»Der Schmerz wird ihm nicht gefallen.«
»Kannst du ihm etwas geben, das ihn bei Bewußtsein bleiben läßt?«
»Ja«, sagte Schedemei. »Aber wird sein Zwilling es zulassen?«
Poto war nicht sehr erfreut darüber. Doch als Luet sich vor ihm verbeugte und beide Hände zu einer demütigen Bitte ausstreckte, schien er zu verstehen, daß das Werkzeug in Schedemeis Hand keine Bedrohung darstellte. Sie spritzte das Medikament in pTos Unterschenkel, und dann verließen sie alle den Raum.
»Sie vertrauen uns«, sagte pTo.
»Oder aber, wir sind beide Gefangene«, sagte Poto.
»Dann stell sie doch auf die Probe. Geh einfach. Ich weiß, sie werden dich gehen lassen.«
»Ich werde erst gehen, sobald du mich begleiten kannst.«
»Dann sind wir Gefangene. Aber meine Verletzung hält uns hier fest, nicht die Alten.«
Poto kehrte zum Bett zurück und untersuchte die Wunden seines Ander-Ichs. »pTo«, sagte er, und seine Stimme füllte sich mit Staunen. »Der Riß in deiner Schwinge … er verheilt.«
»Das kann nicht sein«, sagte pTo. »Zerrissene Schwingen heilen nie. Zerrissene Schwingen sind Teufelsfleisch.«
»Aber es stimmt. Die Seiten des Risses wurden zusammengefügt, und eine Narbe bildet sich zwischen ihnen, wie auf Fellhaut. Die Alten haben die Macht, Leder heilen zu lassen.«
»Ach, Poto. Wer kann jetzt noch sagen, es sei falsch von mir gewesen, zu den Alten zu gehen?«
»Boboi«, sagte Poto trocken.
»Aber was sagst du?« fragte pTo.
»Ich sage, daß mein Ander-Ich vorangegangen ist. Ich sage, daß das Volk ohne deinen Mut, deine Kühnheit und deinen Ungehorsam den Alten fremd geblieben wäre. Aber jetzt sind die Alten unsere Freunde. Und einer von ihnen ist unsere Tante, und wir sind ihre Väter.«
Für Elemak war das Erlernen der Sprache der Wühler eine Rückkehr zu seiner Jugend, zu den Tagen, da er sich den Gefahren der Straße gestellt hatte, um sich seinen rechtmäßigen Platz als Erbe seines Vaters zu verdienen. Zu jener Zeit hatte er ein gutes Gefühl für Sprachen gehabt. Er erlernte sie schnell, schnappte sie von Führern auf, die er angeheuert hatte, von Gastgebern in den Städten, die er besuchte. Die ersten Sprachen waren wirklich mühsam zu erlernen, doch nach einer Weile fand er in ihnen Gleichmäßigkeiten und Muster. Bozhotz war wie Cilme, abgesehen davon, daß aus allen B-Lauten P-Laute und aus langen Vokalen Doppelvokale mit U-Endungen geworden waren. Man mußte nur den Mund richtig formen, auf einige wenige Worte achten, die in den beiden Sprachen nicht die gleiche Bedeutung hatten — Olpoik bedeutete auf Bozhotz nicht Haus, und wenn man nicht erstochen werden wollte, bat man einen Mann lieber nicht, er möge einen zu seinem Olpoik führen —, und kam zurecht. Nachdem er so lange gereist war, war es dermaßen leicht geworden, daß Elemak zwar stolz auf seine Fertigkeit mit Sprachen war, sich aber kaum noch dafür interessierte.
Nachdem er nun von seinem Vater enterbt worden war, würde er nie wieder durch die Welt streifen können — und selbst wenn, gab es keinen Ort mehr, der es wert gewesen wäre, daß man ihn aufsuchte. Darüber hinaus hatte seine Frau ihn vor der gesamten menschlichen Bevölkerung dieses Planeten verstoßen, und jetzt blieb ihm nur noch übrig, die Sprache irgendwelcher übergroßer unterirdischer Nagetiere zu erlernen.
Aber das war schon in Ordnung. Er hatte nicht einmal etwas dagegen, daß Ojkib ihm die Grundlagen der Sprache beibrachte. Ojkib mochte zwar Nafais kleiner Bruder sein, aber er war nicht Nafai selbst. Wäre es anders gekommen, wäre Ojkib vielleicht der Bruder geworden, der Issib hätte sein können, wäre er nicht behindert. Klug, aber kein Klugscheißer; folgsam, aber bereit, die Initiative zu ergreifen; mutig, aber nicht töricht; zuversichtlich, aber nicht prahlerisch. Er mochte Ojkib. Er wünschte, er würde nicht merken, daß Ojkib ihm ganz offensichtlich mißtraute und ihn fürchtete. Nun ja, in der Schiffsbibliothek hatte er ihn ein wenig hart angefaßt. Eine Sache des Temperaments. Es war sinnlos, ihm zu erklären, daß er auf Nafai wütend war, über Nafais Verrat. Und es war sinnlos, sich bei ihm einzuschleimen und ihm zu erklären, daß sie Freunde geworden wären, hätte Nafai einmal, nur einmal, durchblicken lassen, daß er wie Ojkib war. Es genügte, daß der Junge ihm die Sprache beibrachte, ihm bei den schwierigen Stellen half, bei der Suche nach Regeln und Mustern.
