Sie schaltete auf dem Computerbildschirm von den Skeletten der Wühler und Ratten auf die von Fledermäusen und Engeln um. »Die Engel hatten eine schwierigere Aufgabe — sie mußten die Flugfähigkeit behalten, ein Gehirn von höherem Gewicht stützen und die körperliche Kraft entwickeln, Werkzeuge zu benutzen. Ihr Kompromiß bestand darin, ihre Füße als starke Hände einzusetzen. Wenn sie auf einem Fuß stehen, ermöglichen die Hüftgelenke ihnen, sich weit genug zu drehen, um einen Axtstiel schwingen zu können. Doch während Fledermäuse nur über rudimentäre Hände verfügen, haben sie sich bei den Engeln zu brauchbaren Greifwerkzeugen weiterentwickelt. Sie können allerdings kein großes Gewicht tragen, und wie wir durch einen unglücklichen Zwischenfall erfahren haben, brechen die Arme, wenn man sie hart anfaßt. Also benutzen sie die Hände nicht zu groben körperlichen Aktivitäten, sondern eher für sehr feine, komplizierte Arbeiten.«
Schedemei saß da und musterte die anderen ruhig.
Endlich begriff Luet, was sie damit angedeutet hatte. »Du meinst, daß die Engel die Statuen in der Wühlerstadt angefertigt haben?«
»Die Wühlerhand ist einfach nicht dazu fähig, die Arbeiten auszuführen, die ihr beschrieben habt«, sagte Schedemei. »Ich habe die Wühler getestet, als sie noch halb bei Bewußtsein waren. Sie können nur Arbeiten leisten, die viel Kraft erfordern. Wenn man weichen Ton formt, muß man sehr zurückhaltend vorgehen und darf nur einen bestimmten Druck ausüben. Die Wühler sind nicht dazu imstande. Sie würden den Ton zu Brei zerstampfen.«
»Vielleicht«, sagte Issib, »hast du nur Soldaten und Handwerker untersucht.«
Schedemei wandte sich an Nafai und Ojkib. »Ist euch in den Höhlen irgendein Dimorphismus aufgefallen?«
»Nein«, sagte Nafai.
»Und sie haben eingestanden, daß sie die Statuen nicht selbst angefertigt haben«, fügte Ojkib hinzu.
»Aber es sind ihre Götter«, sagte Chveja. »Götter, die sie verehren, indem sie ihnen die Knochen toter Kleinkinder der Engel anbieten. Das kommt mir nur wenig übereinstimmend vor.«
»Ja, da hast du recht«, sagte Schedemei. »Aber das stößt genau ins Herz der wichtigsten Fragen überhaupt vor. Die erste lautet: Warum haben zwei intelligente Spezies sich praktisch in unmittelbarer Nachbarschaft entwickelt, ohne daß eine die andere vernichtet? Den Unterlagen in der Bibliothek zufolge haben sich mehrere intelligente Spezies gleichzeitig mit dem Menschen aus demselben Stamm entwickelt — Homo robustus und Homo heidelbergiensis, so hat man sie genannt. Doch der Homo erectus hat den Robustus praktisch ausgelöscht, und die modernen Menschen den Heidelberger.«
»Vielleicht haben sie sie auch absorbiert«, berichtigte Issib.
»Wie es auch geschehen sein mag«, fuhr Schedemei fort, »wo der moderne Mensch sich ausgebreitet hat, gibt es keinen Robustus, Heidelberger oder Erectus mehr. Wieso also haben sowohl die Engel als auch die Wühler überlebt?«
»Weil sie nicht um dieselben natürlichen Reichtümer konkurrieren?« fragte Chveja.
»Meine gute Schülerin«, sagte Schedemei lächelnd. »Aber die Wühler essen die Jungen der Engel. Und verehren die Statuen, die sie anfertigen. Also lassen sie sich nicht mit — zum Beispiel — Tintenfischen und Adlern vergleichen, die in gar keiner Hinsicht konkurrieren. Die Engel sind die Beute der Wühler. Und doch haben sie überlebt.«
»Kunstliebhaber«, sagte Nafai.
Es hörte sich wie eine weitere klugscheißerische Bemerkung an, und Luet wollte ihn schon wieder anstoßen, doch Schedemei antwortete darauf, als würde es sich um einen ernsten Einwurf handeln. »Ich glaube, du hast recht, Nafai. Ich könnte mir vorstellen, hier spielt irgendein biologischer Aspekt eine Rolle, und die Skulpturen haben damit zu tun. Hast du nicht gesagt, Ojkib, daß die Verehrung der Statuen immer etwas mit der Paarung und Fortpflanzung zu tun hat?«
Ojkib errötete und schaute verstohlen zu seiner Frau und dann zu Nafai hinüber.
