»Angehörige der Versammlung«, rief Poto, »ich kann nur noch eins hinzufügen: Mein Ander-Ich hat nichts Schrecklicheres getan, als in den Fußstapfen Kitis zu wandeln, des berühmten Vorfahren seiner Frau. Sie beide wurden von den Alten angezogen. pTo hat uns alle in Gefahr gebracht, doch obwohl Boboi bestimmt hat, niemand solle zu den Alten gehen, bis die Versammlung dies beschließt, bleibt die Tatsache bestehen, daß die Versammlung sein Tun noch nicht verboten hat. Es war tollkühn, aber es war auch tapfer, und er hat es nicht für sich getan, sondern zum Wohle des Volkes. Zumindest hat er es dafür gehalten. Sollte man so einen aufgeben? Sollte man sein Ander-Ich zerreißen, um zu verhindern, daß er ihm hilft? Ich glaube, jeder hier, sogar Boboi, wäre stolz, das Ander-Ich eines so Tapferen zu sein, wie mein pTo es ist. Gebt mir die Gelegenheit, ihm ein wahrer Bruder und Freund zu sein. Die Gefahr für das Volk ist nicht bekannt. Soll das unbekannte Böse uns davon abhalten, das bekannte Gute zu tun?«
Mit diesen Worten drehte Poto sich langsam auf dem Ast um und breitete die Schwingen aus, bereit, sie reißen zu lassen, sollte dieses Urteil ergehen. Er hörte das Geräusch, mit dem Bobois Anhänger zu Boden fielen. Wie viele? Sie fielen schnell, alle gleichzeitig, und dann waren keine mehr übrig. So schnell hatten sie sich entschlossen. Vielleicht bedeutete dies, daß nur diejenigen für sie gestimmt hatten, die auch für sie gesprochen hatten.
Vielleicht aber auch nicht.
Chveja erwachte wie üblich als erste. Normalerweise konnte sie tagaus, tagein viel länger schlafen als Ojkib, doch zu ihrer Überraschung hatte die Schwangerschaft bereits die Kapazität ihrer Blase vermindert, und sie mußte vor Tagesanbruch aufstehen, ob sie nun wollte oder nicht. Und sie wollte oft nicht. Aber es war auch sinnlos, sich wieder schlafen zu legen. Sie würde sowieso nur wachliegen, und da konnte sie genauso gut aufstehen und etwas tun. Und das bestand heute darin, auf einem Stuhl zu sitzen, der an einer Wand ihres einzimmrigen Hauses lehnte, und sich Basilika vorzustellen, die Stadt der Frauen. Mutter hatte ihr von Gebäuden erzählt, von Tausenden von Gebäuden, die so eng beisammen standen, daß sie sich auf allen Seiten berührten, bis auf die vordere. Und manchmal kamen Leute und bauten ein neues Haus direkt vor dem eigenen, das einen völlig von der Straße abschnitt, wenn man nicht das Geld hatte, Schläger anzuheuern, die sie vertrieben. Man konnte ein Haus auch quer über die Straße bauen und sie völlig blockieren — aber meistens rissen die Passanten, die wütend waren, daß jemand ihre Straße schließen wollte, es im Vorbeigehen wieder ab.
Es war nicht leicht, sich einen solchen Ort und so viele Menschen vorzustellen. Ihr Leben lang hatte Chveja nur die Leute der Kolonie gekannt. Die einzigen weiteren Menschen, die sie kennenlernte, waren die Babys, die geboren wurden. Die einzigen Gebäude, die sie gesehen hatte, waren jene Gebäude, die sie mit eigenen Händen erbaut hatten — und die unmöglichen, magischen Bauten des Raumhafens, und das war keine Stadt, da ihre Bevölkerung aus genau denselben Leuten bestand, die sie schon immer gekannt hatte.
Aber die Wühler hatten eine Stadt, oder? Auch wenn sie unterirdisch lag, abgesehen von den Stellen, an denen die Eingänge zu ihren Tunnels nach oben in die Bäume gebohrt waren. Chveja stellte sich vor, wie sie geklettert sein mußten, als die Menschen von Harmonie eingetroffen waren und begonnen hatten, die Bäume zu fällen, um dort, wo sie gelandet waren, Felder anzulegen. Die Tunnels, die zu den gefällten Bäumen führten, mußten gefüllt werden, damit die Menschen, wenn sie in die hohlen Stämme schauten, nicht sahen, daß sich unter ihnen Tunnels öffneten. Und selbst nachdem die Wühler so viele Tunnels gefüllt hatten, verfügte ihre Stadt noch immer über ein gewaltiges Netzwerk miteinander verbundener Kammern.
