Выбрать главу

Der Gott ging langsam zu dem Gesicht und blieb vor ihm stehen. Es leuchtete in der Helligkeit seines Körpers, ein irdenes Gesicht vor seinem strahlenden. Er streckte die Hand aus und berührte es. Dann hob er den Kopf zur schwachen natürlichen Lichtquelle der Kammer und sank vor der Statue auf die Knie.

Ich verstehe, dachte Emeezem. Du zeigst uns, wie man dich richtig anbetet. Wir können nicht genau das tun, was du gerade getan hast, denn unsere Knie lassen sich in dieser Richtung nicht beugen. Aber wir werden das Gesicht berühren, wie du es berührt hast. Gab es einen Grund dafür, daß du es mit den Lippen berührt hast? Sollten es immer die Lippen sein? Oder werden wir jenen Teil des Gesichts berühren, der uns segnen soll? Du mußt es mir sagen. Vielleicht später, falls du dich herablassen solltest, deine Lippen zu besudeln, indem du unsere Sprache sprichst, oder falls dein Untergott die Gnade zeigen sollte, unsere unreine Sprache zu sprechen. Wir berühren dein Gesicht, schauen ins Licht, lassen uns dann vor deinem Gesicht auf unser Gesäß hinab und betrachten es. Ja, ich werde mich daran erinnern. Keiner von uns wird es vergessen.

Wie alle anderen Frauen war auch Schedemei von der Prozession der Wühler, die ins Dorf kamen und ihre von Nafai bewußtlos geschlagenen Gefährten trugen, gleichzeitig verängstigt, abgestoßen und fasziniert. Doch die Verantwortung, wie mit ihnen zu verfahren sei, lag bei ihr, und so schob sie ihre persönlichen Gefühle schnell zur Seite und führte die Wühler ins Schiff. Sie wußte sofort, was Volemak beabsichtigte; er hatte gesehen, wie sie harmlose Untersuchungen und Studien der wenigen Tiere vornahm, die sie mitgebracht hatte, und wußte, daß sie sehr viel über ein Geschöpf erfahren konnte, wenn sie die Schiffsausrüstung benutzte. Es war unbedingt erforderlich, daß sie die körperlichen Strukturen und Systeme verstanden, die das Leben der Wühler bestimmten; genauso wichtig war allerdings, daß den Untersuchungsobjekten dabei kein Schaden zugefügt wurde.

Das Problem bestand darin, daß es vielleicht keine so gute Idee sein mochte, den Wühlern das Innere des Schiffes zu zeigen. Aufgrund von Dzas spärlicher Schilderung des Geschehens wußte sie, daß Nafai ihnen mit den Mächten des Mantels des Herrn der Sterne starke Ehrfurcht eingeflößt hatte. Vielleicht würden die glatten und leuchtenden Oberflächen des Schiffsinnern diese Wirkung verstärken, vielleicht aber auch nicht. Es lag eindeutig eine Gefahr darin, den Wühlern zu zeigen, daß die Menschen trotz allem Menschen waren, daß sie ihre Wunder mit Werkzeugen und Maschinen wirkten und nicht mit gottähnlichen Kräften, die in ihnen wohnten.

Doch mit diesem Problem mußten sie sich an einem anderen Tag befassen. Volemak hatte seine Entscheidung getroffen, und es war mit großer Sicherheit die beste gewesen. Selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, würde Schedemei gehorchen. Der Frieden, den sie in den Monaten seit der Ankunft auf der Erde genossen hatten, hing von seiner Autorität ab; sie mußte gestützt werden, und Schedemei würde ihm auch dann gehorchen, falls er völlig falsch liegen sollte. Frieden — mehr wollte Schedemei nicht. Die Möglichkeit, ihre Arbeit zu tun, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, auf welcher Seite sie stand und wer bei den endlosen Familienkämpfen zwischen Volemaks und Rasas Kindern zur Zeit die Oberhand hatte.

Nachdem die Träger wieder fort waren, bestand ihre erste Aufgabe darin, die Wühler zu betäuben, damit sie nicht zu einem unpassenden Zeitpunkt erwachten. Seit die Flora und Fauna der Erde und des Planeten Harmonie unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten, waren vierzig Millionen Jahre vergangen, doch der konservativste Aspekt des menschlichen Lebens war die chemische Ebene. Eine leichte Dosis des sichersten Sedativums müßte dies bewirken. Während sie die Körper nacheinander wog, sprach sie mit dem medizinischen Computer. Die Dosen wurden festgesetzt, und sie drückte die Injektoren gegen die rosa Haut.

