Ich will, daß mein Traum Wirklichkeit wird.
Ja, das war der Wunsch, der allen anderen zugrunde lag. Der Traum, den der Hüter der Erde ihr vor so vielen Jahren geschickt hatte, ein Traum von einem Garten im Himmel. Natürlich war er schon erfüllt worden. Die Samen und Embryos, die sie mitgebracht hatte, spielten bereits eine Rolle im Leben dieses Planeten. Aber konnte der Traum nicht wortwörtlicher gemeint sein? Konnte sie nicht, sobald die Kolonie sich behauptet hatte, das Schiff wieder in den Himmel bringen und die Erde umkreisen, Ökosysteme studieren, Variationen und Verbesserungen und Hybriden verschiedener Lebensformen von Harmonie und der Erde entwickeln, nur hin und wieder landen, um Proben zu sammeln und Messungen vorzunehmen und neue Organismen auf der Welt einzuführen? Dann wäre sie, Schedemei, wirklich die Gärtnerin der Erde; dann hätte sie einen gesamten Planeten, mit dem sie spielen könnte. Ich bin für diese Aufgabe geschaffen, flüsterte sie der Überseele zu. Dann muß ich nicht mehr Teil dieser schmutzigen Rivalitäten hier in der Kolonie sein. Ich will mich nicht um Konflikte und Treuepflichten kümmern. Ich will nur lernen, damit ich verändern, schaffen, verwandeln kann. Darin liegt mein Talent. Ich habe nicht die Begabung, mit Menschen zurechtzukommen. Ich habe dir gegeben, was du gebraucht hast. Jetzt gib mir, was ich haben möchte.
›In Ordnung.‹
Schedemei fühlte, wie die Beklemmung und Sehnsucht aus ihren Gedanken sickerte. Die Überseele hatte gesagt, sie wäre einverstanden. Jetzt konnte Schedemei schlafen.
Ojkib war froh, sich endlich erheben zu können, nachdem er durch anscheinend endlose, niedrige Tunnels gewatschelt oder gekrochen war. Er hatte kaum auf seine Umgebung achten können, zum einen, weil das Grau und Braun der Felsen und Erdmauern kaum Abwechslung oder gar einen Ausblick geboten hatten, doch hauptsächlich, weil die Wühler, die sie umgaben, allesamt zu den Göttern riefen, so daß Ojkib die stummen Gebete und Psalme und Päane hörte, als würden die Wühler sie ihm ins Ohr singen.
Doch trotz des Stimmengewirrs lernte Ojkib allmählich einige Worte, einige Formen und Strukturen der Sprache. Zuerst waren sie wie Musik für ihn, und er hörte die Rhythmen und Melodien, die Bedeutungen und Gefühle ausdrückten. Das muß genau das sein, was Hunde in der menschlichen Sprache hören, dachte er. Die Musik in unseren Stimmen verrät ihnen, ob wir wütend oder glücklich, traurig oder verängstigt sind. Mehr verstand Ojkib von der Sprache der Wühler noch nicht, doch er wußte, daß dies sich bald ändern würde. Er hatte noch nie eine Zweitsprache erlernen müssen, so daß er bis jetzt nicht gewußt hatte, wie leicht es war. Er hatte ein Talent dafür. Oder vielleicht war es auch einfacher, eine Sprache zu lernen, wenn man die Sprechenden bereits in einem gewissen Ausmaß verstand, bevor man ihre Worte zu erfassen versuchte.
Als er nun in der Tempelkammer stand, in der das Licht des Mantels jede Ecke erhellte, hatte Ojkib Zeit, die Wühler zu betrachten, die sich an den Wänden des Raumes versammelt hatten. Daß sie von Ratten abstammten, war unverkennbar, aber das galt auch für die Tatsache, daß die Tausende von Generationen zwischen ihnen und ihren Ahnen sie weit mehr verändert hatten, als die Menschen von Basilika sich verändert hatten. Die Schnauzen und Barthaare traten noch deutlich zutage, aber nicht mehr so stark wie bei ihren Vorfahren, und die Kiefer hatten sich verändert und ihnen die Fähigkeit zur Sprache gegeben. Ojkib konnte es kaum erwarten, mit Schedemei darüber zu sprechen, welchen Zwecken all die anderen Veränderungen dienten.
»Ojkib«, sagte Nafai.
Genau, er hatte hier eine Aufgabe. Ein wenig verlegen, sich in einem so prekären Augenblick Tagträumen hingegeben zu haben, trat er neben Nafai. »Ja?« sagte er.
