Bitte, Vater, zwinge mich nicht, hier unten zu bleiben und mich mit den stärksten, mutigsten und eigensinnigsten Vertretern der starken, aggressiven Wühler anzufreunden! Elemak hätte manchmal fast laut aufgelacht, wenn er darüber nachdachte, wie Vaters kluges Manövrieren mit dem Ziel, Frieden zu schaffen, eine Zukunft sicherte, in der Elemak Experte für die einzigen Geschöpfe der Erde war, die es wert waren, daß man sie besser kannte, während Nafais Kenntnisse ausschließlich ihren wertlosen, geistlosen und rückgratlosen Opfern galten.
Elemak sagte es Ojkib zuerst. »Ich werde heute anfangen, mit den Geiseln zu arbeiten. Ich will mich jeden Tag mir dir treffen und das, was ich über ihre Sprache und Kultur von ihnen erfahren habe, mit dem vergleichen, was du von den freien Wühlern hier unten herausbekommen hast.«
Ojkib akzeptierte und schlug kein einziges Mal vor, er könne Elemak ja ins Schiff begleiten, um ebenfalls mit den Geiseln zu arbeiten. Ein guter Junge, ein wunderbarer Junge.
Dann ging Elemak zu Schedemei. »Wecke zuerst die vier Entführer auf«, sagte er. »Ich will eine Zeitlang mit ihnen üben. Von ihnen lernen, hören, wie sie sich miteinander unterhalten, unter Bedingungen, die ich kontrolliere, damit sie sich nicht einfach ins Unterholz schlagen können, wenn die Fragen schwierig werden.«
»Sie sind sehr stark«, sagte Schedemei. »Stärker, als du vielleicht glaubst.«
»Ich weiß, daß sie sehr stark sind«, sagte Elemak. »Also werde ich mich wohl kaum von ihnen überraschen lassen.«
»Ich wollte damit nur sagen, daß du ihnen vielleicht nicht allein gegenübertreten solltest«, sagte sie.
»Und ich wollte nur sagen, daß ich ihnen nicht den geringsten Hinweis darauf geben will, daß ich sie fürchte«, sagte Elemak. »Ich bin mit gefährlicheren Männern als diesen umgegangen — mit Männern aus Kulturen, über die ich rein gar nichts wußte, bis diese Männer es mir durch ihre Taten gezeigt haben. Das ist mein Arbeitsgebiet. Ich schaue dir ja auch nicht bei genetischen Angelegenheiten über die Schulter, oder?«
Beschämt erweckte Schedemei einen Entführer nach dem anderen. Elemak legte großen Wert darauf, daß sein Gesicht das erste war, das sie nach dem Erwachen sahen. Und er bestand darauf, sie grob anzufassen. Sie spürten seinen Griff auf ihren Schultern, während sie durch die Gänge des Schiffes getrieben wurden. An ihren Knöcheln trieb er jeden die Leiter zum Deck des Schiffes hinauf, das er als Schule, Verhandlungsraum und Gefängnis benutzen würde.
Vier Wochen verbrachte er mit ihnen und lernte alles, was er in Erfahrung bringen konnte. Natürlich jeden Tag neue Vokabeln und immer komplizierte grammatikalische Regeln, die er jeden Abend, wenn die Wühler eingesperrt wurden, gewissenhaft mit Ojkib besprach. Aber er erfuhr auch viel über ihre Kultur und darüber, wie das Leben in der unterirdischen Stadt organisiert war. Daß der Blutkönig der Heilige war, der die Knaben beim Übergang zum jungen Mannesalter führte. Der Blutkönig setzte auch den Zeitpunkt für das Fest der Himmelsfleisch-Kleinkinder fest, rühmte dabei die Männer, die gut und schnell töteten, aber noch mehr die, die ihre Beute lebendig nach Hause brachten, verkrüppelt, aber nicht blutend. Der Kriegskönig bildete die jungen Männer zwar im Kämpfen, Anpirschen und Töten aus; er wählte ihre Offiziere, führte sie an, wenn es darum ging, sowohl große als auch kleine Beute zu machen; aber der Blutkönig vergab alle Ehren und bestimmte, welche Männer groß und welche nichts waren.
