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Der Engel sprach leise, aber nicht zu ihr, sondern zu seinem Zwilling.

»pTo, sie hat sich zu meiner Tante gemacht. Sie hat mich wahrhaftig umschlossen, auch von der Seite.«

»Oh, Poto, möge unser ganzes Volk eine solche Gabe von den Alten bekommen«, antwortete pTo aus dem Bett hinter ihm.

»Der im Bett betet darum, daß sein ganzes Volk so eine Segnung von den Alten bekommt«, sagte Ojkib.

»Sehr schön«, bemerkte Schedemei.

»Das reicht nicht«, sagte Luet. »Ich will nicht, daß wir für diese Wesen Götter sind.«

Und sie bückte sich vor ihm und ermöglichte es ihm, ihren Kopf zwischen die Hände zu nehmen.

»Was soll ich tun, pTo?« rief Poto in höchster Not. »Sie verbeugt sich vor mir wie vor einem Vater und neigt ihren Kopf nicht mal zur Seite.«

»Wenn die Alte verlangt, daß du ihr Vater bist, dann sei es eben!« sagte pTo. »Mach sie nicht wütend! Sie sind schrecklich, wenn sie wütend sind.«

»Aber ich kann nicht ihr Vater sein«, sagte Poto. »Das wäre nicht richtig.«

»Es ist richtig«, sagte pTo. »Sie hat keinen Vater. Er ist tot.«

»Und woher weißt du das, gebrochene Schwinge?«

»Er ist tot, Poto. Ich weiß es. Ich habe es gesehen, als ich schlief. Ich habe es in meinen Träumen gesehen.«

»Du hast noch nie das Gesicht der Alten gesehen, die vor mir kniet.«

»Ich habe auch sie gesehen. Ich habe sie alle gesehen.« Es entsprach der Wahrheit. pTo hatte sich bis jetzt nicht daran erinnert, bis zu dem Augenblick, da er die Erinnerung brauchte, und da kam sie wie eine Flutwelle zurück. Er hatte in seinen Träumen all ihre Gesichter gesehen. Sogar das des Wütenden, nur daß er nicht wütend, sondern von Kleinen umgeben war, seinen Kindern. Und aufgrund ihrer Stimme erkannte er, wer diese Alte war. Er hatte sie gesehen, wie sie beide seiner eigenen erstgeborenen Kinder auf den Schultern trug. »Sie wird eines Tages auf einer Wiese im Dorf stehen, und meine Kinder werden auf ihren Schultern stehen.«

»Na schön«, sagte Poto. »Dann nehme ich sie als meine Nichte an.«

»Tochter«, sagte Poto. »Sie hat keinen Vater. Du wirst jetzt ihr Vater sein.«

»Ich habe keine Frau«, sagte Poto. »Welche Frau wird mich heiraten, wenn sie dabei die Mutter einer Alten werden muß?«

»Diejenige, die deine Frau sein sollte, und keine andere«, sagte pTo. »Du wurdest auserwählt, der Vater einer Alten zu sein, und machst dir Sorgen, ob du eine Frau bekommen wirst? Bist du so einsam, mein liebes verrücktes Ich?«

»Sie klingen aufgeregt«, murmelte Luet.

»Bleibe einfach, wo du bist«, sagte Ojkib. »Ich bekomme einen Teil davon mit. Ich glaube, als du seinen Kopf zwischen die Hände genommen hast, hast du ihn damit zu einem Verwandten gemacht. Du hast ihn unter deinen Schutz genommen. Und jetzt bittest du ihn, dich als Verwandte zu adoptieren.«

»Hm«, machte Luet. »Vielleicht ist das keine so gute Idee.«

»Tu es«, sagte Schedemei. »Bleibe einfach stehen und lasse ihn entscheiden.«

Das Gespräch zwischen den beiden endete. Und dann breitete Poto die Schwingen aus, doch statt sie um Luets Kopf zu legen, umschloß er ihren gesamten Körper damit. Sie fühlte die federleichte Umhüllung. Sie wußte, wenn sie einen Arm bewegte, würde sie die betreffende Schwinge zerreißen; aber sie wußte auch, sollte sie die Schwinge dieses Geschöpfs zerreißen, würde dies nicht ihn, sondern sie vernichten.

»Er betet, daß er dir ein guter Vater sein kann«, sagte Ojkib.

»Vater?« fragte Luet.

»Er sagt, er hoffe, den Platz deines alten Vaters einnehmen zu können, der an einem fernen Ort starb.«

»Was?« sagte Chveja. »Mutter, wie kann er das wissen?«

»Er sagt, er wird nicht sterben, außer, wenn er sterben kann, während er dich vor den hungrigen Teufeln verteidigt. Ich glaube, das gehört bei einer Adoption zu den rituellen Redewendungen. Aber du bist natürlich kein Kleinkind mehr.«

»Kannst du mir das Wort für Vater sagen?« fragte Luet.