Doch Nafai antwortete nicht; sie betrachtete lediglich weiterhin die Statue, die auf einem Podest aus winzigen Knochen ruhte. Es war ein menschlicher Kopf. Aber nicht der irgendeines Menschen. Es war eindeutig Nafais Gesicht.
»Wann haben sie ihn geschaffen?« fragte Nafai.
Ojkib versuchte, die vielen Gebete voneinander zu trennen, die in der Kammer gesprochen wurden, und erhielt allmählich einige Informationen. »Sie haben sie nicht geschaffen«, sagte er. »Sie schaffen ihre Götter nicht selbst. Ihrer Meinung zufolge schaffen die Götter sich selbst. Sie preisen dich, weil du ihnen eine so perfekte Kopie deines Kopfes geschenkt hast.«
»Sie ist perfekt«, sagte Nafai. »Vielleicht ein bißchen jünger.«
»Sieh ihn dir an«, sagte Ojkib. »Der Kopf ist hundert Jahre alt.«
»Unmöglich.«
»Vor fünfzig Jahren hat die Königin diese Statue in jener winzigen abgelegenen Kammer gefunden, die du … gesegnet hast, oder was auch immer du damit angestellt hast.«
»Ich hoffe, daß ich sie gesegnet habe«, sagte Nafai.
»Damals war sie schon fünfzig Jahre alt. Offensichtlich war die Beziehung zu dieser Statue der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Wegen dir hat sie den Kriegskönig geheiratet. Weil du sie akzeptiert hast.«
»Bist du sicher, daß du die Sache auch richtig verstanden hast?« fragte Nafai.
»Keineswegs«, sagte Ojkib. »Aber es ist so klar wie alles andere, das ich verstanden habe. Wir haben noch genug Zeit, um alles genau zu klären. Aber eins steht fest. Dieser Kopf ist älter als jeder lebende Wühler. Und sie behaupten eindeutig, daß sie ihn nicht geschaffen haben — obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie ihre Tongötter sich selbst schaffen können. Sie weisen darauf hin, wie perfekt die Gesichtszüge erhalten geblieben sind. Das kommt daher, weil sie dich anders als die anderen Götter verehrt haben. Sie haben — das ist ziemlich abstoßend — sie haben deinen Kopf nicht gerieben, um sich fortzupflanzen.«
»Also haben ihre anderen Götter mit Fruchtbarkeitsriten zu tun.«
»Die Bilder, die ich empfange, sind ziemlich häßlich.«
»Religion ist nicht immer schön«, sagte Nafai. »Besonders, wenn ein Ungläubiger sie von außen sieht. Demnach haben sie die anderen Statuen bei Paarungsritualen benutzt, meine aber in Ruhe gelassen?«
»Genau. Weil du so häßlich warst.« Ojkib konnte ein leises Lachen nicht aus seiner Stimme halten.
»In ihren Augen bin ich das ganz bestimmt«, sagte Nafai. »Aber stell dir nur mal vor, was sie gedacht hätten, wenn es dein Kopf gewesen wäre.«
»Die Kinder wären bestimmt schreiend aus der Höhle gerannt.«
»Was soll ich denn jetzt mit dieser Statue anfangen?«
»Laß dir irgendein Ritual einfallen, Nafai. Bislang hast du eine prachtvolle Aufführung geboten.«
Also sank Nafai vor der Statue auf die Knie und improvisierte eine recht einfache und harmlose Ehrerbietung. Als er fertig war, stand er auf und lächelte Ojkib an. »Das ist ziemlich peinlich«, sagte er. »Daß man angebetet wird, meine ich. Obwohl einige zweifellos behaupten werden, daß ich mich insgeheim mein ganzes Leben lang danach gesehnt habe.«
»Dann verrate ihnen nicht, daß du angebetet wirst.«
»So was kann man nicht verbergen. Mein Gesicht, das vor hundert Jahren aus Ton geformt wurde … da ich es mit Sicherheit nicht geschaffen habe, muß es ein anderer gewesen sein. Jemand muß gewußt haben, wie ich aussehe.«
»Offensichtlich der Hüter.«
»Ja, aber verstehst du denn nicht? Das bedeutet, daß der Hüter hier auf der Erde zu einer Zeit Dinge von uns gewußt haben muß, als … na ja, als diese Information ihn nicht erreicht haben könnte, selbst wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit übermittelt worden wäre. Wenn diese Statue vor hundert Jahren angefertigt wurde, hätte der Hüter bei Lichtgeschwindigkeit mein Gesicht fast achtzig Jahre sehen müssen, bevor ich geboren wurde.«