»Das hört sich so endgültig an«, sagte Nafai. Diesmal knuffte Luet ihn.
»Nicht einige von ihnen, Issja«, sagte Volemak. »Einige von euch.«
Issib schaute wütend drein. »Ich nicht«, sagte er. »Nicht mit dem Stuhl.«
Luet verstand ihn. Er hatte diese Jahre in der Wildnis gehaßt, als er körperlich hilflos gewesen war, wenn er nicht in seinem Flugstuhl gesessen hatte. Daß Huschidh ihn hochhob und trug und ihm bei seinen körperlichen Bedürfnissen half, war schon schlimm genug gewesen, als seine Kinder noch klein waren; nun aber würde es eine unerträgliche Erniedrigung sein. Hier, in der Nähe des Schiffes, funktionierten seine Magnetflossen genauso, wie sie in Basilika funktioniert hatten, und verliehen ihm eine beinahe normale körperliche Freiheit. Die würde er nicht aufgeben.
»Hört mich zuerst an«, sagte Volemak. »Ich habe die Sache genau durchdacht, und wenn ihr aufmerksam seid, werdet ihr meinen Schlußfolgerungen zustimmen. Zuerst einmal bin ich der Ansicht, daß wir nicht allzu viele zu den Engeln schicken sollten, weil wir den Großteil unserer Kraft hier brauchen, wo wir die Felder bestellen und die Kolonie gründen. Also werde ich nur zwei Paare und ihre kleinen Kinder zu ihnen schicken. Schedemei kann ich nicht entbehren, weil sie mit den Instrumenten im Schiff arbeitet. Aber ich muß jemanden schicken, der so methodisch vorgeht wie sie und mit dem Index vertraut ist. Und das trifft auf dich zu, Issib.«
»Das trifft auf jeden hier an diesem Tisch und die Hälfte derjenigen zu, die nicht hier sind«, sagte Issib.
»Chveja und Huschidh haben in etwa dieselbe Fähigkeit«, sagte Volemak, »und diese Fähigkeit ist unentbehrlich. Also bleibt die eine hier, und die andere geht.«
»Ojkib ist am besten geeignet, fremde Sprachen zu lernen«, sagte Issib. »Schicke ihn dort hinauf.«
»Ich brauche Ojkib hier unten«, sagte Volemak. »Ich möchte, daß nicht nur Elemak, sondern auch er die Sprache der Wühler erlernt.«
Luet verstand, genau wie alle anderen. Davon war sie überzeugt. Es wäre nicht ratsam, Elemak als einzigen Übersetzer zu haben. Volemak wollte es nicht geradeheraus sagen, aber man konnte Elemak nicht völlig vertrauen. Und wie er sich seit der Nacht der Entführung benommen hatte, war es zweifelhaft, daß er den Auftrag, mit den Wühlern zu arbeiten, überhaupt annahm.
»Außerdem«, sagte Volemak, »kennen die Wühler Ojkib.«
»Nafai kennen sie auch«, sagte Issib.
»Widersetze dich mir in dieser Angelegenheit nicht, Issja«, sagte Volemak. »Nafai halten sie für einen Gott. Deshalb ist es sehr wichtig, daß sie nicht allzu viel von ihm zu sehen bekommen. Sollen sie den Tonkopf ruhig anbeten, aber der Mensch selbst muß ein Geheimnis bleiben.«
»Mit anderen Worten«, sagte Nafai, »niemand, der mich kennt, könnte mich anbeten.«
»Das ist eine zutreffende Zusammenfassung«, sagte Volemak.
»Ich bete dich an«, sagte Luet viel zu freundlich.
Nafai lächelte genauso freundlich.
»Und was deinen Abscheu vor dem Stuhl betrifft«, sagte Volemak, »so sind Nafai und ich ziemlich sicher, daß wir irgendwo auf diesem Gipfel ein Relais aufstellen können. Er überblickt das Tal der Engel und die gesamte Schlucht, die zu ihm führt. Ich glaube, dort werden deine Magnete funktionieren.«
»Wenn ich nicht gerade hinter einen Baum trete«, sagte Issib.
»Das Relais besteht aus vier Anlagen, so daß es stets eine Parallaxe geben wird«, sagte Nafai. »Es müßte schon ein sehr großer Baum sein.«
»Falls die Magnete funktionieren, tue ich’s«, sagte Issib.
»Du wirst es sowieso tun«, sagte Volemak. »Wenn du in dem Stuhl sitzt, wirst du bloß wütender sein. Aber du bekommst den Index. Betrachte das als Trostpreis.«
»Also werden wir vier gehen«, sagte Nafai. »Die Brüder, die die Schwestern geheiratet haben.«
»Ich werde trotzdem nutzlos sein«, sagte Luet. Sie bemühte sich, leidenschaftslos zu klingen, doch es gelang ihr nicht.