»Hm«, machte Ojkib. »Mal sehen … falls er es noch einmal sagt, während ich lausche …«

Der Engel sprach erneut.

»Bet«, sagte Ojkib.

»Was?« fragte Chveja.

»Das Wort lautet Bet. Das Wort für Vater.«

Als der Engel seine Schwingen von ihr nahm, hockte Luet sich auf die Fersen und blickte ihm in die Augen. »Poto«, sagte sie und zeigte auf ihn. »Bet.« Dann zeigte sie auf sich. »Luet«, sagte sie.

»Was sagt sie?« fragte Poto. »Ich glaube, sie hat mir ihren Namen genannt, aber ich weiß nicht, was das für ein Geräusch ist. Es klingt so seltsam.«

»Uh-Et«, sagte pTo.

»Nein, vorher kommt noch etwas anderes. Aber kein Teufelsgeräusch, nur ein Verzerren der Musik. Wuh-Et. Juh-Et.«

»Hör doch, wie er versucht, deinen Namen zu sprechen«, sagte Ojkib. »Ich glaube, in ihrer Sprache gibt es kein L.«

»Wuet kommt dem schon ziemlich nah«, sagte Luet. Sie nickte und akzeptierte den Namen, den Poto aussprechen konnte. »Wuet«, sagte sie und zeigte erneut auf sich und dann auf ihn. »Poto. Bet Poto.«

»Potobet«, berichtigte der Engel sie.

»Potobet«, sagte sie.

Dann zeigte er erneut auf sie. »Wuetigo«, sagte er.

»Wuetigo«, sagte sie und zeigte auf sich.

Danach nickte der Engel — aber bei ihm war es eine übertriebene, unbeholfene Bewegung. Sie brachten ihr Einverständnis wahrscheinlich nicht durch ein Nicken zum Ausdruck, aber er hatte gesehen, wie die Menschen es taten, und folgte nun ihrem Beispiel. »Kluger Bursche«, sagte sie.

Dann zeigte sie auf das Bett, auf dem der andere Engel lag. »Po-To?« fragte sie.

»pTo«, sagte Poto.

»pTo«, antwortete sie.

»pTobet«, fügte Poto hinzu.

»Aha«, sagte Schedemei. »Wenn der eine dich adoptiert, ist auch der andere Zwilling dein Vater.«

»Zwillinge müssen in ihrer Kultur eine große Rolle spielen«, sagte Ojkib.

Vom Bett erklang die Stimme des Verletzten. »Wuetigo«, sagte er. Und dann verdrehte er zu ihrer Überraschung unter großen Mühen seine Zunge und sagte: »Luetigo.«

Sie lachten und klatschten erfreut in die Hände. Zuerst wirkten die Engel erschrocken, verängstigt. Doch als sie dann sahen, daß die Menschen beim Klatschen auch nickten, tat Poto es ihnen gleich.

In diesem Augenblick betrat Nafai den Raum, gefolgt von Issib und Huschidh. »Habe ich irgend etwas verpaßt?« fragte er.

»Nicht viel«, sagte Luet. »Darf ich dir meine neuen Adoptivväter vorstellen, Poto und pTo. Aber weil ich ihre Tochter bin, muß ich sie Potobet und pTobet nennen. Und sie nennen mich Luetigo.«

»Luetigo bedeutet, daß du ihre Tante bist«, sagte Ojkib. »Vergiß nicht, du hast sie zuerst adoptiert. Der auf dem Bett … Poh-To …«

»pTo«, verbesserte Chveja ihn.

»Der Verletzte«, sagte Ojkib. »Er ist sehr dankbar, daß du ihnen die Ehre erwiesen hast, sie zu deinen Neffen zu machen, und dann die noch größere Ehre, daß sie deine Väter sein dürfen. Es bedeutet ihnen sehr viel. Und ich glaube, es ist von Dauer.«

»Ja«, sagte Huschidh. »Du siehst es doch auch, nicht wahr, Chveja?«

»Sie haben dich in ihr Leben aufgenommen, Mutter«, sagte Chveja. »Du gehörst jetzt zu ihrer Familie. Du bist mit ihnen verbunden, wie du mit mir verbunden bist. Sie scherzen nicht. Das ist keine bloße Formalität.«

»Sie glauben«, sagte Ojkib, »dies bedeutet, daß alle Alten auf ewig Freunde des … Volkes, der Engel sein werden.«

»Gut«, sagte Nafai. »Ich glaube, wir haben einen sehr guten Anfang gemacht. Jetzt lassen wir die beiden für eine Weile allein. Schließ die Medizin weg, Schedja, und dann verschwinden wir für ein paar Stunden.«