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Sie hatten keine Vorstellung davon, wie lange sie so gegangen waren. Zeit spielte im Moment keine Rolle mehr. Alles würde gut werden, das war das Wichtigste.

Ohne Vorwarnung traten sie aus dem Wald heraus und standen vor einer Felswand, in der ein großes dunkles Loch klaffte, eine der zahlreichen, uralten Höhlen dieser Gegend, die zu Abenteuern einluden.

Noch vor kurzer Zeit hätte die Kinder der Anblick dieses Schlundes in helle Panik versetzt, aber diese Höhle löste kein Erschrecken aus. Die innere Ruhe, die sie erfüllte, ließ sie der Dinge harren, die da kommen mochten.

Die beiden Vögel kreisten vor der Höhle, und im Chor stießen beide einen weithin hörbaren Schrei aus, der in den Ohren der Kinder wie Musik klang. Jeder von ihnen fragte sich, wieso Raben einen so üblen Ruf hatten. Diese beiden hier konnten nicht dafür verantwortlich sein. Sie waren majestätische Vögel, und sie schienen sich dessen bewusst zu sein.

Die Raben flogen den vor der Höhle hängenden Ast einer uralten Eiche an und ließen sich darauf nieder. Dort ordneten sie ihr Gefieder, nicht hektisch, sondern als hätten sie alle Zeit der Welt. Dann schienen sie zu Statuen zu erstarren, Wächtern gleich, die auf ein Ereignis warteten.

»Wir sollen doch wohl nicht in die Höhle gehen?«, fragte Siggi und brach das Schweigen.

»Ich weiß nicht«, sagte Hagen. »Eigentlich will ich nicht. Es ist...«

In die Herzen der drei schlich sich wieder für einen Moment der Schatten der Furcht und des Zweifels.

»Kommt«, ertönte da die vertraute Stimme des Mannes mit dem Schlapphut, dem Umhang und dem Stab. »Kommt herein!«

Wie unter einem geheimnisvollen Zwang setzten sich die Kinder in Bewegung. Die Angst und die Bedenken waren wie weggeblasen. In diesem Moment schien die Wolkendecke zu zerreißen, der Nebel wurde durch eine gewaltige Bö weggefegt und das Licht der untergehenden Sonne fiel in die Höhleneingang.

Siggi, Gunhild und Hagen traten in die Höhle, welche sich als langer Tunnel entpuppte, der nach wenigen Metern einen Knick machte. Der Gang war über zwei Meter hoch. Die letzten Sonnenstrahlen zeigten ihnen den Weg. Dann kamen sie um den Knick herum, und das Licht von draußen verließ sie.

Aber dennoch war es nicht völlig dunkel. Von den Wänden der Höhle ging ein fahles Glimmen aus, matt, aber hell genug, dass man die Hand vor den Augen sehen konnte.

Plötzlich spürte Siggi einen Luftzug über sich. Die Raben strichen über sie hinweg ins Höhleninnere. Er versuchte, sie mit den Augen zu verfolgen, aber die schwarzen Leiber verschmolzen allzu bald mit dem dunklen Hintergrund.

Die Höhle reichte weit in den Berg hinein, weiter, als man es erwartet hätte. Je tiefer sie vordrangen, desto heller wurde das Glimmen, das sie umgab. Sie konnten nun Einzelheiten ausmachen. Die Wände waren aus grauem Stein und schienen teils künstlichen, teils natürlichen Ursprungs zu sein. Hier und da glaubte man, Meißelspuren zu erkennen, doch diese gingen in den gewachsenen Fels über, ohne dass man feststellen konnte, wo jener begann. Doch keiner der drei machte eine Bemerkung darüber; wie im Traum gingen sie weiter.

Dann machte der Gang eine weitere scharfe Biegung und weitete sich zu einer Kammer. In diese Kammer mündete von außen nur der Gang, durch den Siggi, Gunhild und Hagen traten, aber auf der anderen Seite führten zwei Öffnungen, die sich in den Ecken der gegenüber liegenden Wand auf taten, in die Tiefe.

Als Erstes fielen Siggi die Raben auf, die auf einem Felsvorsprung einträchtig nebeneinander hockten. Sie sahen ihn an, und es schien ihm, als wären dies eher Zauberwesen denn wirkliche Vögel.

Die vertraute Silhouette ihres Retters stand neben den Felsvorsprung mit den Raben. Keiner der drei Kinder fragte sich, wieso der Mann nach ihrer wilden Flucht durch den Wald vor ihnen hatte hier sein können. Er war eben einfach da. Er stützte sich auf seinen Stab und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Ebenso grau wie der Hut war der weite Umhang, der seine Gestalt umhüllte. Langsam wandte der Mann den Kopf, drehte sich betont ruhig zu ihnen um und sah sie an.