»Nicht mehr und nicht weniger als Nafai«, sagte Volemak. »Die Engel werden von der leuchtenden Haut nicht so beeindruckt sein wie die Wühler. Ihr erster Kontakt mit uns war eine mutwillige Gewalttat. Selbst wenn Huschidh und Issib dich beraten, wird es einiger feinfühliger Manöver bedürfen, sie dazu zu bringen, euch überhaupt zu akzeptieren. Yasai und Padarok haben mir versichert, daß unser verletzter Engel nicht gewalttätig reagiert hat. Aber das bedeutet nicht, daß die anderen genauso friedlich sein werden. Schließlich sind sie eine intelligente Spezies. Wenn Menschen und Wühler ein Beispiel dafür sind, was das bedeutet, müssen wir davon ausgehen, daß sie genauso viele mörderische Neigungen haben wie wir.«
»Dann löschen wir sie doch einfach aus«, sagte Nafai.
Alle blickten ihn entsetzt an.
»Das war ein Scherz«, sagte er.
»Versuche lieber nicht, mit den Engeln solche Scherze zu machen«, sagte Volemak.
Nafai schaute empört drein. »Wenn ich für irgend etwas die Verantwortung trage, mache ich keine dummen Scherze«, sagte er. Dann grinste er. »Aber das ist dein Treffen.«
»Ich weiß deine Unterstützung zu schätzen«, sagte Volemak. »Hat noch jemand etwas vorzubringen?«
»Ich«, sagte Schedemei. »Es betrifft hauptsächlich die vier von euch, die zu den Engeln gehen, aber eigentlich auch alle, die mit den Wühlern arbeiten. Ihr müßt auf alles achten. Nicht nur auf die Einzelheiten, in denen sie sich von uns unterscheiden, sondern auch auf die, in denen wir uns gleichen. Ihr müßt euch sofort Notizen machen und alles aufschreiben, was euch auffällt. Je länger ihr damit wartet, desto mehr werdet ihr euch daran gewöhnen, wie sie die Dinge handhaben, und um so unwahrscheinlicher wird es, daß die Einzelheiten euch dann noch auffallen. Issib hat den Index, und ich habe die Computer hier auf dem Schiff — wir könnten jeden Abend Berichte anfertigen.«
»Wann sollen wir damit anfangen?« fragte Ojkib.
»Die Arbeit mit den Wühlern beginnt sofort«, erwiderte Volemak. »Doch wir werden erst wieder in diese Schlucht gehen, wenn wir einen gesunden — oder zumindest nicht sterbenden — Engel seinem Volk zurückbringen können. Bis dahin werdet ihr vier abwechselnd bei diesem armen, geprügelten Burschen bleiben. Verbringt soviel Zeit mit ihm, wie Schedemei es für ratsam hält. Macht ihn euch zum Freund, wenn ihr könnt.« Dann schaute er sie alle düster an. »Und achtet darauf, daß dieser Bursche nicht mal in Elemaks Nähe kommt. Elja hat wie immer Zugang zum Schiff, aber ich werde ihn bitten, sich von dem Deck fernzuhalten, auf dem Schedemei den Engel gesundpflegt. Das müßte genügen.«
Schedemei hatte nur noch eins hinzuzufügen. »Ich möchte ganz besonders alles erfahren, was mit Sex zu tun hat. Reproduktion und Überleben — das sind die beiden Schlüsselkräfte, die die Evolution antreiben. Ich werde ihre Biologie oder ihre Kultur erst verstehen, wenn ich weiß, was für ihre Paarung, Fortpflanzung, Ernährung und Verteidigung lebensnotwendig ist. Irgendwie spielen diese Skulpturen für beide Kulturen eine Rolle.«
»Kunst ist Leben«, sagte Nafai. »Und Leben ist Kunst.«
Luet knuffte ihn erneut, diesmal so heftig, wie es ihr möglich war. Er jaulte auf. Sie hoffte, daß ein blauer Fleck zurückbleiben würde.
Als die Versammlung sich auflöste, sahen Schedemei und Issib sich noch die abgetasteten Bilder der Körper der Wühler und des Engels an. »Ich wollte das eigentlich vor der ganzen Gruppe zur Sprache bringen«, sagte Schedemei, »aber das Treffen ist anders verlaufen. Ich habe nicht gewußt, was Volemak vorhatte, und wichtig ist nur, daß ihr es wißt, damit ihr nach einer Erklärung suchen könnte, sobald ihr in der Schlucht der Engel seid.«