es kaum Beleuchtung gab, als er den Tempel betrat. Statt dessen brachte er das Licht mit, und es erhellte jede Ecke des Raumes, als er sich auf die Füße erhob. Andere betraten den Raum nach ihm, drängten sich an die Wände des Tempels und beobachteten, wie er zu dem Podest ging, auf dem die Skulptur stand. Nun würde er sehen, wie sie ihn angebetet hatten, nachdem ihnen klar geworden war, daß sein seltsamer großer Kopf ein Zeichen der Macht und nicht der Schwäche war. Hatte man ihm nicht in diesem ersten Jahr die gesamte Frühlingsernte an kleinkindlichem Himmelsfleisch dargeboten, so daß sein Podest augenblicklich erhöht wurde, bis es mindestens so hoch stand wie die der anderen Götter? War seitdem nicht auch Jahr für Jahr weit mehr als sein Anteil Himmelsfleisch aufgebrochen und vom Volk zu seinen Ehren verzehrt worden? Dennoch hatte niemand seinen Kopf zur Zeit der Paarung benutzt; denn sie hatten begriffen, daß er nicht auf diese Weise verehrt werden durfte.