Denn es gab Regeln und Muster. Sie entsprachen natürlich nicht denen der Sprachen von Harmonie, denn die Wühlersprache hatte sich eigenständig entwickelt, ohne menschliche Vorlagen. Aber es gab trotzdem gemeinsame Konstanten. Methoden, Zeitabläufe auszudrücken, so daß die Sprache Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft beschreiben konnte, Ursache und Wirkung, Motiv und Absicht. Handelnde und Handlungen zwangen jede Sprache, auf eine bestimmte Weise Substantive und Verben zu entwickeln. Und ziemlich schnell — fast so schnell wie damals, als er jung gewesen war — bekam Elemak ein Gefühl für die Sprache, erfaßte er ihre Musik. Wenn sie zum Waldrand gingen, um sich mit den Beobachtern zu unterhalten, die dort Wache hielten, sah Elemak, daß ihnen gefiel, wie er sprach. Der Klang seiner Stimme gefiel ihnen, und auch die Tatsache, daß einer der Götter die Wühlersprache beherrschte.
Elemak bemerkte, daß Ojkib ein wenig eifersüchtig war. Schließlich war er anfangs der Lehrer gewesen, und nun, nach ein paar Wochen, war es Elemak, der ihm etwas beibrachte; wenn nicht die Bedeutung der Dinge, dann doch die Grammatik und Aussprache und den Sinn von Redewendungen. Wann hätte Ojkib auch ein Ohr für solche Dinge entwickeln sollen? Es war seine erste Fremdsprache, und Elemaks fünfzigste. Doch Elemak mußte ihm zugute halten, daß er nur Lob für Elemaks Fähigkeiten hatte, und es gab kein Anzeichen dafür, daß Ojkib sich der Veränderung in ihrer Beziehung widersetzte oder versuchte, Elemak nicht mehr unterrichten zu müssen. Hätte Nafai doch nur eine solche Selbstbeherrschung gehabt …
Doch schließlich kam die Zeit, da er zuversichtlich war, mit den Geiseln im Schiff kommunizieren zu können. Vier der ursprünglichen neun waren bereits freigelassen worden — die Soldaten, die auf Befehl des Kriegskönigs die Entführer hatten töten wollen. Doch die vier Entführer waren noch bei ihnen, und, was am wichtigsten war, Fusum, der Sohn des Blutkönigs, der Mann, der alles geplant hatte. »Ich will, daß er rehabilitiert wird«, sagte Volemak. »Ich will, daß er den Wühlern die menschliche Kultur bringt, denn er war derjenige, der uns vernichten wollte. Seine Freundschaft ist am wichtigsten.«
Also sollte Elemak sich mit ihm anfreunden. »Aber ich tue es auf meine Weise, Vater, oder überhaupt nicht.«
»Und was für eine Weise ist das?«
»Fusum ist ein gewalttätiger und zorniger Mann, Vater«, sagte Elemak.
»Also müssen wir ihn lehren, anders zu werden.«
»Zuerst müssen wir klarstellen, wer der Lehrer ist«, sagte Elemak. »Dann kennen wir darangehen, ihn eine andere Lebensweise zu lehren.«
Volemak hatte seine Zweifel, gab schließlich aber nach. »Aber ihm darf kein Leid geschehen, Elja«, sagte Volemak. »Nichts darf die Feindschaft zwischen ihm und uns noch schlimmer machen, als sie bereits ist.«
Also würde Elemak ihn nicht verletzen. Ihm zumindest keinen dauerhaften Schaden zufügen. Und im Tausch gegen dieses Versprechen bekam er in jeder anderen Hinsicht freie Hand. Freie Hand, und keine Beobachter.
Einmal abgesehen davon, daß er sich zuerst nur im Schiff mit Fusum und den anderen Wühlern treffen konnte, wo sie vom Computer beobachtet werden würden, den sie noch immer Überseele nannten, obwohl er nur einen winzigen Bruchteil der Macht hatte, die die echte Überseele auf Harmonie ausgeübt hatte. Nun, sollte die Maschine doch zusehen. Sollte sie Volemak und Issib und Nafai Bericht erstatten. Es würde keine Geheimnisse geben. Außerdem machten sich Njef und Issja große Sorgen um ihre kleinen Engelzwillinge. Häßliche kleine Geschöpfe. Knochen wie Zweige. Aber sie waren so hübsch, wenn sie flogen, und sie hatten sich mit Nafais Hure angefreundet, so daß sie jetzt eine große Familie waren. Natürlich war Nafai zu dumm, um zu begreifen, daß es nutzlos war, sich mit Schwächlingen anzufreunden. Die Engel waren nutzlos. Himmelsfleisch, so nannten die Wühler sie. Soweit Elemak herausbekommen hatte, waren die Engel lediglich noch nicht ausgelöscht worden, weil die Wühler einen ständigen Vorrat ihrer Lieblingsmahlzeit zur Verfügung haben wollten. Intelligente Kochtöpfe, das waren die Engel, Eintopf auf Schwingen, und mit denen wollten Nafai und Issib sich anfreunden.