Mufruzhuuzh war ein großer Kriegskönig gewesen, doch manche Männer behaupteten, er hätte den Fehler gemacht, Emeezem zu heiraten. Natürlich hatte er keine Wahl gehabt. Er war dazu gezwungen worden. Und es war nicht seine Schuld, daß man sie ihrer Träume und Stimmen wegen zur tiefen Mutter gemacht hatte, zur Herrin der unterirdischen Stadt. Aber gerade ihre Kraft hatte ihn geschwächt; er fügte sich ihr zu sehr, hörte auf sie, wenn er auf seine Männer hätte hören sollen. Dadurch war ein Vakuum entstanden.
Fusums Vater, Schosseemem, hätte dieses Vakuum ausfüllen sollen. Er hätte in die Bresche springen und den Männern helfen sollen, ihre Macht zu spüren, statt zu dulden, daß Emeezems Dominanz sie ihnen entzog. Doch Schosseemem wurde von Emeezems Visionen genauso gelähmt, wie es bei Mufruzhuuzh der Fall war. Schließlich hatte sie ja gesagt, daß der Unberührte Gott aus dem Himmel kommen würde, und genau das war geschehen. Sie hatten ihn zwischen den Unter- und Halbgöttern gesehen, hatten gesehen, wie er sich mit Zuversicht und Macht bewegte, und sie wagten Emeezems Autorität nicht anzuzweifeln, obwohl sie zu Schwäche und Passivität riet.
Paßt auf, sagte sie. Seht zu und wartet! Lernt, bevor ihr handelt! Nun, sie hatten zugesehen und gewartet, und dann war eines Tages Fusum zu ihnen gekommen und hatte gesagt: »Seid ihr Männer oder Frauen? Wenn ihr Frauen seid, wo sind dann die Kinder, die an euren Zitzen saugen? Und wenn ihr Männer seid, warum wartet ihr noch und beobachtet, wenn ihr doch gesehen habt, wo die kleinen Kinder gehütet und wie schlecht sie bewacht werden? Sie haben weder Tunnels noch Nester, also befinden ihre Kinder sich die ganze Zeit über auf ebener Erde. Warum haben wir sie nicht zum Blutkönig gebracht?«
»Weil der Blutkönig nicht nach ihnen verlangt. Und der Kriegskönig hat uns nicht zu handeln befohlen.«
»Das kommt daher, weil sie von Frauen beherrscht werden. Aber ich bin ein Mann, und wenn keine Männer über mich herrschen, werde ich eben selbst herrschen. Das sind keine Götter, auch wenn sie aus dem Himmel gekommen sind. Pissen sie ihren Urin nicht genau wie wir auf den Boden? Essen und atmen und scheißen sie nicht genau wie wir? Was soll an ihnen göttlich sein?«
»Das sind die Lügen, die Fusum uns erzählt hat«, betonten sie Elemak gegenüber immer wieder. »Er hat uns getäuscht. Hätten wir gewußt, daß ihr wirklich Götter seid, wie wir es nun wissen, wären wir ihm nie gefolgt. Vergib uns, Mächtiger, und lasse uns nicht vom Zorn deines leuchtenden Gottvaters niederschlagen«, und so weiter und so fort, bis Elemak sie ihrer Schwäche und Treulosigkeit wegen am liebsten erwürgt hätte.
Aber er zeigte ihnen mit keiner Regung, daß er ihren erbärmlichen Verrat an Fusum mißbilligte. Er ließ sie im Glauben, er wolle, daß sie ihre unsterbliche Hingabe für den leuchtenden Gott zum Ausdruck brachten — für Nafai, den verlogenen kleinen Mistkerl. Und als er alles von ihnen erfahren hatte, was er erfahren konnte, teilte er Volemak mit, er glaube, sie seien nun bereit, das Schiff zu verlassen, damit Schedemei und Ojkib, Chveja und Yasai und alle anderen, die die Lebensweise der Wühler ergründen wollten, mit ihnen arbeiten konnten.
Oh, Volemak und alle anderen waren so zufrieden mit der Arbeit, die Elemak geleistet hatte. Sie waren so unterwürfig, diese vier Wühler. So eifrig darauf bedacht, ihnen zu gefallen. So voller Informationen und Weisheit. Man schickte nach ihren Frauen, und sie nahmen an den Gesprächen teil; so gut kamen sie miteinander zurecht, die Menschen und die vier Wühler, die ein Kind aus Elemaks Haus gestohlen hatten. »Ich bin stolz auf dich, Sohn«, sagte Volemak. »Du hast diejenigen, die dir und deiner Familie geschadet haben, zu Freunden gemacht. Es war gute Arbeit, und du hast sie hervorragend bewältigt.«