»Sei doch nicht so schüchtern, Okja«, sagte Volemak. »Nafai hat es für das Richtige gehalten, den anderen zu erzählen, wozu du imstande bist. Nicht allen — nur den Leuten in diesem Raum. Es wäre doch sinnlos, alle anderen ihrer Gebete wegen in den Wahnsinn zu treiben.«
Issib grinste boshaft. »Wir sind natürlich so reinen Herzens, daß es uns nichts ausmacht, belauscht zu werden.«
»Issib will damit sagen«, warf Volemak ein, »daß wir die Tatsache akzeptieren, daß einige von uns die Fähigkeit haben, Dinge zu erfahren, die andere lieber geheimhielten. Aber du hast während deiner Kindheit und bis in dein Erwachsenenalter eine so bemerkenswerte Diskretion gezeigt, daß wir keine Angst vor dir haben.«
»Ich schon«, sagte Chveja. »Nur deshalb habe ich mich von dir schwängern lassen.«
»Veja«, tadelte Luet. Mußte das Mädchen so grausam sein?
»Auf jeden Fall stimmt es doch, Ojkib, nicht wahr?« fragte Schedemei.
»Ja«, sagte er. »Einige ihrer … Gedanken der Verehrung sind … schlichtweg pornographisch. Ich meine, wie sie von den Statuen denken. Wir haben gesehen, daß die meisten von ihnen abgescheuert sind. Manche sind nur noch bloße Tonklumpen. Sie beten, indem sie die Statuen überall an ihren Körpern reiben.«
»Das ist sehr hilfreich«, sagte Schedemei. »Dieses Verhaltensmuster kenne ich weder von Ratten noch von irgendwelchen anderen Nagetieren. Habt ihr bei euren Studien je so etwas gesehen?«
»Du bist die Biologin, Schedja«, sagte Huschidh. »Wenn du es nicht kennst, kannst du dich darauf verlassen, daß wir es ganz bestimmt nicht kennen.«
»Da wir gerade bei dem Thema sind, wer von uns was weiß«, sagte Luet, »würde ich gern wissen, warum ich hier bin. Ich meine, Schedjas Gatte ist nicht hier, und Tante Rasa auch nicht, also haben wir uns nicht paarweise oder so zusammengefunden. Schuja und Veja werden beide gebraucht, um die Wühler und Engel zu verstehen, weil sie Dinge sehen können, die die Sprache nicht ausdrücken kann. Ojkibs Methode ist anders, aber das Ergebnis ist dasselbe. Nafai ist derjenige mit dem Mantel, dessen Gesicht in der Wühlerstadt auf einer Statue abgebildet wird. Issib kann nicht auf den Feldern arbeiten, ist aber gut, was Sprachen betrifft, und niemand geht mit dem Index besser um als er. Also brauchen wir ihn für Nachforschungen und Gespräche. Aber warum bin ich hier?«
»Fühlst du dich unsicher, mein Schatz?« fragte Nafai mit spöttischer Besorgnis.
»Du bist hier«, sagte Volemak, »weil du du bist. Für das, was ich im Sinn habe, muß nicht jeder spezialisiert sein. Und du kommunizierst mit der Überseele besser als jeder andere.«
»Nicht, wenn ihr den Index benutzt«, erwiderte Luet. »Ich habe hier nichts zu suchen.«
»Halt den Mund, Lutja«, sagte Huschidh fröhlich. »Mit deinen Selbstzweifeln verschwendest du nur unsere Zeit.«
»Habe Geduld«, sagte Volemak. »Ich werde gleich zur Sache kommen, und dann wirst du schon verstehen.« Er löschte Schedemeis Darstellungen vom Bildschirm und ersetzte sie durch eine Landkarte der unmittelbaren Umgebung. »Hier sind wir«, sagte er, »und hier sind die Wühler. Und da oben sind die Engel. Jetzt ratet mal, welche Kultur wir am besten verstehen werden.«
»Besonders, wenn sie mal wieder Lust auf eine Entführung haben«, sagte Issib.
»Ich befürchte, das könnte zu einem unglücklichen Ende führen«, sagte Volemak. »Zuerst einmal werden wir natürlich der Spezies näherstehen, die wir besser begreifen, und das könnte ein ernster Fehler sein. Zweitens — und dieser Punkt ist vielleicht noch wichtiger — werden die Engel mit Sicherheit davon ausgehen, daß wir den Wühlern näherstehen und daher alles, was wir tun, mit Argwohn betrachten. Vielleicht sogar mit Feindseligkeit. Versteht ihr das Problem?«
Issib nickte. »Du möchtest, daß einige von uns dort hinauf ziehen und bei den Engeln leben.«