Chveja wußte, daß dem so war. Sie konnte nun die Verbindungen zwischen vielen, vielleicht sogar den meisten der Wühler sehen, und sie wußte, daß es dort unten Hunderte von ihnen gab und ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Es war die einzige richtige Stadt, die sie je gesehen hatte; aber sie hatte sie ja noch gar nicht richtig gesehen und würde wahrscheinlich auch nie dazu kommen. Sie würde nie durch die Tunnels kriechen. Chveja hoffte, daß sie nie in der Dunkelheit hindurchkriechen würde. Ihre Haut leuchtete nicht, wie die Vaters es vermochte, wenn er es wollte. Dort unten war die ganze Zeit über Nacht. Und sie würde von Fremden umgeben sein. Es lag nicht daran, daß sie fremdartig waren, tierähnlich. Es lag daran, daß Chveja sie nicht kannte, daß sie nicht wußte, was sie zu erwarten hatte. Selbst Elemak, selbst Meb und Obring, so gefährlich und unzuverlässig sie auch sein mochten, schienen ihr sicherer zu sein, weil Chveja sie zumindest kannte. Die Wühler aber waren ihr fremd.
Und so mußte es auch in Basilika gewesen sein. Niemand konnte dermaßen viele Leute kennen, so daß man von Fremden umgeben gewesen sein mußte, wenn man die Straße entlang ging, von Leuten, die man nie zuvor gesehen hatte und die man nie wieder sehen würde, die von überall her kommen, die alles mögliche denken konnten, die schreckliche Dinge begehren mochten, die einen selbst oder die vernichten konnten, die man liebte und an denen einem lag, und man wußte nicht einmal etwas davon.
Wie haben sie es gemacht, die Leute, die dort gewohnt hatten? Wie konnten sie es ertragen, ein Leben unter völlig Fremden zu führen? Warum haben sie sich nicht einfach in ihre Häuser zurückgezogen, die Türen verriegelt und sich jammernd in eine Ecke gehockt?
Warum tue ich das nicht? fragte sich Chveja. Ich weiß, daß ich von Wühlern umgeben bin, die ich nicht kenne, deren Verhalten ich nicht vorhersagen kann, die die Macht haben, mich und alle zu vernichten, die ich liebe —, und warum gehe ich am Abend noch zu Bett und stehe am Morgen auf?
Jemand klatschte vor der Tür leise in die Hände.
Chveja stand auf und ging zur Tür. Es war Elemak.
»Ist Ojkib auf?« fragte er.
»Äh, nein«, sagte Chveja. »Aber es wird Zeit, daß er erwacht.«
»Ich bin auf«, sagte Ojkib schläfrig vom Bett aus. »Jedenfalls wach.«
»Komm rein«, sagte Chveja.
Elemak tat wie geheißen. Er blieb stehen, bis Ojkib sich im Bett aufsetzte und seinem ältesten Bruder bedeutete, er solle am Fuß des Bettes Platz nehmen. »Was gibt es?« fragte er.
»Volemak will, daß ich mit diesen Wühlern arbeite, die wir als Geiseln genommen haben«, sagte Elemak.
»Wenn du willst«, sagte Ojkib.
»Ich tue meine Pflicht«, sagte Elemak und lächelte grimmig. »Ich habe den Eid geleistet.«
»Na ja«, sagte Ojkib. »Dann sollen wir wohl beide seine Sprache lernen.«
»Du bist mir schon weit voraus«, sagte Elemak. »Ich möchte, daß du mir beibringst, was du über ihre Sprache weißt.«
»Es ist noch nicht viel. Nur ein paar Begriffe. Ich kenne die Struktur noch nicht.«
»Was immer du auch weißt, ich möchte es gern lernen. Ich hätte auch gern, daß Protschnu es lernt. Kannst du uns nicht Unterricht in der Wühlersprache geben?«
»Das ist eine gute Idee«, sagte Ojkib. »Ja, natürlich.«
Draußen lief jemand. Trommelnde Schritte. Protschnu stand auf der Schwelle. »Vater«, sagte er.
Elemak erhob sich.
»Auf dem Dach von Issibs Haus steht einer dieser Engel.«
»Wer hat Wache?« fragte Ojkib, stand auf und zog sich schnell an.
»Motja«, sagte Protschnu. »Er hat mich geschickt, dich zu holen.«
»Mich zu holen?« fragte Elemak.
»Äh … na ja, die Erwachsenen zu holen.«
»Er hat nicht mich gemeint«, sagte Elemak.
Protschnu schaute trotzig drein. »Aber ich wollte dich holen.«
»Hol Volemak«, sagte Elemak.
Chveja war überrascht, daß Elemak so gut verstand, was für eine Rolle er jetzt in der Gemeinschaft spielte — und daß er sie zu akzeptieren schien. Sie wußte, daß seine Verbindung mit den meisten Leuten mittlerweile sehr dünn war, sah aber, daß das Band mit seinem ältesten Sohn hell und stark war. Und doch hatte er zugelassen, daß sein Sohn Zeuge seiner eigenen Erniedrigung geworden war. Es machte sie ziemlich traurig, daß er nicht so stark und stolz sein konnte, wie Protschnu es gern gehabt hätte. Das verursachte echten Schmerz in Protschnu, und doch trat Elemak dem offen gegenüber und …