Siggi, Gunhild und Hagen fuhren erschrocken zurück. Der Mann, der sie mit Hilfe der Raben im Wald vor den Zwergenwesen gerettet hatte, besaß nur ein Auge.

3

Ymirs Brut

Der Mann lächelte. Sein Lachen war nicht unsympathisch, auch wenn es so wirkte, als habe er es lange nicht mehr gebraucht. Siggi sah, dass er schon alt sein musste. Graues Haar kam unter dem Hut hervor und fiel locker auf seine Schultern, Falten durchzogen sein Gesicht. Die Nase stach hervor wie der Schnabel eines Adlers. Er hätte ein eindrucksvoller alter Herr sein können, wäre da nicht das fehlende Auge gewesen! Über der Höhle des linken Auges fiel die ledrige Haut des Lides ein, und es war deutlich zu sehen, dass darunter kein Augapfel war.

»Es sieht erschreckender aus, als es ist. Ich will euch nicht fressen.« Die tiefe Stimme des Mannes klang belustigt, als er in die Gesichter der Kinder sah. Und er schien zu wissen, wohin die drei starrten.

»Entschuldigung«, stammelte Gunhild. »Es tut uns Leid, dass ...«

Wieder schmunzelte der Alte; er schien sich prächtig über seine kleinen Gäste zu amüsieren, die verlegen vor ihm standen und nicht wussten, was sie sagen sollten und ihren Blick doch nicht von seinem Gesicht lassen konnten.

»Lasst gut sein, Kinder. Es fällt eben wirklich auf, oder nicht? Daran erkennen mich manche immer noch. Dabei ist es eine Ewigkeit her«, und aus der Stimme des Alten glaubten Siggi eine Trauer zu hören, die unendlich lange zurückreichte.

»Wer sind Sie?«, fragte Gunhild unvermittelt.

»Ich bin nur ein alter Mann, der abgeschieden von der Menschheit seinen Lebensabend genießt, hier und da durch die Welt wandert und staunt, wie sehr sie sich verändert, was verloren ging, was gewonnen wurde«, antwortet der Alte vielsagend und ausweichend zugleich.

»So 'ne Art Landstreicher ...«, entfuhr es Siggi, der seine Frechheit gleich darauf bereute und ein »Entschuldigung!« nachschob.

»Doch, so könnte man es nennen«, entgegnete der Alte und blickte einen Moment sinnend mit seinem einen Auge an die Decke. »Ja, ich glaube, man könnte mich als Landstreicher bezeichnen.«

»Und wovon leben Sie?«, fragte Gunhild weiter, nur um etwas zu sagen.

»Von diesem und jenem, was mir Natur und andere so bieten«, meinte er lapidar.

»Sind Sie ... ein Dieb?«, fragte Hagen, und es schien sichtlich schwer zu fallen und peinlich zu sein, diese Frage zu stellen.

»Nein, das nicht. Ich habe es nicht nötig zu stehlen. Die Natur, nutzt man sie richtig, gibt einem alles, was man braucht. Essen, Trinken, Kleidung, Süßigkeiten und vieles mehr. Du musst nur wissen, worauf du zu achten hast, mein Junge«, erklärte der ganz in Grau gekleidete Alte; denn nicht nur Umhang und Hut waren grau, auch Wams und Hosen waren aus dunkelgrauem Stoff und seine Stiefel aus dunklem Leder.

»Was ... was waren das für Gestalten, die uns im Wald gejagt haben?«, fragte Gunhild. »Sie waren so unheimlich, so erschreckend.«

»Das waren die Schwarzalben«, sagte der Alte, als würde dieser eine Satz alles erklären, und Gunhild fragte nicht weiter. Hätte ihr Vater das gesehen, er wäre sprachlos gewesen, weil gerade Gunhild Fragen ohne Ende stellte, wenn ihr eine Erklärung zu vage war. Und die Erklärung des alten Mannes in dem grauen Gewand war alles andere als erschöpfend. Doch Gunhild nickte nur, und die Sache schien für sie damit erledigt zu sein.

Siggi bemerkte dies wohl, traute sich aber nicht, anstelle seiner Schwester weiter zu fragen, aber er mahnte sich an, dies zu tun, sobald wieder die Rede von diesen Wesen war, die der Alte ›Schwarzalben‹ genannt hatte.