Haarlose rosa Haut — warum hatten diese Nagetiere ihr Fell verloren? Schedemei vermutete, daß es keinen vernünftigen evolutionsmäßigen Grund dafür gab — es war kulturell bedingt. Irgendein Schönheitsstandard hatte sich durchgesetzt, und danach waren nur noch die imstande gewesen, sich zu paaren, die dieses Merkmal aufwiesen. Bald würde die rosa Haut in dieser Kultur vorherrschen, während die starke Behaarung auf ein paar verachtete Angehörige beschränkt blieb. Ansonsten ergab dieses Merkmal keinen Sinn. Die Wühlerhaut enthielt kein Melanin. Kein Wunder, daß sie im Gegensatz zu ihren uralten rattenähnlichen Vorfahren die ganze Zeit in den Schatten und Tunnels bleiben mußten — wenn sie von den Bäumen stiegen, konnten sie das Sonnenlicht nicht ertragen.

Sobald alle betäubt waren, begann Schedemei mit der Untersuchung. Doch dann überkam die Müdigkeit sie wie eine Meeres woge, und ihr wurde klar, daß es kaum der beste Zeitpunkt war, eine ordentliche Analyse vorzunehmen, nachdem sie die ganze Nacht wach gewesen war. Also benutzte sie die Karren und fuhr die Wühler nacheinander zu den Tiefschlafkammern. Um zu vermeiden, daß sie in den Tiefschlaf versetzt wurden, stellte Schedemei sie auf normale Lebenserhaltung ein — das Risiko war zu groß, daß die Tiefschlafdosis für die Wühler zu hoch war und sie dann nicht mehr wiederbelebt werden konnten.

Dann ging sie zu ihrer Koje und legte sich hin, um ein kleines Nickerchen zu halten. Nur ein paar Stunden, und sie würde wieder wohlauf sein. Es erinnerte sie daran, wie sie in Basilika gelebt hatte, bevor man sie überredet hatte — nein, getäuscht, manipuliert, gezwungen —, Volemak auf seinem Auszug in die Wildnis zu begleiten. Wenn sie in jenen Tagen einem flüchtigen Gen auf der Spur gewesen war, hatte sie rund um die Uhr gearbeitet und stets nur kurze Nickerchen gehalten, die sich zu kaum mehr als ein paar Stunden Schlaf pro Tag summierten. Die Aufregung der Entdeckung und Schöpfung war wichtiger als Schlaf und Essen. Sie hatte nie gewollt, daß dieses Leben unterbrochen wurde.

Nun, es war unterbrochen worden, und sie war nicht völlig unglücklich darüber. Zum einen war Basilika bei Muuzh’ Versuch, ein Reich zu errichten, zerstört worden, so daß sie ihr altes Leben auf keinen Fall hätte fortsetzen können. Doch selbst, wenn es Basilika noch gäbe, hatte Schedemeis Reise in die Wildnis ihr viele Segnungen gebracht. Ihre beiden Kinder, Padarok und Dabrota — ihre Namen bedeuteten Geschenk und Freundlichkeit, und sie hatten ihnen alle Ehre gemacht. Zdorab, ihr schüchterner und komplizierter Gatte, der nie Frauen begehrt und ihr trotzdem zwei Kinder geschenkt hatte, ganz zu schweigen davon, daß er ihr so viele Jahre ein so guter Gefährte gewesen war. Trotz seines Mangels an Begierde, trotz ihres Mangels an Interesse hatten sie einander geholfen, sich in den großen Fluß des Lebens, der Schöpfung einzufügen. Wäre es nicht traurig gewesen, wenn ich mein Leben damit verbracht hätte, Leben zu verändern und zu schaffen, und nie selbst daran teilgenommen hätte? Das wurde mir erspart, und ich bin froh darüber.

Doch nun waren Rokja und Dabja erwachsen. Rokja war mit Huschidhs Tochter Dza verheiratet, Dabja mit Luets Sohn Zhatva. Bald würden sie selbst Eltern sein. Sie brauchten Schedemei nicht mehr. Zdorab hatte sie nie gebraucht, nicht in Wirklichkeit. Sie gemocht, ja, sie sogar geliebt, aber nicht gebraucht. Warum bin ich also noch hier? fragte sie sich. Ich will nicht miterleben, wie diese Gemeinschaft auseinandergerissen wird. Ich will nicht zusehen, wie meine Kinder sich für die eine oder die andere Seite entscheiden müssen. Ich will nicht dabei sein, wenn Blut vergossen wird, wenn Leben genommen werden. Ich will mir nicht einmal um das Ergebnis Gedanken machen. Ich will nur ich selbst sein, mit Pflanzen und Tieren arbeiten, studieren, welche unterschiedlichen Entwicklungen die Biosysteme eingeschlagen haben, immer besser verstehen, wie das Leben sich selbst schafft. Ich will wissen, warum riesiges Weidevieh die Ebenen im Norden dieses Massivs durchstreift. Ich will wissen, warum zwei intelligente Spezies sich in unmittelbarer Nähe entwickelt haben, ohne daß eine von ihnen die andere vernichtet. Ich will wissen, warum die Überseele uns ausgerechnet zu diesem Ort gebracht hat, statt zu einem der vielen anderen, wo wir unsere Kolonie hätten begründen können, ohne uns in das Leben der Wühler oder Engel einzumischen.