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»Ich habe noch nicht eingewilligt«, sagte Issib.

Schedemei blickte ihn verdutzt an.

»Na ja, zeig’s mir trotzdem«, sagte Issib.

»Hier«, sagte sie. »Bei den Männern der Wühler. Und hier, bei unserem Engel, ebenfalls bei einem männlichen Exemplar.«

»Ich weiß nicht, was das ist, worauf du zeigst.«

»Ich auch nicht«, sagte Schedemei. »Aber es ist ein winziges Organ, vielleicht eine Drüse, ich bin mir über die Funktion keineswegs im klaren. Aber bei den Menschen ist sie nicht vorhanden, und auch bei keiner anderen Spezies, die ich untersucht habe.«

»Dann sind diese Wesen eben anders.«

»So einfach ist das nicht«, sagte Schedemei. »Biologische Mannigfaltigkeit entsteht durch Verzweigungen. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Geschöpfe zu ähnlichen Organen kommen können. Die eine ist die, daß sie einen gemeinsamen Vorfahren haben. Die andere ist die konvergierende Entwicklung — ein ähnlicher Druck in der Umgebung veranlaßt sie, ähnliche Strategien zu entwickeln, um diesem Druck zu begegnen. Wenn sie das identische Organ nun wegen eines gemeinsamen Vorfahren haben, müßte es auch bei allen anderen Spezies auftreten, die sich zur gleichen Zeit von derselben Quelle abgespalten haben. Aber dem ist nicht so, Issib. Keine andere Spezies von Ratten oder Fledermäusen oder irgendeines Nagers oder verwandten Tieres hat an dieser Stelle oder auch nur in der Nähe irgend etwas, das diesem Gebilde auch nur entfernt ähnlich sieht. Ich spreche von unserer Gegenwart und von der Zeit vor vierzig Millionen Jahren, als die ältesten biologischen Daten des Schiffes zusammengestellt wurden. Es ist einfach nicht vorhanden.«

»Also eine konvergierende Evolution.«

»Aber von der Skelett- und Muskelstruktur einmal abgesehen, beschert einem die konvergierende Entwicklung lediglich Organe mit ähnlichen Funktionen. Es gibt keinen besonderen Grund, warum sie sich an derselben Stelle befinden sollten.«

»Es sei denn, es hat etwas mit der männlichen Reproduktion zu tun, und die Stelle unmittelbar oberhalb des Hodensacks ist die einzige, an der dieses Organ seine Funktion ausüben kann.«

»Genau. Ihr müßt da oben also nach einem Grund suchen — selbstverständlich suche ich hier unten auch danach —, warum diese beiden Spezies, und nur diese beiden, dieses Organ besitzen. Es ist doch seltsam … warum haben ausgerechnet die beiden intelligenten Spezies der Erde diese eigentümliche Ähnlichkeit?«

»Weil sie in einem Zusammenhang mit ihrer Intelligenz steht?« fragte Issib.

»So muß der erste Gedanke lauten«, sagte Schedemei. »Andererseits haben wir noch keine Gelegenheit gehabt, uns ihre Frauen anzusehen. Sie sind ebenfalls intelligent … aber wenn sie dieses Gebilde nicht aufweisen sollten …«

»Oder eins mit einer analogen Funktion …«

»Du erkennst das Geheimnis«, sagte Schedemei. »Dieses Organ kam von irgendwoher und hat irgendeine Funktion, und es existiert nur bei den beiden intelligenten Spezies, und vielleicht nur bei den männlichen Exemplaren. Wenn man bedenkt, wo es angebracht ist, hat es vielleicht wirklich etwas mit der Fortpflanzung zu tun.«

Issib grinste. »Vielleicht sind sie den Menschen ähnlicher, als wir dachten.«

Schedemei blickte finster drein. »Du willst damit sagen, daß die männliche Intelligenz vielleicht von Testosteron abhängig ist?«

»Ich hätte es unhöflicher ausgedrückt«, sagte Issib.

»Zweifellos«, sagte Schedemei, »da du ja selbst ein Mann bist. Aber wie du bereits angedeutet hast, denken die menschlichen Männer sowieso schon die halbe Zeit über mit ihrem Glied, und sie haben dieses seltsame kleine Organ nicht.«

»Es war nur ein Scherz, Schedemei, kein ernsthafter wissenschaftlicher Vorschlag.«

Schedemei lächelte schwach. »Das war mir klar, Issib. Ich habe mit einem Scherz darauf geantwortet.«

Er lachte. Es klang ein wenig gezwungen.

»Haltet nach irgendeiner Erklärung Ausschau, Issib, mehr verlange ich gar nicht. Ich werde alles in die Datenbank eingeben, was mir auffällt, damit dir die Informationen da oben über den Index zur Verfügung stehen.«

»Falls ich dort hinaufgehe«, sagte Issib.

»Wie auch immer«, sagte Schedemei.

Während Issib und Schedemei an einem der Computerterminals sprachen, winkte Chveja Luet zur Seite und wartete mit ihr, bis alle anderen die Bibliothek und das Schiff verlassen hatten.

»Warum hat Vater sich während des Treffens so kindisch benommen?« fragte Chveja. »Das war ja direkt peinlich.«

»Kindisch?« fragte Luet. »So ist es mir gar nicht vorgekommen. Er hat sich schon öfter so benommen.«

»Ich habe es bei ihm noch nie erlebt. Und es war gar nicht komisch.«

»Für ihn schon«, sagte Luet. »Und für mich eigentlich auch.«

»Ich verstehe ihn überhaupt nicht«, sagte Chveja.

»Natürlich nicht«, sagte Luet. »Er ist dein Vater.«

Chveja hatte die Treppe fast erreicht, als Luet die richtige Antwort auf Chvejas richtige Frage einfiel. »Veja, meine Liebe, es ist ganz einfach, wieso du ihn noch nie so gesehen hast. So benimmt er sich, wenn er glücklich ist.«

Chveja runzelte die Stirn, nickte nachdenklich, schwang sich dann auf das Treppengeländer und rutschte wie ein Kind hinab. »Sei vorsichtig!« rief Luet ihr nach. »Vergiß nicht, daß du schwanger bist!«

»Ach, Mutter!« rief Chveja zurück, und ihre Stimme hallte durch jede Etage des Schiffes.

Und sie kritisiert ihren Vater, weil er sich kindisch benommen haben sollte? Luet schüttelte den Kopf, packte das Geländer und stieg die Treppe eine Stufe nach der anderen hinab.

Poto hing mit dem Kopf nach unten von dem Ast und hatte die Schwingen eng um seinen Körper gelegt, ganz ähnlich wie die Kleidung, die die Alten trugen. Er hörte sich mit geduldigem Schweigen Bobois Strafpredigt an und die aller anderen, die ihre Partei ergriffen hatten. Es waren so viele, aber niemand stellte sich auf Potos Seite. pTos Frau, Iguo, hätte gern für ihn gesprochen; aber es war einer Frau verboten, unter solchen Umständen zu sprechen, ganz einfach, weil jeder wußte, was sie sagen würde. Sie stand kopfüber auf demselben Ast wie Poto, schwieg aber.

Obwohl Poto allein stand, sprachen zwei Dinge für ihn. Erstens wußte hier jeder, was man seinem Ander-Ich schuldig war. Boboi konnte so viele Argumente vorbringen, wie sie wollte — pTo ist bestimmt tot; die Alten sind bereits wütend, also provozieren wir sie nicht noch mehr; die Alten haben pTos Leiche nur mitgenommen, um sie den Teufeln zum Fraß vorzuwerfen —, doch im Herzen eines jeden Mannes und einer jeden Frau, die an dieser Versammlung teilnahmen, regten sich die tiefen und komplizierten Gefühle, die jeder seinem oder ihrem Ander-Ich entgegenbrachte. Potos Gefühle hingegen waren wesentlich unklarer. pTo war gegen Potos ausdrücklichen Rat hinabgeflogen; und ebenfalls gegen Potos Rat war er den Alten dann allein gegenübergetreten, um ihnen das gestohlene Getreide zurückzugeben. Aber pTo war auch sein Ander-Ich, und als Poto sah, wie der wütende bärtige Riese pTos Körper wie Anmachholz brach und zerriß, hätte Poto am liebsten aufgeschrien und wäre zu dem Alten geflogen, obwohl dies den sicheren Tod bedeutet hätte und streng verboten war. Wenn man den Gefangenen nicht retten kann, gibt man ihnen keinen zweiten. Poto hatte versucht, die Gesetze und Weisheiten des Volkes zu befolgen; andere lobten ihn hinterher dafür, daß er Ruhe bewahrt hatte, aber das war für ihn nur ein geringer Trost. pTo, du Narr! rief er insgeheim. Und dann: pTo, mein Ander-Ich, hätte ich doch nur für dich sterben können!

Denn hatte das Schicksal nicht vorgesehen, daß eigentlich Poto hätte sterben sollen? Als sie zwei Jahre alt gewesen waren — zu groß, daß ihre Eltern einen von ihnen allein tragen konnten —, waren die Teufel auf ihrem Raubzug gekommen und hatten das Versteck der Familie gefunden. Ohne das geringste Zögern hatten beide Eltern pTos Füße ergriffen und ihn zu der hohen Zuflucht getragen. Es war ein langer Flug. Poto war allein auf dem Ast, und ein Wühler kletterte behende zu ihm hinauf. Da Poto wußte, daß seine Eltern sein Ander-Ich und nicht ihn gewählt hatten, wäre er beinahe geblieben, wo er war. Warum sollte er Wert auf sein Leben geben, wenn es für seine Eltern keinen Wert hatte? Aber der Überlebenswille war zu stark. Und da war auch noch pTos Ruf, als seine Eltern ihn davongetragen hatten. »Lebe, kleine Seele!« hatte er geschrien. Für seine Eltern war Poto nichts, also würde er für sie nicht leben. Aber er würde für pTo leben.